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Die Forsythe Company mit ihrer Dresden-Premiere "Stellentstellen" im Festspielhaus Hellerau

Die Forsythe Company mit ihrer Dresden-Premiere "Stellentstellen" im Festspielhaus Hellerau

Allzu leicht lässt sich das Dresdner Publikum nicht aus der Reserve locken, reagiert eher verhalten, wenn es gedanklich an einer harten Nuss zu knacken hat.

Und bleibt doch intensiv und aufmerksam dabei, ist selbst mit wiederholtem Handyzuspiel nicht abzulenken. Vor allem aber besitzt es eine fast untrügliche Wahrnehmung von Qualitäten. Das war auch beim Applaus zur Dresdenpremiere der Forsythe Company am Wochenende im Festspielhaus Hellerau deutlich zu spüren. Ein Beifall voller Sympathie für die wie stets unglaublich guten Tänzer.

Zum Auftakt vom ersten Teil des Abends "Whole in the Head" (uraufgeführt im November 2010 im Bockenheimer Depot in Frankfurt am Main) ist David Kern wie etwa in den Werken von Karl Hofer oder Gerhard Marcks "Der Rufer". Und jene, die er da mit einem leicht jodelnden Einschlag herbeiruft, beginnen jeweils eine Art individuelles Balancespiel. Mit variierten Impulsen, Verzögerungen, Orientierungen. Forsythe nimmt erklärtermaßen den roten Faden seiner Robert-Scott-Geschichte wieder auf, erkundet erneut Vorstellungen und Möglichkeiten von Tanz. Da gibt es viel zu beobachten, und jeder Tänzer hat so seine Prägungen und Eigenheiten. Zudem schafft Thom Willems live einen stets veränderlichen Klangraum, aber nicht, um Bewegung suggestiv zu forcieren oder zu begleiten. Es ist mehr wie ein Aufreiben aneinander, ein Wechselspiel.

In dieser sich stets weiter entwickelnden Company ist spürbar jeder ein Könner. Und immer wieder gibt es auch Überraschendes. Als Forsythe vor zwei Jahren sowohl den außergewöhnlichen Riley Watts wie auch Josh Johnson in seine Company aufgenommen hat, brauchte es einige Zeit, um zu erkennen, dass letzterer nicht nur ein sehr guter Tänzer ist, sondern auch ein Potenzial dafür besitzt, in das so außergewöhnliche Ensemble hineinzuwachsen. Was nicht Anpassen heißt - hier kann jeder seine Individualität kräftig ausleben, und das war an diesem Abend besonders eindringlich zu spüren. Speziell auch bei Johnson, der früher bei Alvin Ailey tanzte. Er hat sich in seinem künstlerischen Selbstverständnis spürbar weiter entwickelt, spielt bewusst mit Situationen, Bewegung, Raum, Zeit, bietet erkennbar eine Qualität eigener Art. Dass Forsythe diese schon erkannte, als sie für andere noch weniger sichtbar war, dass er Tänzer immer wieder auch ermutigen kann, ist schon eine wunderbare Gabe und macht einen erheblichen Teil seines Erfolges aus.

Übrigens: Kultur lässt sich nicht messen und zählen. Irgendwer hat das vor etlichen Jahren in Leipzig bei einer Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung geäußert. Und an der Brisanz der Aussage dürfte sich bis heute auch nichts geändert haben. Mit dem zweiten Stück des Abends, Anfang Februar dieses Jahres in Frankfurt am Main uraufgeführt, hat William Forsythe wohl kaum auf die so öffentlich ausgetragenen politischen Querelen um "Sein oder Nichtsein" der Forsythe Company in Dresden reagiert. Da war der zähe Brei noch nicht aufgequollen, aber schon längst angerührt. Mit "Stellentstellen" ist einfach eine neue Arbeit entstanden, und sie bietet wie jedes Werk von Forsythe in enger Zusammenarbeit mit seinen Tänzern auch Anstöße zum Denken. Egal, ob es nun um Vor-, Mit- oder Nachdenken geht.

Zum Beispiel über die Tatsache, dass Kunst und insbesondere Tanz eine recht komplizierte Angelegenheit ist. Da kann einer musikalisch noch so sehr verlocken wollen - es dauert eben seine Zeit, bis sich etwas formt, irgendwie ein Weg gefunden ist. Und was den einen schmerzhaft, hoffnungsfroh umtreibt und gefangen nimmt, lässt einen anderen gänzlich kalt. Der baut wie bei Shakespeare mit seinem Körper eine Mauer auf, sichert sich nach allen Seiten ab, sucht und findet das erschreckende Staubkörnchen, Bis er denn irgendwann in ein Körpergeflecht eingebunden ist, wo sich jedes Bein, jeder Arm, jeder Kopf einordnen lässt. Auf immer und ewig? Ganz gewiss nicht. Nur für eine klitzekleine Ewigkeit. Und es folgen ein wiederholtes Verflechten und Entflechten, ein "Stellentstellen" als Szenerie mit höchst eigener Dynamik und auch Zeitgefühl. Wo Längen bewusst an Grenzen dessen führen, was sich noch aushalten lässt. Aber das Beobachten macht Spaß, die grauen Zellen bekommen Futter. Langeweile ereilt an diesem Abend nur jene, die finden wollen, ohne zu suchen.

Gabriele Gorgas

nächste Aufführungen: 19., 20., 21. und 22. September, Beginn jeweils 20 Uhr

Am 19. September um 19 Uhr findet ein Publikumsgespräch mit William Forsythe und Dieter Jaenicke im Nancy-Spero-Saal statt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2012

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