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Regional Die 21. Jüdische Musik- und Theaterwoche Dresden richtet den Blick auf das postsowjetische Judentum
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21:00 11.10.2017
The Disorientalists sorgen mit einer Mischung aus Cabaret, Klezmer, Oriential Swing, Ragtime und Reggae für Furore. Quelle: PR
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Dresden

„Dürfen Juden die Schweinegrippe bekommen?“ Dies ist keine Frage, die einst an Radio Eriwan gestellt wurde, sondern eine, die Alexej Boris gern ketzerisch in den Raum stellt, wie er überhaupt gern „die geizigen Typen mit Schläfenlocken und diesem Weltherrschaftsfimmel“ – Stichwort: Internationales Finanzjudentum – ins Visier nimmt. Wer jetzt zum Mantel greift, um umgehend eine Mahnwache abzuhalten, oder sich bemüßigt fühlt, einen besorgten Leserbrief zu verfassen, dem sei versichert, dass Alexej Boris kein Antisemit ist, sondern selber Jude. „Quod licet Iudaeus, non licet Goi“ könnte man in freier Abwandlung des römischen Sprichworts „Quod licet Iovi, non licet bovi („Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt“) spotten. Wie auch immer: Als ein solcher Jude führt Boris nur zu gern durch (s)eine deutsche-jüdisch-russische Parallelwelt „voller einladender Fettnäpfchen und koscherer Snacks“. Davon kann sich jeder überzeugen, der ein Ticket für Boris’ Programm „Schwarz Rot Koscher löst“, das der Stand-up-Comedian und Sprachjongleur am 28. Oktober im Societaetstheater vorstellt. Es gibt einen Grund für die Stippvisite: nämlich die 21. Jüdische Musik- und Theaterwoche Dresden.

Die steht in diesem Jahr unter dem Motto „Wostok goes West“ und richtet den Blick ganz bewusst auf eine Bevölkerungsgruppe in Deutschland, die 1990 ins Land kam, als Zuwanderer hierzulande noch ohne „Refugees Welcome“-Attitüde und -Aktivitäten Zuflucht fanden: die Juden aus der Sowjetunion. Über 200 000 Menschen aus der krachend untergegangenen Sowjetunion sind seitdem als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus dem Osten – russisch: Wostok – nach Deutschland immigriert. Heute stammen 70 bis 90 Prozent der jüdischen Gemeindemitglieder in Deutschland aus den ehemaligen GUS-Staaten, was in nicht wenigen Gemeinden auch zu Spannungen führte, denn nicht wenige alteingesessene Juden fühlten sich marginalisiert und an den Rand gedrängt.

Viele Neuzuwanderer entdeckten hier überhaupt erst ihre jüdischen Wurzeln, denn in der atheistischen, eher religionsfeindlichen Sowjetunion wurde das Judentum zwar nicht unterdrückt, aber es war vielen suspekt, meint Festivalleiterin Valeriya Shishkova, die in der SU aufwuchs, gegenüber den DNN. Auch direkt nach Israel und in die USA sind viele russische und ukrainische Juden ausgewandert, was in Israel schon mal zu dem Witz führte, was denn zukünftig die zweitgrößte Sprache im Land werden würde. Antwort: „Hebräisch!“

Die Jüdische Musik- und Theaterwoche trägt in diesem Jahr dieser Entwicklung Rechnung. Denn so wie türkische, italienische oder griechische Einwanderer in den Wirtschaftswunderjahren die westdeutsche Kultur bereicherten, brachten die aschkenasischen Juden ebenfalls ihre jahrhundertealten Traditionen mit. Hier galten sie zunächst – wie die Russlanddeutschen – erst lange als „Russen“.

Wie spannend diese Entwicklung ist und bleibt, zeigen die Gäste der u.a. von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Ostsächsischen Sparkasse Dresden, dem Herbert-Wehner-Bildungswerk e.V. und dem Amt für Kultur und Denkmalschutz geförderten Jüdischen Woche: So wird etwa Wladimir Kaminer in einer Lesung am 21. Oktober in der Scheune auf seine typische, scheinbar naive und dennoch zutiefst hintergründige Art aus der russisch-jüdisch-deutschen Zwischenwelt berichten, zudem legt er zusammen mit Yuriy Gurzhy zur schon legendären „Russendisko“ auf. Am 18. Oktober, 19.30 Uhr, wird zu einem Podiumsgespräch in die Jüdische Gemeinde Dresden geladen, bei dem Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ihre Erfahrungen „zwischen Integration und Selbstbestimmung“ schildern.

Neuer Kooperationspartner der Jüdischen Woche ist das Dresdner Literaturbüro. Es hat eine Autorenlesenacht gestemmt, bei der am 20.Oktober zwischen 20 und 23 Uhr im Societaetstheater Protagonisten der postsowjetischen Literaturszene aus ihren Werken lesen, als da wären Lena Gorelik, Dimitrij Kapitelman, Olga Martynova und Oleg Jurjew. Gorelik etwa gibt Auszüge aus ihrem Reiseroman „Verliebt in Sankt Petersburg“ zum Besten. Moderiert wird die Lesung vom Schriftsteller und Literaturkritiker Michael G. Fritz.

Das Duo Sveta Kundish und Patrick Farrell bringt zur Eröffnung der 21., sich über 14 Tage erstreckenden Jüdischen „Woche“ in einem fantastischen Erzählkonzert die Geschichte von Kundishs Familie auf die Bühne. Diese Geschichte steht symbolisch für die verschiedenen Stationen und biografischen Brüche, die das Ostjudentum seit den 1980ern über die verschiedenen Erdteile führt und die das Festival in diesem Jahr vorstellen möchte. Facetten jüdischen Humors vermittelt nicht nur der eingangs erwähnte Alexej Boris, sondern auch der Autor, Kabarettist und Regisseur Küf Kaufmann.

Auch das ehrenamtliche organisierte Food Festival „Gefilte Fest“ findet mittlerweile zum dritten Mal im Rahmen der Jüdischen Woche statt. Wieder sollen traditionelle Schtetl-Rezepte auf „moderne, verrückte und leckere Abwandlungen“ treffen, werden Workshops und Koch-Shows die heimische Küche mit leckeren Rezepten zum Thema wostok/goes/west bereichern. Mitkochen ist angesagt, egal ob es um aschkenasische Blintzes oder heute so hip gewordene Bagels geht. Man sollte zeitig reservieren, vor allem was das authentische Schabbatmahl angeht, das der israelische Koch Itay Novik am 27. Oktober im Restaurant Lingner im Deutschen Hygiene-Museum zu kredenzen gedenkt und bei dem sich Gaumenfreuden mit Live-Musik verbinden.

In bewährter Manier werden einmal mehr Hebräisch- bzw. auch Jiddisch- (Kultur- und Sprach)-Kurse angeboten. Mit The Disorientalists kommen am 19. Oktober, 20 Uhr, außerdem zwei der derzeit kreativsten jüdischen Songschreiber, Yuriy Gurzhy & Daniel Kahn, gemeinsam mit Sängerin Marina Frenk, als Gastspiel des Maxim-Gorki-Theaters auf die Bühne des Societaetstheaters. Sie sorgen mit einer Mischung aus Cabaret, Klezmer, Oriential Swing, Ragtime und Reggae für Furore. Musiktechnisch wird viel Klezmer geboten, ohne den „geht es nicht“, wie Shishkova betonte. Zum Finale bestreiten dann die legendären Apparatschik mit Balalaika und ihrem Mix aus Balkanpop, Sowjet-Rock und melancholischen Texten den großen russisch-ukrainischen Abschiedsblues.

Man darf gespannt sein, wie die Dresdner dieses kulturelle Angebot annehmen, bei der 20. Musik- und Theaterwoche im vergangenen Jahr konnten die Veranstalter um die 5000 Besucher verbuchen.

juedische-woche-dresden.de

Von Christian Ruf

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