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Die Heiterkeit aus Hamburg war in der Scheune Dresden

Die Heiterkeit aus Hamburg war in der Scheune Dresden

Zugegeben, die Dachzeile mag irritieren. Aber die Band heißt nunmal so. Und Heiterkeit nehmen wir in jeder Form interessiert an, so lange die aktuellen Tageslichtmengen noch jede knausrige, halbwegs mit Vernunft getränkte Richtlinie unterbieten.

Der Arbeitnehmer zieht sich nach Dienstschluss erfrorenen Herzens aus dem schwarzen Büroloch und braucht schon im Einkaufszentrum eine Sonnenbrille und obendrein packungsweise Taschentücher, weil jedes alte billige Liebeslied aus den Tempelboxen so rührig wärmt wie kein Wort am Tag. Die Außentemperaturen im Januar sind bei diesem Zustand wenig hilfreich. Da reicht die Energie nicht zum Feiern, vielmehr sucht man etwas Heiterkeit; die wärmt von innen - lakonisch, aber aufrichtig, kein bisschen überdreht, sondern trocken und klar.

Und damit ist das, was Stella Sommer (Gesang & Gitarre), Rabea Erradi (Bass) und Stefanie Hochmuth (Schlagzeug) mit ihrem reduzierten und spröden Geschrammel, das man als güldener Jüngling des Verbandes der gut gebügelten Konzertgitarristen sicher auch mühelos als irgendwie dilettantisch bezeichnen dürfte, adjektivisch schon im Kern beschrieben.

Die ganze Hysterie eines Tages verpufft bei diesem Konzert im angenehm intimen Rahmen der Scheune Lounge binnen weniger Takte zwischen zwei oder auch mal drei monotonen Akkorden und der ruhigen, durch keinen sonderlich bemühten Gesichtsausdruck gestützten Liedzeilen-Feststellung: "Gefällt mir gut, ich bin bereit, I touch you with my Heiterkeit". Kunstvoll beiläufig und doch ganz dicht am Kern der Sache.

Niemand auf der Bühne fängt an, dramatisch zu flattern, sich überschwänglich zu freuen oder es sonst mit irgend etwas zu übertreiben. Vielmehr weben die drei Damen mit den bleichen, ausdruckslosen Minen einen roten Faden ironischer Poesie zum Klangteppich, auf dem man sich ganz unwillkürlich ausstreckt: "Alles ist so neu und aufregend, Blumen pflücken am Kanal" singen Stella Sommer und Rabea Erradi zweistimmig mit dem expressiven Esprit eines Einkaufszettels. Stefanie Hochmuth, die nicht singt, singt nicht, weil sie sich offenbar sehr auf ihr rudimentäres Schlagzeugspiel konzentrieren muss, was an sich - und bei der bemühten Gleichgültigkeit ausgesprochen - sympathisch nachwirkt. Zwischenmenschliche Dramen unter dem reduzierenden Brennglas erträglichen Alltags und in jedem Fall jedoch im emanzipierten, aufrechten Gang füllen diese spröden Zeilen mit einer Dosis Leben, der tausend doofe Befindlichkeitsbands vergeblich hinterherhecheln.

So ein bisschen Verweigerungsattitüde gehört da zum guten Ton und gleichwohl zur Tradition; ohne Tocotronic würden diese Mädchen hier vermutlich ganz was anderes machen. "Solange es Euch gut geht, bin ich auch zufrieden", singt Sommer und steuert damit schon reichlich reminiszent auf den friedlichen Abschluss eines nicht mal einstündigen Konzerts hin, bei dem es natürlich keine Zugabe gibt.

So gut wie alle Songs gespielt und einen neuen, bislang unveröffentlichten noch dazu. Fertig. Man verkauft sich ja nicht. Dafür aber Beutel mit einem Smiley, dessen Mund eigentlich nur ein Strich ist. So eine Art Bandlogo. Da kann man streiten, ob man auf diese Heiterkeit jetzt noch gewartet hat. Der Verstand schüttelt den Kopf, das Herz nickt heiter.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.01.2013

Niklas Sommer

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