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Regional „Die 24 Stunden von Berlin“ – Ab wann heiligt der Zweck die Mittel?
Nachrichten Kultur Regional „Die 24 Stunden von Berlin“ – Ab wann heiligt der Zweck die Mittel?
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21:00 14.09.2017
„Die 24 Stunden von Berlin“ Quelle: Verlag
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Dresden

Nach einem wohl islamistischen Bombenanschlag hat die Polizei, mal abgesehen vom Haupttäter, drei weitere Verdächtige festgenommen, offenbar Terroristen, aber keine Selbstmordattentäter. Sie wollen augenscheinlich überleben, und „das macht sie anfällig für verschärfte Verhörmethoden“, wie der BKA-Chef in Rafael Kühns Thriller „Die 24 Stunden von Berlin“ meint. Als der Kanzler nun fragt, ob die Indizienkette eindeutig ist, wird dies bejaht, und er ringt sich dazu durch, grünes Licht zu geben – denn irgendwo in Berlin scheinen noch drei Bomben versteckt zu sein, darunter eine chemische, die tausende Menschen töten könnte. Kommissar Mertens ist fassungslos, dass sein Chef bereit ist, „alles zu opfern, wofür dieses Land steht“. Der wiederum erklärt, „ein guter Polizist und ein guter Mensch zu sein, ist leider nicht immer verträglich“.

Wie weit darf ein Staat im Kampf gegen den Terror gehen, um an wichtige Informationen zu kommen und damit weitere Attentate zu verhindern und Menschenleben zu retten? Waterboarding? Elektroschocks? Kühn spielt durch, wie die Dinge verlaufen könnten nach einem verheerenden Sprengstoffanschlag mit Dutzenden Toten auf einem Berliner S-Bahnhof, wie die Verantwortlichen in Polizei, BKA, BND und Politik harte Entscheidungen treffen müssen. Ein bisschen erinnert das Szenario an das auch erfolgreich verfilmte Theaterstück „Terror“ Ferdinand von Schirachs, bei dem die Zuschauer anschließend darüber abstimmen, ob der angeklagte Luftwaffenpilot, der ein von einem islamistischen Terroristen gekapertes Flugzeug abgeschossen hat, um 70 000 Menschen in einem Fußballstadion zu retten, schuldig oder nicht schuldig ist.

Rafael Kühn Quelle: Verlag / PR

Auch Kühn, der 1978 in Dresden geboren wurde und sich 2008 mit seinem Spielfilmdebüt „Das Verhör“ einen Namen machte, konfrontiert den Leser seines Thrillers mit der Frage, was unsere Verfassung und der Grundsatz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ noch wert ist – in einer Welt, die von Terroristen bedroht wird.

Kühns Hauptprotagonist, Kriminalkommissar Mertens, lehnt die Folter ab, überhaupt hat er das Gefühl, ein Detail übersehen zu haben – und liegt damit goldrichtig, wie sich erweisen wird. Auch die drei Verhafteten sind Opfer des eigentlichen Drahtziehers des Anschlags, des Psychologiestudenten Faisal. Dieser hat das ganz große Ziel vor Augen: Die Lügen, mit denen der demokratische Westen sich tarnt, zu entlarven, das Gerede von Multikulti und die Illusion von Integration und Einheit der Gesellschaft zu widerlegen. Allah ist Faisal egal, für ihn sind Allah und Gott „zwei Namen für dieselbe Lüge“. Für ihn sind alle schlecht, dies sei die elementare Natur des Menschen – und Religion und Demokratie „nur zwei Arten von Heuchelei, um darüber hinwegzutäuschen“.

Faisals Plan geht auf, auch dank eines Maulwurfs in einer Spezialeinheit mit dem Kürzel SRP, die speziell dafür ausgebildet wurde, religiöse Spannung zu entschärfen, wie der Polizeipräsident dem Kanzler bei einem Briefing erläutert. Dieser Maulwurf, ein Deutscher namens Stefan Wiegand, schießt auf Demonstranten, die rasant vor Empörung und Wut Amok laufen, als die Infos über die Folterungen durchsickern. Warum Wiegand und Faisal gemeinsame Sache machen? So verschieden ihre Ansätze und Überzeugungen sind, sie haben dasselbe Ziel.

Wiegand schießt, auch das gehört zum Plan Faisals, also ganz bewusst auf die Demonstranten, unter denen natürlich auch die üblichen Verdächtigen sind, Salafisten und die rot lackierten Faschisten, die sich Autonome nennen und per se nur darauf lauern, „Bullen plattmachen“ und Läden plündern zu können, aber eben auch viele, die entsetzt ob der Folterungen seitens der Staatsgewalt sind.

Faisals zynische Berechnung geht auf, die Autorität der Ordnungskräfte ist nach dem Blutbad de facto dahin, Rechte, Linke, Deutsche, Ausländer – alle gehen sie auf-einander los. Es muss eine Ausgangssperre verhängt werden, die von der aus den Kasernen herbeigeorderten Armee durchgesetzt wird.

Kühn hat einen recht spannenden Thriller vorgelegt. Nicht alles ist schlüssig, so fragt man sich durchaus, warum die Unruhen unter der muslimischen wie deutschen Bevölkerung zunächst nur in Berlin ausbrechen, Duisburg-Marxloh oder bestimmte Viertel Hamburgs oder Essens wären da noch viel naheliegender. Sehr hübsch manches kleine, aber feine Detail, etwa wenn Mertens registriert, dass nach dem Sprengstoffanschlag mehr Menschen auf den Straßen sind als sonst, zu Fuß oder im Auto, „weil alle die S-Bahn mieden“.

Angenehm vielschichtig ist die Figurenzeichnung, der Autor verzichtet auf Klischees und Karikaturen. Die meisten wollen nur das Beste: Menschenleben retten. Oft sind sie Gefangene der Sachzwänge, Automatismen und Mechanismen, wie sie Terroranschläge mit sich bringen. Der Kanzler etwa wird vorsichtig in der Wahl seiner Worte gezeigt, als Mann, der über eine Entschlossenheit verfügt, „die weit über Parteiräson und egozentrischen Machterhalt“ hinausgeht. Aber er muss dann konstatieren, dass zumindest kurzzeitig die Raserei und nicht das Gesetz die Macht hat.

Der Autor liest aus seinem Roman am Sonntag um 19 Uhr bei „Kunst unterm Dach“, Sebnitzer Straße 6, sowie am 22. September (Waldbühne im Amphitheater an der Prießnitz, 18 Uhr) und am 23. September (bewegter Musikalisch-Literarischer Salon, Wagenplatz, Eisenbahnstraße, 20 Uhr).

Von Christian Ruf

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