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Deutschsprachige Erstaufführung "Das normale Leben" von Christian Lollike im Kleinen Haus

Deutschsprachige Erstaufführung "Das normale Leben" von Christian Lollike im Kleinen Haus

Das Leben ist ein Irrenhaus. Das wissen wir doch längst. Und gewisse Kostproben davon erfährt jeder mal, auf diese oder jene Weise. "Das normale Leben oder Körper und Kampfplatz" nennt der dänische Autor Christian Lollike sein 2011 in Aarhus uraufgeführtes Stück, und das Staatsschauspiel Dresden hat am Donnerstag im Kleinen Haus die Deutschsprachige Erstaufführung herausgebracht.

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Im Text schlicht die Personen A, B und C - auf der Bühne Jonas Friedrich Leonhardi, Annika Schilling und Philipp Lux (v.l.).

Quelle: David Baltzer

Nicht ganz von ungefähr. Zum einen ist Lollike ein längst bekannter, streitbarer Dramatiker, der relevante gesellschaftspolitische Themen aufgreift. Zum anderen hat sich zwischen dem Staatsschauspiel und dem Königlichen Theater Kopenhagen eine enge Zusammenarbeit entwickelt. Dabei entstand im Austauschprogramm mit dem Titel "Der fremde Blick" auch "Das normale Leben", für das sich Lollike bei seinen Aufenthalten zugleich ein Bild von Dresden machen konnte.

Das Dreipersonenstück wird vom Verlag Felix Bloch Erben für zwei Frauen und einen Mann ausgewiesen, aber wir leisten uns ein umgekehrtes Verhältnis, was ja nicht strafbar ist. Zumal der Autor selbst von den Personen A, B und C sowie einer "ganz normalen Geschichte" spricht. Lollike hat einen ziemlich verrückten Text vorgelegt, der erfreulicherweise auch im Programmheft abgedruckt ist. Forciert wechselt er zwischen erzählter Form und szenischer Vorlage, und besagtes Verhältnis von "Körper und Kampfplatz" ist durchaus ernst gemeint. Denn hier durchleuchtet die INNERE STASI quasi jegliches Tun und Dasein, und es ist "das Organ, das dich kontrolliert, indem es an deinen Wunsch appelliert, ein guter Bürger zu sein". Ein Thema, das sich - in entsprechenden Varianten sowie auf fast unspielbare Weise - auch schon Wladimir Sorokin auf die Dramatikerfahne geschrieben hatte. Das Stück wurde als "Das Jubiläum" 1994 am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt.

Bald zwei Jahrzehnte später hat sich das gesellschaftliche Kontrollgefüge trotz Rechtsstaatlichkeit längst verfeinert und erweitert, und Lollike beginnt sein Stück auch gleich mit dem Satz: "Ich fühle mich verfolgt." Was wahrhaft schwerwiegend ist, denn nun lauert die Gefahr im eigenen Körper, und wer schafft es schon, dem eigenen Schweinehund beherzt entgegenzutreten? Dieser Herausforderung sind doch nur Auserwählte gewachsen. Ein wie stets bei Lollike wechselvolles Geschehen, das in der Regie von Hauke Meyer ein rasantes Erkunden mit sich bringt, das kaum mehr Ruhepunkte aufweist. Doch es ist kein langweiliger Parcours durch den ganz normalen Wahnsinn. Es gibt sowohl in dem von Gabriele Haefs ins Deutsche übertragenen Text wie auch in der Inszenierung reichlich viele Momente, die Alltägliches kurios herausgreifen, wie zum Beispiel abfallende Leistungskurven, mangelndes Selbstvertrauen, das ständige Ansprechen möglicher Gefahrenquellen oder Kontrollbesessenheit.

Wunderbar spielerisch ist auch die Bühnengestaltung von Jeremias Böttcher. Er nutzt ein Kastensystem als Schrankwand, ermöglicht Verwandlungen mit wenigen Handgriffen, die zum Beispiel eine "sonnendurchflutete Landschaft" suggerieren können oder das als Orakel zu befragende Spiegelkabinett. Zuweilen steckt das Trio auch komplett im Kasten, so bei aufdringlichen "Interviews", und Schrank sowie Sofa werden herausgelöst aus dem Gefüge, ergeben neue Spielorte. Wie für diese herrlich beflügelte Couch-Szenerie. Oder die Schrankgeschichte, wo der Mann räsonierend im "Kasten" den Verlust seiner Freiheit beklagt, derweil die Frau obenauf thront und fragt: "Hast du vor, mich zu verlassen?"

Vor allem aber hat es die Besetzung des höchst präsenten Trios in sich. Es spielen Annika Schilling, Philipp Lux sowie Jonas Friedrich Leonhardi vom Schauspielstudio Dresden. Sämtlich Darsteller, die höchst verwandlungsfähig und nuanciert in ihrer Spielweise sind, was bei diesem Stück einfach unerlässlich ist. Vielleicht hätte der Regisseur zuweilen noch etwas mehr Gelassenheit einbringen können. Oder eben diese Leichtigkeit, wie sie die Dänen so galant herüberbringen. Thematisch holt Lollike weit aus, mischt Reales und Fiktives, konstruiert Situationen, Personen als Spiel im Spiel, kippt die "Kiste" immer wieder aus, um die Bausteine noch einmal neu zu ordnen. Zum Schluss gibt es "Unter Beobachtung" eine Zeitreise nach Versailles: Marie-Antoinette hat offenbar auch so ihre Probleme, Pflichten, Aufgaben. Und schließlich folgt das rätselvolle Ende, vielleicht auch die Katastrophe: "Eine Frau läuft vorbei. Für einen kurzen Augenblick sehen sie einander in die Augen, dann ist die Frau vorüber." Gabriele Gorgas

nächste Aufführungen: Montag 20 Uhr, 14.10. 19 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.09.2012

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