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Die Dresdner Philharmonie ist in Abu Dhabi zu Gast - und geht dort auch in die Schulen

Die Dresdner Philharmonie ist in Abu Dhabi zu Gast - und geht dort auch in die Schulen

Lagebesprechung am Frühstückstisch. Erst zu später nächtlicher Stunde am Vorabend haben die Musiker Details darüber erfahren, wie, wo und mit wem sie denn nun ablaufen sollen, die klingenden Besuche in Schulen, für die die darin erfahrene Dresdner Philharmonie während ihrer Residenz beim Abu Dhabi Festival fest eingeplant ist.

Sand im Getriebe kommt vor im Wüstenstaat, also braucht der Informationsfluss manchmal seine Zeit. Glücklicherweise genügen Heike Janicke, Andreas Kuhlmann und Ulf Prelle - neben dem Orchesterdienst seit 1996 als Philharmonisches Streichtrio miteinander musizierend - bei Kaffee und wahlweise feurigen oder zuckersüßen Verführungen der arabischen Küche wenige einander zugeworfene Stichworte, um den Ablauf für den Vormittag festzulegen. Eine halbe Stunde Einspielen auf dem Hotelzimmer bleibt noch, dann geht es per Festival-Auto weit hinaus an den Rand der 1,2-Millionen-Stadt, zunächst zur GEMS American Academy.

"Back to school" heißt der Teil des umfangreichen Bildungsprogrammes des 2004 gegründeten Festivals, bei dem die hier auftretenden Künstler in Schulen nicht nur in Abu Dhabi, sondern auch weit darüber hinaus Mini-Konzerte und Instrumenten-Präsentationen anbieten oder in sogenannten Master Classes musizierenden Schülern eine Unterrichtsstunde geben. 16 Schulen - sowohl öffentliche als auch private - , 14 Universitäten und einige kleine private Musikschulen sind es in diesem Jahr, mit denen das Festival zusammenarbeitet, den Klassen Probenbesuche anbietet oder eben die "Back to School"-Initiativen.

Allen Einheimischen den Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen, ist erklärtes Ziel der Festival-Veranstalter, die in ihren Publikationen oder Ansprachen immer wieder unterstreichen, dass wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Fortschritt und Innovation nur zu haben sind, wo Musik, Theater, Literatur und Bildende Kunst blühen. Gemeint ist dies in einem Land, in dem die gebürtigen Einheimischen gerade ein Fünftel der Menschen in einem Schmelztiegel der Kulturen stellen, als Nebeneinander von offener Internationalität und starker Verpflichtung für das nationale Erbe.

In der Realität dürfte der Weg zu diesen hehren Zielen ein schwieriger sein, man ist bei aller explosionsartigen Entwicklung dahingehend noch am Anfang - anders als etwa im fernöstlichen China mit seinem Millionenheer musizierender Schüler. Musik- und Kunstunterricht im Stundenplan haben zwar die privaten und damit kostenpflichtigen Schulen, von den öffentlichen aber nur wenige. Instrumentalunterricht ist Privatsache und also ebenfalls vor allem in den besser situierten Familien anzutreffen. Wer Musik gar studieren will, muss ins Ausland gehen (können), wie es etwa die von Renée Fleming in der Operngala mit der Dresdner Philharmonie für ein Duett auf die Bühne geholte Sopranistin Sara al Qaiwani getan hat, die momentan einzige aktive aus den Emiraten stammende Opernsängerin, ausgebildet in London.

Wie viel Kultur sich tatsächlich etablieren lässt im Emirat, wird sich zeigen müssen. Das bildet sich auch am ehrgeizigen Projekt der "Kulturstadt" auf der Abu Dhabi vorgelagerten Insel Saadiyat ab. Neben mehreren Museen beinhalteten die 2007 erstmals vorgestellten, mehrere hochdekorierte Architekten versammelnden Pläne ein Performing Arts Center mit Konzertsaal.

Aktuell kann man bei einer Stippvisite vor Ort das Entstehen der von Jean Nouvel entworfenen futuristischen Dependance des Pariser Louvre bestaunen. Das Performing Arts Center gehört vorerst nicht zu den nächstliegenden Aktivitäten, die aufwändige Ausstellung zum Gesamtprojekt schweigt sich über diesen Teil aus. Dafür hat man den Anteil an Wohnbebauung, luxuriösen Hotelanlagen, Beach-Clubs, Strandanlagen erhöht - Abu Dhabi hofft auf den Tourismus als festes Standbein neben der nach aktueller Schätzung noch 100 Jahre sprudelnden Geldquelle Erdöl.

Dass Lust auf Musik vorhanden ist, ist deutlich zu spüren bei den jungen Menschen in Abu Dhabi. In der GEMS American Academy, die im Foyer mit dem Schlagwort "westliche Ideale treffen arabische Traditionen" wirbt, geben die drei Philharmoniker vor mehreren Klassen ein Minikonzert - Sätze von Beethoven, Bach und Albrechtsberger samt kleinen Erläuterungen in flüssiger englischer Sprache. Danach dürfen von den Schülern Fragen gestellt werden, und die nutzen dies so rege, dass die eingeplante Zeit bald um ist, aber noch viele Fragen übrig sind. Wie alt sie gewesen seien, als sie mit dem Instrumentalunterricht begannen? Was sie tun mussten, um ins Orchester zu kommen? Ob sie noch andere Instrumente spielen, auch mal tanzen würden...

Derweil drängt das Festivalteam zur Weiterfahrt. Auch die zweite Schule ist amerikanischer Prägung, besucht wird die American Community School aber auch von jungen Franzosen, Indern, Emirati; es gibt immerhin ein eigenes kleines Schulorchester. Hier ist nun vor allem Konzertmeisterin Heike Janicke gefragt: Vier Mädchen, zwischen 13 und 18 Jahren alt, erhoffen sich von der deutschen Musikerin Tipps für ihr eigenes Geigenspiel. Bei jeder von ihnen erkennt Heike Janicke mit sicherem Gespür, wo sie in der Kürze der Zeit mit effektiven Ratschlägen bleibende Anregungen geben kann. Die Haltung ist es bei der einen, die Ausstrahlung bei der anderen, Übetechniken bei der nächsten. Zum Abschluss spielt das Streichtrio auch hier noch einmal Beethoven vor aufmerksamen jungen Hörern.

Am Wochenende geht für die Dresdner Philharmonie das zehntägige Gastspiel in Abu Dhabi zu Ende. Mit dem American Ballet Theatre unter Leitung von Ormsby Wilkins gestalten die Musiker zwei Aufführungen von Leo Delibes' Ballett "Coppelia". Wieder im durchaus beängstigend prachtvollen Emirates Palace, der wie die dahinter selbstbewusst in die Höhe ragenden Etihad Towers verkündet: Hier wird geklotzt, nicht gekleckert. Nicht alles ist schön, aber spannend allemal. Auch für die Kunst.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.03.2014

Sybille Graf

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