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"Die Geschichte hat Deutschland wieder eingeholt" - V&A-Direktor Martin Roth zum Thema des Nichtwissens

"Die Geschichte hat Deutschland wieder eingeholt" - V&A-Direktor Martin Roth zum Thema des Nichtwissens

Martin Roth, Direktor des Victoria & Albert Museum London, hat die Ausstellung zu David Bowie nach Berlin gebracht. Im Mail-Interview mit Torsten Klaus und Kerstin Leiße spricht der frühere Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden über Unterschiede zwischen Großbritannien und Deutschland, die Verwunderung auf der Insel mit Blick auf Umgang mit der Sammlung von Cornelius Gurlitt - und über Expansion.

Das Thema Restitution von Kunst ist Ihnen aus Dresdner Tagen gut vertraut. Hat die Causa Gurlitt in Ihren Augen etwas am Vorgehen deutscher Museen und Kunsthändler bei diesem Aspekt geändert - oder bleibt doch alles beim Alten?

Dresden ist ein Sonderfall. Zum einen, weil die Dresdner Sammlung aufgrund der historischen Verhältnisse immer im Zentrum von politischen und wissenschaftlichen Debatten stand. Außer- dem forscht dank einer einsichtigen Landesregierung eine Gruppe von Wissenschaftlern an der Herkunft von strittigen Objekten. Zum anderen sind die meisten Fachleute davon ausge- gangen, dass der Verbleib oder Verlust der meisten Werke bekannt ist. Einer der wenigen, die das bezweifelt ha- ben, war Stefan Koldehoff. Glücklicherweise hat sich seine Einschätzung durchgesetzt. Viele Museen wissen aufgrund des Bilderfundes erst, dass sie etwas vermisst haben. Was soll sich ändern? Ich hoffe, dass auch die Museen anfangen, die enteigneten Werke der sogenannten Entarteten Kunst zurückzufordern. Die sogenannte Fischer-Liste, die das V&A gerade digitalisiert und veröffentlicht hat, gibt genau darüber Auskunft, welche Werke wo entzogen und an wen verkauft wurden.

Wie wurde der Fund bei Cornelius Gurlitt in England bewertet, wie das Vorgehen der deutschen Behörden? Wie schätzen Sie Gurlitts testamentarische Verfügung pro Bern ein?

Es gab viel Verwunderung, dass dies möglich ist nach all den Jahren und Erleichterung, dass die Werke gerettet worden sind. Wenig Verständnis hat man für die komplizierten Rechtsverhältnisse und die Tatsache, dass auch massives Unrecht verjähren kann. Es blieb ein Gefühl, dass die Geschichte Deutschland einmal mehr unangenehm eingeholt hat.

Zu seinem Testament kann ich nichts sagen, weil ich es nicht kenne. Auf jeden Fall kommt auf den Erben, wer auch immer es sein wird, eine immense Aufgabe und Verantwortung zu.

Welches Resümee ziehen Sie zu Ihrer bisherigen Londoner Zeit?

Extrem viel Arbeit, wenig Schlaf. Sehr viel Neues erlebt und unendlich viele Menschen kennengelernt , aber gleichzeitig meine engen Kontakte zu Deutschland nicht verloren - im Gegenteil. Ich bin überrascht, wie wenig wir - Briten und Deutsche - wirklich voneinander wissen. Die Geschichte verbindet uns so sehr, ich weiß nicht, weshalb wir das immer wieder ignorieren. Damit meine ich nicht nur die Personalunion vor 300 Jahren oder den genialen Prinz Albert oder David Bowie, der schließlich in Berlin gelebt hat, sondern ganz alltägliche Dinge, von Fußball bis zu Automarken, von Mode bis zu Pop.

Wo liegen für Sie die größten Unterschiede zwischen dem englischen Museumswesen, besonders dem V&A, und dem deutschen? Wie ist beispielsweise die Personalausstattung beim V&A, verglichen mit den SKD?

Das ist eine komplexe Frage. Es geht nicht um Ausstattung, sondern um Einstellung. Im V&A machen wir das, was ich in den SKD immer versucht habe: Ein National-Museum ist kein nachgeordneter Betrieb, sondern ein selbstverantwortliches Unternehmen, das aber so ausgestattet werden muss, dass es effizient wirtschaften kann.

Gibt es Aspekte der deutschen Museumswelt, nach denen Sie sich zurücksehnen?

Aspekte? Nicht wirklich. Mir fehlen immer die vertrauten Menschen, mit denen ich gut zusammengearbeitet habe. Aber das hat nichts mit London zu tun, wo ich mittlerweile ein sehr gutes Team habe.

Der Neubau der ersten V&A-Außenstelle in Dundee ist etwas ins Stocken geraten und wird sich verzögern. Sind Sie zuversichtlich, dass dieses Projekt ein Erfolg wird? Bleibt diese "Expansion" großer Museen weiter ein Rezept oder läuft sie Gefahr, eine gewisse Beliebigkeit zu entwickeln?

Ist das Museum in Dundee ins Stocken geraten? Davon weiß ich gar nichts. Bisher läuft alles nach Plan, Verände- rungen, Zeitverzögerungen und Budgetprobleme inbegriffen. Es geht nicht um eine Expansion des V&A, sondern um die Aufgabe des V&A als National- museum auch dezentral zu arbeiten. Im Föderalismus ist dies schwer vorstellbar, im zentralisierten Großbritannien aber eine Notwendigkeit.

Allerdings würde ich durchaus gerne expandieren, wie Sie sagen, um unsere Sammlung zugänglicher zu machen. Aber dies ist ein anderes Thema.

Welches großes Ausstellungsprojekt steht für Sie als nächstes an?

Darüber schweige ich. Aber kommen Sie jederzeit ins V&A, bei uns ist immer viel los. Als nächstes eine provokante Ausstellung zu Disobedient Objects (Ungehorsame Objekte), wer Constable liebt, möge bitte bald kommen. Aber auf alle Fälle zu Alexander McQueen im nächsten Jahr.

Wird es Kooperationen mit Dresden und den SKD geben?

Es gibt sie bereits: Unser Freund und Förderer Henry Arnold finanziert ein reges Austausch- und Forschungsprogramm zwischen den SKD und dem V&A.

David Bowie-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 10. August, geöffnet Mo-So 10-20 Uhr, Eintritt 14 Euro (ermäßigt 10 Euro)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.06.2014

Torsten Klaus und Kerstin Leiße

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