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Die Geschichte des Dresdner Jazzclubs Tonne begann vor vierzig Jahren

Unikat in der ostdeutschen Jazzlandschaft Die Geschichte des Dresdner Jazzclubs Tonne begann vor vierzig Jahren

Er gehört zu den angesehensten Jazzclubs in Deutschland, ist in der internationalen Szene bestens bekannt, hatte im Oktober 2015 zum dritten Mal in Folge den renommierten Spielstättenprogrammpreis der Initiative Musik erhalten: der Dresdner Jazzclub Tonne. Vor 40 Jahren wurde er – noch als IG Jazz – gegründet.

Der Eingang zur Tonne 1987, damals war das Kurländer Palais noch eine Ruine.

Quelle: Matthias Creutziger

Dresden. Heute wieder in den kultigen Kellerräumen des Kurländer Palais mitten im Stadtzentrum ansässig, bietet die Tonne durchschnittlich drei Live-Konzerte pro Woche mit Weltstars der Jazzszene, mit regionalen Größen und mit vielversprechenden Nachwuchsmusikern. Der Akzent liegt auf avanciertem Jazz mit kleiner Gastronomie, nicht, wie andernorts häufig, auf Kneipe mit Mainstreamjazz-Dudel-Beschallung.

Angefangen hat alles vor vierzig Jahren – am 18. März 1977 gründeten Enthusiasten um den Jazzfan und Theatermenschen Frank W. Brauner die Interessengemeinschaft Jazz innerhalb der Kulturbund-Stadtorganisation Dresden. Jazz, vor allem der moderne, galt damals als klingendes Symbol für ein freies Leben als Individuum gemeinsam mit Gleichgesinnten, wurde häufig empfunden als Musik gegen Bürgerlichkeit und Gleichschaltung.

Im Jazzclub Tonne wurde viele Jahre lang auch Wert auf anspruchsvolle visuelle Qualität gelegt

Im Jazzclub Tonne wurde viele Jahre lang auch Wert auf anspruchsvolle visuelle Qualität gelegt. Hier das Plakat für den Dresdner Jazzherbst 1992. Künstler: Jürgen Haufe (1949 bis 1999).

Quelle: Sven Geise

Und die Jazzfreunde um Brauner legten gleich los. Am 13. September 1977 fand im Studentenclub Bärenzwinger das erste von der IG Jazz veranstaltete Live-Konzert statt – mit der englischen Alan Elsdon Band.

Viele weitere Konzerte folgten, die die IG Jazz im Bärenzwinger, in verschiedenen Hörsälen, im sogenannten Rundkino auf der Prager Straße und auch im Studentenklub Spirale auf der Nöthnitzer Straße veranstalteten. Logisch, dass die Jazzfreunde von eigenen Veranstaltungsräumen träumten.

Nachdem das Dixielandfestival zu einem internationalen Aushängeschild der DDR geworden war, brauchte man mehr Flair und einen stimmungsvoll-romantischen Raum für die Mitternachtssessions – den es in den Weiten des Kulturpalastes nicht gab. In einem zünftig wirkenden Klubkeller wie dem unter der Ruine des Kurländer Palais aber hätte man alle Jazzfreunde und auch die westlichen Musiker eng beisammen, was die unauffällige Arbeit der „Kundschafter des Sozialismus“ sehr erleichterte.

Das Wunder geschah: Die IG Jazz erhielt diesen ruinösen „Gerümpelkeller“ zum Ausbau. Im März 1981 und nach mehr als 15 000 Stunden unentgeltlicher Arbeit konnten die Mitglieder der Interessengemeinschaft ihr tonnenförmiges Kellerklub-Domizil beziehen.

Nun verlagerte sich Dresdens Jazzgeschehen immer mehr in die Tonnen-Gewölbe der IG Jazz. In der fanden alle stilistischen Richtungen von Dixieland über Blues und Swing bis hin zu zeitgenössischen Formen eine Heimstatt – 1985 waren das 79 Konzerte mit 14 000 Besuchern.

Die erste Version der Wort-Bild-Marke, die der Künstler Jürgen Haufe (1949 bis 1999) Mitte der 80er-Jahre für die IG Jazz Dresden entworfen hatte

Die erste Version der Wort-Bild-Marke, die der Künstler Jürgen Haufe (1949 bis 1999) Mitte der 80er-Jahre für die IG Jazz Dresden entworfen hatte. Das Haufe-Logo erfreute sich großer Beliebtheit, wurde sogar auf Bierdeckel gedruckt.

Quelle: Archiv Bäumel

Mit der politischen Wende in der DDR kam es zu erdrutschartigen Veränderungen im Besucherverhalten. Nur noch durchschnittlich fünfzehn bis zwanzig Hörer besuchten die Tonne-Jazzkonzerte. Gleichzeitig beginnen die Kosten für den Betrieb der Einrichtung drastisch zu steigen. Der Kulturbund fiel mit rasender Geschwindigkeit auseinander. Im Juni 1990 wird deshalb der Verein Jazzclub Tonne gegründet, der Kampf um gute Musiker und um das Publikum wurde noch härter.

In besonderer Weise trat die Tonne ab 1992 mit ihrem kleinen Festival „Dresdner Jazzherbst“ hervor, das dem Publikum vor allem in den Jahrgängen bis 1995 mit Gala-Konzerten im Kongress-Saal des Hygienemuseums große Namen des modernen Jazz vorstellte, die bisher nicht live in der DDR aufgetreten waren: Chick Corea, Joe Pattitucci, Bob Berg, Oregon, United Jazz and Rockensemble, Ack van Royen, Betty Carter, John McLaughlin, 29th Street Saxophone Quartet, Hermeto Pascoal, Abdullah Ibrahim, Billy Bang, Al Di Meola, Dave Holland, Jack DeJohnette und Geri Allen.

Aber schon zum 1994-er „Jazzherbst“ schrieb Kritiker und Fotograf Matthias Creutziger: „Mit Ausnahme von Doppelmoppel bestimmte immer noch der Nachholbedarf das abendliche Jazz-Gala-Programm. ... Die Schonzeit ist vorüber, jetzt sollte man sich Gedanken machen, ob man ein europaweit anerkanntes Festival mit einem eigenständigen Profil oder ein Allerweltsprovinzfestival werden will.“ Eine Fragestellung, die – sinngemäß – auch bis in die Gegenwart hinein jeden Jazzveranstalter, auch die heutige Tonne, angeht.

Visuell setzten die ersten Jahrgänge dieser Jazzherbst-Reihe Maßstäbe: Die entsprechenden Plakate und grafischen Faltblatt-Gestaltungen von Jürgen Haufe waren hinsichtlich ihrer künstlerischen Qualität und grafischen Signalwirkung einmalig in Deutschland! Damals hatte Tonne-Jazz ein Gesicht erhalten, Jazz und Visuelles gehörte seither in Dresden zusammen. Dieses das Visuelle einschließende Jazzverständnis spiegelte sich in all den Jahren im kontinuierlichen Präsentieren von Ausstellungen im Tonne-Gewölbe und später auch im Ausstellungsfoyer des Kulturrathauses wider. Eine bereichernde Gepflogenheit, die leider mit dem Rück-Einzug ins Kurländer Palais im Herbst 2015 wegfiel.

1996 hat sich die Tonne gründlich konsolidiert. 180 Konzerte mit 23 000 Besuchern sprachen eine überzeugende Sprache. „Tonne“ stand für Qualität. Es galt, dass jeder, der über das Jahr regelmäßig die Tonne besucht, viele der wichtigen innovativen Jazzer aus den USA und Europa gehört hat.

Reichlich 13 Jahre war der Klubkeller unter dem Kulturrathaus auf der Königstraße Spielstätte der „Tonne“

Reichlich 13 Jahre war der Klubkeller unter dem Kulturrathaus auf der Königstraße Spielstätte der „Tonne“. Hier ein Schnappschuss einer Jam Session aus dem Jahre 2006 mit Dresdner Musikstudenten.

Quelle: Viktor Slezak/Archiv Bäumel

Der Einschnitt kam 1997. Weil das Land Sachsen die Ruine des Kurländer Palais zum Verkauf ausschrieb, ohne ein Bleiberecht für die Tonne zu garantieren, sah sich die Mitgliederversammlung des Vereins nach harten Diskussionen gezwungen, in die historischen Bierlagerkeller der ehemaligen Waldschlösschenbrauerei umzusiedeln. Dort wurde der Klub jedoch weder vom Großteil der Gründungsmitglieder noch vom Dresdner Jazzpublikum ausreichend angenommen. Konsequenz: Der Jazzclub Tonne e.V. musste im Jahre 2000 Insolvenz anmelden.

Um den Tonne-Jazz für Dresden zu retten, gründeten Dresdner Jazzfreunde am 21. November 2000 im Jazzcafé des Waldschlösschengeländes den Verein Jazzclub Neue Tonne Dresden. Doch die horrenden Kosten im Waldschlösschengelände konnten auch vom neuen Verein nicht erwirtschaftet werden, der Jazzclub Neue Tonne ging ins „Asyl“, veranstaltete von September bis Dezember 2001 19 Konzerte im Kulturzentrum Scheune und auf der Kleinkunstbühne des Restaurants Schillergarten. Gleichzeitig wurde die Suche nach einer neuen geeigneten eigenen Spielstätte verstärkt und mit dem Keller unter dem Kulturrathaus auf der Königstraße 15 gefunden.

In der Tonne kam es immer wieder zu Begegnungen zwischen Jazz und anderen Kunstformen

In der Tonne kam es immer wieder zu Begegnungen zwischen Jazz und anderen Kunstformen. Hier tanzt Hanne Wandtke am 6. Oktober 1989 zu freien Improvisationen und Neuer Musik.

Quelle: Achim Lagler/Archiv Wandtke

Mit Eröffnungskonzerten am 19. und 20. April 2002 ging es in den neuen Räumen der Tonne auf der Königstraße 15 wieder los! Mit mehr als 100 Konzerten im Jahre 2003 brauchte sich der Jazzclub nicht zu verstecken.

Das Veranstalten von Konzerten und Ausstellungen war mittlerweile wieder Alltags-Geschäft. Der Jazzpublizist und -wissenschaftler Dr. Bert Noglik stellt 2005 begeistert fest: „Der Jazzclub Neue Tonne in Dresden ist der einzige im gesamten MDR-Sendegebiet Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, der kontinuierlich und mit solch großer Dichte Konzerte mit einer bemerkenswert hohen innovatorischen Qualität veranstaltet.“

Doch für die Tonne mindestens ebenso wichtig wie die laufenden Konzerte waren viele eigene Produktionen.

Mit dem Projekt „Picasso – Klang und Raum“ im Jahre 2004 zur Museumssommernacht erreichte der Jazzclub mehrere Tausend (!) Besucher, mit „Stadtmusik“ (Künstlerische Gesamtleitung bei beiden: Michael Schulz) würdigte die Tonne am 26. Mai 2006 gleichzeitig an verschiedenen Orten Dresdens das Dresdner Stadtjubiläum. Unter dem Titel „Verwandlung. Kafka klingt nach“ am 28. März 2007 las Zdenka Procházková, die grande dame der tschechischen Schauspielkunst, kleine Kafka-Texte und Baby Sommer improvisierte gemeinsam mit seinen Studenten dazu. Phantasievoll war das Film-Musik-Projekt „Märchenhaft – Kurzfilm-Klänge“ am 24. März 2009. Hier kam es zu einer Weltpremiere mit den Improvisationen zur Flash-Animation “Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ der Künstlerin Ulrike Wicht. Ein spezielles Erlebnis bot 2009 das Open-Air-Duett von Glockenspiel und einem Alphorn, dem Hunderte im Zwinger-Innenhof zuhörten (John Wolf Brennan + Arkadi Shilkloper).

„Jazzwelten“ hieß das Festival des Jazzclubs Tonne Dresden, das zwischen 2005 und 2010 jährlich im Frühjahr stattfand. Jahr für Jahr stand ein anderes Thema im Vordergrund – eben jedes Mal eine andere „Jazzwelt“. Die sechs Jahrgänge Jazzwelten waren etwas Besonderes in Sachsens Jazzszene, die Einstellung des kleinen Festivals ist für sie ein großer qualitativer Verlust.

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Impressionen aus den vergangenen beiden Jahrzehnten

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Auch die Herausgabe einer eigenen Broschüre im Kontext des Jubiläums “Zwanzig Jahre Wende“ muss erwähnt werden.

Zur Jazzbilanz gehört auch, dass die Tonne sieben Jahre lang, von 2003 bis 2009, offizieller Mitveranstalter des in Mähren stattfindenden Festivals Boskovice war, der Dresdner Jazzclub war dabei zuständig für das Bespielen der Jazzbühne. Spätestens hierbei wird klar, das gelebte Internationalität für die Tonne zu den Selbstverständlichkeiten gehört.

Und wieder änderte ein einschneidendes Ereignis so ziemlich alles: Nach einem Wassereinbruch im Juni 2015 setzte die Stadt Dresden ihren Jazzclub vor die Tür, kündigte der Tonne die bisherigen Räume. Die stand damit auf der Straße. Das passierte kurz vor einem Jubiläum, nämlich fünfzehn Jahre nach dem Neustart im November 2000. Welch Kontrast: Anlässlich eines früheren Jubiläums, zum 10. Geburtstag der IG Jazz 1987, hatte der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer ein zweiseitiges, begeistertes Gratulationsschreiben geschickt!

Dass die Jazzfreunde – bei Fehlen von Alternativen – nun kurzfristig im Oktober 2015 in die mittlerweile elegant designten Kellergewölbe unter dem Kurländer Palais (wieder)einziehen konnten und – ja! – mussten, löste Freude und Skepsis gleichermaßen aus. Freude wegen der erweiterten Möglichkeiten für Konzerte, Skepsis wegen der im Vergleich zu vorher spürbar höheren Kosten, die auch mit gewinnbringenden, häufig ins Poppige rutschenden Konzerten erwirtschaftet werden müssten. Ein Motto der Tonne war es über die vierzig Jahre, den Jazzclub nicht vordergründig als „Bedürfnisbefriedigungsanstalt“, sondern vor allem auch als „Bedürfnisweckanstalt“ zu führen. Dass die Tonne in den nächsten Jahren diesbezüglich eine fruchtbare Balance finden möge, ist dem Unikat auf der ostdeutschen Jazzlandschaft zu wünschen.

Von Mathias Bäumel

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