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08:24 11.09.2017
Die neue Eule-Orgel im Dresdner Kulturpalast  Quelle: Anja Schneider

 Um zu ermessen, was in Dresdens Konzertplänen – bei aller ungetrübten Freude über die eben eingeweihte Eule-Orgel und über den neuen Konzertsaal im Kulturpalast – fehlt, ist paradoxerweise ein Blick zurück nötig: Es fehlt der musikalische Blick nach vorn, es gibt zu wenig Zeitgenössisches. Oberbürgermeister Hilbert erwähnte am Freitag im Grußwort zur Orgelweihe die alte Jehmlich-Orgel des Kulturpalastes und ihre neue Bestimmung für die katholische Gemeinde in Cottbus (wobei „alt“ bei einem Baujahr 1971 relativ ist), und aus Anlass des ersten Konzerts der Dresdner Philharmonie mit der Eule-Orgel am Sonnabend scheint ein kurzer Exkurs interessant.

Mit einer Festveranstaltung ist die neue Orgel des Dresdner Kulturpalastes übergeben worden.

Für die Einweihung der Jehmlich-Orgel schrieb Rainer Kunad im Auftrag der Philharmonie sein Konzert für Orgel, zwei Streichorchester und Pauken, das zu den eminenten Werken seiner Gattung gehört und endlich dem Schlummer im Notenarchiv des Orchesters entrissen werden sollte. Die Existenz der ersten Kulturpalastorgel (deren Bau übrigens Kurt Masur fast verhindert hätte) begann also mit einem neuen Stück. Dieser Mut zum Aktuellen (der beim Amtsantritt von Michael Sanderling eigentlich Programm sein sollte) fehlt eklatant.

Den künstlerischen Wert des Sinfoniekonzertes vom Wochenende schmälert dies jedoch nicht. Dirigent Bertrand de Billy leitete ein Programm, das im musikhistorischen Krebsgang drei bedeutende französische Kompositionen zusammenfasste und darin das Zeitgenössische zumindest streifte. In „Métaboles“ nahm Henri Dutilleux den musikalischen Ausdruck so ernst, wie Generationen vor ihm, und so sah de Billy auch dieses groß besetzte Werk: Bei aller Großräumigkeit im Ganzen stand die Aufmerksamkeit für die Feinheiten immer im Vordergrund. Und so waren alle Details (Cellosolo: Matthias Bräutigam) bestens präsent, und die beständige Verwandlung als gestalterisches Programm ließ sich ideal erleben.

„Palastorganist“ Olivier Latry am Spieltisch der Eule-Orgel Quelle: Björn Kadenbach

Dann also kam der mit Spannung erwartete Moment, in dem die Eule-Orgel erstmals als Soloinstrument mit dem Orchester erklingen würde. Für Francis Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauken (ja, auch darauf nahm Kunad 1971 Bezug) g-Moll einen intimeren Kenner als Olivier Latry zu finden, dürfte schwer fallen. Dass sein neuer Titel als „Palastorganist“ etwas gesucht anmutet, ist eine andere Sache, und man will hoffen, dass die Dresdner Philharmonie nächstens nicht in „Palastorchester“ umbenannt wird.

Die Eule-Orgel kann – anders, als neulich bei Mahler gehört – durchaus kraftvoll über einem großen Ensemble stehen. Doch Latry ging in seinem Dialog mit der Streicherbesetzung bis in die kleinste Nuance auf die Farben und die dynamische Wirkung des Orchesters ein und gestaltete das Stück gemeinsam mit Bertrand de Billy zu einem reizvollen Gang durch die emotionale Welt des Komponisten. Der kokettierte vorbehaltlos mit dem Unterhaltsamen ebenso, wie er Reminiszenzen an Rokoko und Romantik einfügte. Dass dies ohne einen Anflug von Kitsch umgesetzt war, bewies die Kunstfertigkeit von Organist und Dirigent. Und dass der Solist vom Dirigenten förmlich zurück an den Spieltisch gedrängt werden musste, offenbarte einen sympathischen Zug Olivier Latrys: Die Toccata aus Léon Boëlmanns „Suite Gothique“ wirkte als Zugabe wunschgemäß.

Mit Hector Berlioz’ Symphonie fantastique gab es schließlich ein Werk, das zu seiner Entstehung 1830 abenteuerlich modern gewirkt haben muss. Es ist selten, dass man in einem Konzert feststellt, ein bekanntes Stück noch nie in solcher Intensität gehört zu haben. Aber de Billys Interpretation verdient diesen Superlativ. Nachdem das Orchester im ersten Satz – und damit nicht anders, als bei den „Métaboles“ – einen Moment des „Zusammenraufens“ benötigt hatte, entspann sich ein fesselndes und Satz für Satz in der Ausdruckskraft sich steigerndes Spiel, dem Bertrand de Billy eine geradezu unglaubliche Fülle an Farben und Bewegung entnahm. Darin auch über die Satzpausen hinweg nicht nachzulassen, war nur im Dialog mit dem Orchester möglich, das über sich hinauswuchs. Vielleicht auch, weil de Billy es wachsen ließ: Isabel Kern (Englischhorn) und Johannes Pfeiffer (Oboe), den Bläsern der Dresdner Philharmonie überhaupt musste man größten Beifall zollen. Auch für den felsenfest stehenden Schlussakkord: Erst nach einem Augenblick des gemeinschaftlichen Staunens brandete der Applaus los.

Von Hartmut Schütz

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