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Die Dresdner Fotografin Christine Starke im Gespräch über ihr Fotoprojekt

Interview Die Dresdner Fotografin Christine Starke im Gespräch über ihr Fotoprojekt

Für ihr Projekt „Die Selbständigen“ hat die Fotografin Christine Starke 80 selbständige Unternehmerinnen, Händlerinnen, (Kunst)Handwerkerinnen und Künstlerinnen der Äußeren Neustadt fotografiert. Nun sind die Schwarz-Weiß-Fotografien in der Galerie des Kunsthaus Raskolnikow, im „Ziegelwerk“, in der Ladengalerie „Tendresse“ und im Atelier „Starke Fotografen“ zu sehen.

Selbstportrait

Quelle: Christine Starke

Dresden. Für ihr Projekt „Die Selbständigen“ hat die Fotografin Christine Starke 80 selbständige Unternehmerinnen, Händlerinnen, (Kunst)Handwerkerinnen und Künstlerinnen der Äußeren Neustadt fotografiert. Nun sind die Schwarz-Weiß-Fotografien in der Galerie des Kunsthaus Raskolnikow, im „Ziegelwerk“, in der Ladengalerie „Tendresse“ und im Atelier „Starke Fotografen“ zu sehen. Mit Christine Starke über „Die Selbständigen“, die Äußere Neustadt, über Schwarz-Weiß-Fotografie und den Erkenntniswert von Selfies sprach Teresa Ende.

Frage: Seit Frühjahr 2015 haben Sie selbständig tätige Frauen der Dresdner Neustadt fotografiert. Wie kam es zu diesem Projekt?

Ich wollte der Frage nachgehen: Wie steht es um das Unternehmertum der Frauen in der Äußeren Neustadt nach 25 Jahren Marktwirtschaft? Für diese soziale Dokumentation habe ich mit drei Freundinnen nach selbständig tätigen Frauen recherchiert. Es kamen mehr als 150 zusammen. Dann habe ich mir den Rahmen von einem Jahr gesetzt und in dieser Zeit im Sinne eines Querschnitts mehr als 80 Selbständige fotografiert, mit dem Ziel diese Porträts auszustellen. Die Ausstellung wurde unterstützt von der Stiftung Äußere Neustadt Dresden und dem Verein Wirtschaftsfrauen Sachsen e.V., letztere förderten ebenfalls den Katalog zur Ausstellung.

Sie haben sich entschieden, ausschließlich selbständige Frauen zu porträtieren. Warum?

Für die in der DDR aufgewachsenen Frauen war es selbstverständlich berufstätig zu sein, was in der alten Bundesrepublik ja nicht unbedingt der Fall war. Daher hat mich interessiert, wie sich die Situation 25 Jahre nach der Wiedervereinigung hier im Viertel darstellt. Zumal es auch meine eigene Situation ist – ich bin seit 1985 Freiberuflerin. Das Thema geht mir nahe, deshalb der Blick speziell auf die Selbständigen und Freiberuflerinnen.

Alle porträtierten Frauen führen ihr Geschäft in der Äußeren Neustadt. Was macht für Sie, die Sie seit 30 Jahren hier wohnen und arbeiten, die Besonderheit des Viertels aus?

Ich habe die Neustadt zu DDR-Zeiten kennengelernt, von außen sah es ziemlich marode aus. Aber die Fassaden sind nicht das Entscheidende, der Blick dahinter offenbarte ein angenehmes Viertel mit solidarischem Miteinander, Nachbarschaftshilfe usw. Natürlich ist es mitunter rau, weil hier so unterschiedliche Menschen wohnen. Aber für mich ist es nach wie vor das lebendigste Stadtviertel Dresdens. Es gibt in jedem Jahrzehnt eine Verschiebung, was die Neustadt primär ausmacht: nach der Wende Ausgehviertel, inzwischen ist es ein stärker familiäres Viertel. Man sieht diese Veränderungen ja auch an der „Bunten Republik Neustadt“. Aber man kann nicht generell sagen, dass das Leben hier unsolidarischer geworden sei. Partiell stimmt das schon, aber es gibt nach wie vor auch dieses Miteinanderleben. Das macht es mir noch immer sehr lieb.

Die Bilder zeigen viel vom Berufsumfeld der Selbständigen. Welchen Anteil hatten die Dargestellten an der jeweiligen Komposition? Wie sind Sie bei den Porträtaufnahmen konkret vorgegangen?

Also, ich betrete einen Laden, sehe den Raum und habe dann gesagt, ich würde gern an dieser oder jener Stelle die Aufnahme probieren. Und die jeweilige Selbständige konnte ihre Wünsche äußern. Dann fotografierte ich eine Serie, möglichst mit verschiedenen Blickrichtungen. Ich habe für jedes Porträt mit dem Stativ gearbeitet, um das Bild „bauen“ zu können, also in Ruhe die Komposition festzulegen, bevor die Frau darin ihren Platz einnimmt. Anschließend habe ich die Bilder, welche ich gern verwenden würde, vergrößert und den Frauen gegeben und sie haben mir diese bestätigt – oder auch nur eines davon. Wenn jemand gar nicht zufrieden war, bin ich ein zweites Mal zum Fotografieren hingegangen.

Gab es auch Frauen, die es abgelehnt haben, von Ihnen fotografiert zu werden?

Ja. Ich wollte die Besitzerinnen einiger alteingesessener Läden dabeihaben, die sich aber leider gegen das Fotografieren und gegen das öffentliche Zeigen der Bilder verwehrt haben. Ich habe das sehr bedauert und mehrfach nachgehakt, musste es aber akzeptieren. Es ist mir wichtig, dass die Frauen die Bilder sehen und annehmen können.

Sie selbst nehmen einen relativ distanzierten Standpunkt zu den Dargestellten ein, Sie rücken ihnen mit der Kamera nicht „auf den Leib“. Das erinnert an Christian Borcherts DDR-Familienporträts oder die Bilder Ihres Ehemannes, Günter Starke, im Neustadt-Band „Starkes Viertel“ aus den 1980er-Jahren. War das beabsichtigt?

In dem Moment, wo man das Interieur mit ins Bild bringt, kann die Person nicht formatfüllend sein. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, aber meist mache ich Bilder, wo man sieht, um welche Profession es sich handelt, was die Frau und ihre Arbeit ausmacht. Um das zu zeigen, ist manchmal wenig Umraum nötig, manchmal mehr, zumindest aber so viel wie es braucht, um etwas über die Fotografierte zu erzählen.

Der bekannte deutsche Fotograf und Fotojournalist Jim Rakete hat sich mal als Jäger bezeichnet. Verstehen Sie sich als „Jägerin“?

Ich würde es nicht „Jagd“ nennen, sondern es ist eher das Warten auf den Moment. Ich möchte mich mit dem Ort und der Person vertraut machen und dann darauf reagieren. Bei „Jagd“ oder auch beim sprachlichen Bild vom „Foto schießen“ schwingt für mich mit, dass der andere der Bejagte ist und so würde ich mich als Fotografin nicht definieren. Ich will nicht über die fotografierte Person verfügen, sondern ich möchte, dass das Bild aus einer gemeinsamen Übereinkunft entsteht, das ist meine Grundhaltung zur Fotografie. Dieses Objekt-Werden, was Fotografie ja einschließt, finde ich schwierig und deshalb möchte ich die Bilder in der Verständigung miteinander schaffen. Ich will niemanden überraschen, ich bin keine Schnappschuss-Fotografin. Es gibt ja Fotografen, die der Ansicht sind, ohne diese Überraschungssituation bekommt man nicht das „echte“ Bild. Es mag sein, dass man auf diese Weise unglaubliche Momente einfängt, die man sonst nicht bekommt. Doch durch meine langsame Art zu fotografieren bekomme ich etwas anderes.

Sie haben sich für Schwarz-Weiß-Porträts entschieden, die Sie mit einer Digitalkamera aufnehmen. Welche ästhetischen Gründe gab es für diese Entscheidung?

Schwarz-Weiß-Fotografie ist seit Beginn meiner Arbeit als Fotografin das zentrale gestalterische Mittel für mich. Dieser Abstraktionsschritt im Verzicht auf die Farbe konzentriert den Blick auf die Form oder den Ausdruck, je nach dem, um welches Motiv es sich handelt. Bei Mode- oder auch bei Architekturfotografie kann die Farbe selbst Ausdrucksträger sein, aber ansonsten ist Schwarz-Weiß für mich nach wie vor interessanter. Ich finde nicht, dass Porträts die Farbe zwingend brauchen.

Was genießen Sie am meisten – die Arbeit hinter der Kamera oder die anschließende Betrachtung des fertigen Bildes?

Hinter der Kamera bin ich vollkonzentriert, da reflektiere ich überhaupt nicht, wie es mir gerade geht. Aber wenn ich die Bilder dann am Rechner betrachte, ist das sehr schön. Bei der analogen Fotografie war das natürlich noch stärker der Fall: Der Film kommt aus der Entwicklung und die Bilder werden zum ersten Mal sichtbar – das sind magische Momente. Und mitunter Überraschungsmomente, wenn bestimmte Aspekte sichtbar werden, die ich vorher nicht erwartet oder geplant hatte.

Am Ende die Advocatus-Diaboli-Frage: Was halten Sie von Selfies?

Ich habe im Alter von 30 Jahren angefangen Selbstporträts zu machen – allerdings mit Kamera und Stativ –, und mache das seither immer mal wieder. Also Selfies finde ich nicht weiter schlimm. Das Einzige, was ich mir wünschen würde, ist, dass sich die Leute hinterher tatsächlich anschauen, damit sie etwas von sich erkennen und verstehen. Wenn Selfies nur gemacht werden, weil gerade eine berühmte Nase neben einem steht, ist das eine verpasste Gelegenheit. Ich finde Selbstporträts sind ein gutes Mittel, um sich selbst zu sehen und etwas von sich zu verstehen.

„Die Selbständigen. Ein Fotoprojekt von Christine Starke“. Ausstellung in der Galerie des Kunsthaus Raskolnikow, im „Ziegelwerk – Schmuck und Kunst“, in der Ladengalerie „Tendresse“ und im Atelier „Starke Fotografen“. Bis 28. Januar 2017.

Von Teresa Ende

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