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Die Dresdner Sinfoniker erschließen mit "Dede Korkut" das Nibelungenlied der alten Türken für Dresden

Die Dresdner Sinfoniker erschließen mit "Dede Korkut" das Nibelungenlied der alten Türken für Dresden

Projekte der Dresdner Sinfoniker haben stets das besondere Etwas. So sind etwa Konzerte wie die "Hochhaussinfonie" 2006 oder "Codex Dresdensis - Konzert zum Ende der Zeit" 2012 wohl jedem in Dresden ein Begriff.

Das aktuelle Musiktheaterprojekt "Dede Korkut" dürfte allerdings das bislang größte und umfangreichste Vorhaben in der Geschichte des jungen Orchesters werden. Der sagenhafte Stoff, aus dem dieses "dokufiktionale Musiktheater" gewebt ist, stammt von den Oghusen, einem Urvolk der Türken, und ist hierzulande (noch) weitgehend unbekannt.

Nur zwei Handschriften des mythologischen Stoffes sind erhalten. Eine davon liegt im Vatikan. Die andere, einzige vollständig erhaltene, in der SLUB.

"Das Buch des Dede Korkut beinhaltet zwölf Sagen aus dem 11. Jahrhundert, die von Kasachstan bis in die Türkei fast jedes Kind kennt", erklärt der Intendant der Dresdner Sinfoniker, Markus Rindt. Eine Art Nibelungenlied der Türkei und Zentralasiens also, das dort noch heute auf verschiedenste Weise gesungen, gespielt und erzählt wird. Nur zwei Handschriften des mythologischen Stoffes sind erhalten. Eine davon liegt im Vatikan. Die andere, einzige vollständig erhaltene, in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). "Das wussten wir vorher aber nicht", beteuert Rindt und muss selbst immer noch schmunzeln über den Zufall.

Denn ausgerechnet seine Dresdner Sinfoniker sind es, die eine dieser zwölf oghusischen Sagen, "Die Kunde von Tepegöz", nun als Erste vertonen und in ein multimediales Musiktheaterprojekt für Orchester, Stimme, Bewegung und Videoinstallation verwandeln. Der Einäugige Tepegöz ist ein unzähmbarer Ausgestoßener, Spross einer vergewaltigten Nymphe, der zur tödlichen Bedrohung für das Volk der Oghusen wird. Am Ende ist es ausgerechnet sein Bruder, der ihn tötet. Die Musik zu diesem Stoff schrieb der türkisch-deutsche Komponist Marc Sinan. Er will die Geschichte aus Sicht des Ausgegrenzten, als Parabel einer gescheiterten Integration erzählen - und macht sie damit auch zum hochbrisanten Gegenwartsstoff.

Sinas erste gemeinsame Produktion mit den Dresdner Sinfonikern, "Hasretim - eine anatolische Reise", wurde 2011 mit dem Preis "Welthorizont" der Unesco ausgezeichnet. "Mit 'Dede Korkut' wollen wir über die Hasretim-Aufführung noch ein wenig hinausgehen", erzählt Rindt. Zusammen mit Sinan hat er sich dazu auf Spurensuche in Zentralasien begeben. Zwei jeweils dreiwöchige Reisen, nach Usbekistan (2011) und nach Kasachstan und Aserbaidschan (2013), führten die beiden zu Wissenschaftlern, Volksmusikern sowie hoch renommierten Künstlern aus diesen Ländern. Wie schon 2010 haben sie von diesen Reisen ein Dutzend Musiker-Videos mit nach Deutschland gebracht.

Sie haben gefilmt, wie die Künstler in diesen drei Ländern auf traditionellen Instrumenten musizieren. All diese Videos werden in die Aufführung eingebunden. Vier der Solisten aus Kasachstan, Usbekistan und Aserbaidschan spielen live vor Ort. Zudem haben Sinan und Rindt die türkische Choreografin Aydin Teker für das Projekt gewonnen. Teker ist für ihre Choreografien mit Solisten bekannt. "Sie hätte am liebsten das ganze Orchester in die Arbeit einbezogen, aber das war organisatorisch nicht machbar", erzählt Rindt. Dieses riesige Projekt wird nun mit rund 200 000 Euro von der EU gefördert und entsteht in Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater Berlin und dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau, wo es am 8. Februar uraufgeführt wird.

Das Libretto für "Dede Korkut" schrieb Holger Kuhla, Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin. "Es wird aber nicht so narrativ wie in der Oper erzählt", sagt Rindt. Um die Sagenwelt der Oghusen dem deutschen Publikum nahezubringen, ist die Uraufführung in Hellerau zudem von einem umfangreichen Rahmenprogramm gesäumt. Die Schatzkammer der SLUB wird die vollständige Handschrift "Dede Korkut" vom 28. Januar bis 28. Februar für Besucher zugänglich machen. Darüber hinaus findet am Tag der Uraufführung das Symposium "Mythos heute" in Hellerau (Eintritt frei) statt.

Daneben gibt es noch ein Projekt, bei dem sich Schüler von vier Schulen aus Berlin - darunter auch dem Campus Rütli - und einer aus Dresden ausgehend vom Mythenstoff mit aktuellen Fragenstellungen zum Thema Migration beschäftigt haben. Die Ergebnisse der 84. Grundschule Hellerau werden am 8. Februar im Festspielhaus (14.30 Uhr und 15.30 Uhr), die der vier Berliner Schulen am 15. Februar (14-16 Uhr) im Maxim Gorki Theater, präsentiert.

Damit die Musik Zentralasiens - zumindest auf Zeit - ein Zuhause in Deutschland findet, kann man sich die vier angereisten Solisten aus Zentralasien am 4., 5. und 6. Februar zu Hauskonzerten in Dresden und Berlin ins Wohnzimmer bestellen. Die Idee stammt von Markus Rindt. "Ich möchte damit Leute einladen, die sich unter der Musik vielleicht gar nichts vorstellen können, diese fantastischen Musiker, die Superstars in ihren Ländern sind, in den eigenen vier Wänden zu erleben", sagt er. Zwölf solcher Privat-Ouvertüren je Stadt seien als Auftakt zum großen Musiktheater geplant. Dieses soll übrigens nach den beiden Deutschlandpremieren im Januar ab Oktober 2014 mit einer Dede-Korkut-Tournee auch durch Zentralasien wandern.

"Dede Korkut", Uraufführung am 8. Februar, 20 Uhr im Festspielhaus Hellerau, weitere Aufführungen am 14./15. und 16. Februar, Maxim Gorki Theater Berlin

Infos zum Projekt und zu den Hauskonzerten: www.dedekorkut.eu

Warum sich in "Dede Korkut" ein hochbrisanter Stoff verbirgt - Im Gespräch mit dem Komponisten Marc Sinan

Marc Sinan hat die Musik zu "Dede Korkut - die Kunde von Tepegöz" geschrieben. Für den türkisch-deutschen Komponisten ist dies auch eine Reise zu seinen Wurzeln. Im Gespräch mit Nicole Czerwinka erzählt er von seiner Herangehensweise an das Projekt.

Frage: "Dede Korkut" ist ein dokufiktionales Musiktheaterprojekt. Aber ist das Wort dokufiktional nicht ein Widerspruch in sich?

Marc Sinan: Das ist eher ein ironisch gemeintes Wortspiel. Einerseits arbeiten wir mit dokumentarischem Material, indem wir die Aufnahmen von den Musikern in Aserbaidschan, Usbekistan und Kasachstan in diese Aufführung einbinden. Zugleich aber überführen wir das Ganze ins Fiktionale, in die Sagenwelt des Barden "Dede Korkut", für die wir wiederum auch unsere eigene Erzählweise finden.

Indem Sie die Geschichte aus der Sicht des Einäugigen erzählen, der ja eigentlich als der Bösewicht dargestellt wird?

Ja, wir decken auf, was in der Sage enthalten ist. Meiner Meinung nach ist der Sagenstoff eine Verschleierung, die Geschichte wird nur erzählt, um deren Anfang, die Vergewaltigung der Nymphe, zu verschleiern. Die Tat wird nie gesühnt, stattdessen versucht man, ihre Folgen zu beseitigen. Die Sage erzählt also eigentlich von der Schwierigkeit, mit unlöschbarer Schuld umzugehen.

Wie sind Sie auf den Sagenstoff des Barden Dede Korkut gekommen?

Die Idee, unser Projekt "Hasretim - eine anatolische Reise" fortzuführen, kam aus Hellerau. Wir wollten aber keine bloße Reisegeschichte mehr machen. Ich wollte das Element der Erzählung dabei haben, so bin ich auf die Sagen "Dede Korkut" gekommen, die ja nun auch noch in Dresden liegen. Also war der Bezug zur Stadt schon mal gegeben. Die Sage von Tepegöz wiederum hat auch mit meiner Geschichte zu tun. Meine Großmutter war auch ein Waisenkind, sie wurde als Armenierin in einer türkischen Familie aufgenommen, deswegen hat mich der Stoff sofort angesprochen.

Nun wird das Epos bei Ihnen ja in ein Puzzle aus Video und Musik verpackt. Wie kann man die verschiedenen Spiel-Traditionen aus Zentralasien und Deutschland dabei auf einen Nenner bringen?

Ich habe das Ganze bewusst heterogen anlegt, eigentlich ist es ein wahnsinnig zerklüftetes Werk, was aber trotzdem in sich zusammenhängt. Den traditionellen Musikstücken aus Aserbaidschan, Kasachstan und Usbekistan auf den Videos muss man einzeln begegnen, sie sind für sich so individuell, dass man darauf nur reagieren kann. Sie bleiben in sich verschlossen, wenn man sich nicht intensiv mit ihnen auseinandersetzt. Da ist sicher auch viel subjektive Wahrnehmung von mir mit in die Kompositionen eingeflossen. Ich hoffe, dass ich dem Publikum diese fremde Musik so auch öffnen kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.01.2014

Nicole Czerwinka

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