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Deutsch-polnische Gemeinschaftsproduktion "Titus Andronicus" auch im Dresdner Kleinen Haus

Deutsch-polnische Gemeinschaftsproduktion "Titus Andronicus" auch im Dresdner Kleinen Haus

"Titus Andronicus", die von dem polnischen Regisseur Jan Klata inszenierte Gemeinschaftsproduktion des Staatsschauspiels Dresden und des Teatr Polski Woroclaw nach Shakespeare und Heiner Müller, die am Freitag im Kleinen Haus ihre hiesige Premiere erlebte, ist durchaus eine Zumutung.

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Ein Titus mit reichlich Charisma: Wolfgang Michalek.

Quelle: Natalia Kabanow

Sie betrifft alle, die mit diesem Projekt Berührung eingehen, auf wie vor der Bühne. Eine Theatergerechtigkeit neuen Typs, aus der es zweieinhalb Stunden lang kein Entrinnen gibt. Das ist kein Widerspruch zur Vorlage, diesem Konglomerat aus antiken Gräueln, die mit der simplen Logik von Rachgier, Geilheit und Geltungssucht aufeinander folgen, während humane Motive immer wieder ins Hintertreffen geraten. Doch während in dem oft auch gescholtenen Originalstück auf den Höhepunkt der Grausamkeit die Katharsis folgt, verweigert der als Linkskatholik geltende Kultregisseur aus dem Nachbarland wie Heiner Müller den positiven Ausblick. Aus dem kosmischen Finale ("bis pfeifend überm letzten Happyend die Falle Welt sich schließt das Firmament") wird bei ihm jedoch eine irdische Apokalypse inklusive der Verheißung eines neuen Jesus.

Klata, Jahrgang 1973, Kind der zweiten Popgeneration, kommentiert die Tragödie mit Aufbruch und Verfall der musikalischen Revolution. Unter den erst aufreizend stampfenden, dann zunehmend ermüdenden Klängen einer Metallic-Rock-Sequenz wuchtet der nach Rom heimgekehrte Feldherr Titus 21 riesige noble Koffer einen nach dem anderen auf die Bühne, gleichsam als Sinnbild für die Särge der im Krieg gegen die Goten gefallenen Söhne, während sein Bruder, Volkstribun Marcus Andronicus, die Toten segnet und beweint, teils in einer dennoch verständlichen Fantasiesprache, die hier als dritte gesprochen wird neben Deutsch und Polnisch, denn Klata hat die Römer aus dem Dresdner, die Goten aus dem Breslauer Ensemble besetzt. Die jeweiligen Übersetzungen werden auf eine Leinwand im Hintergrund der Bühne (Justyna Lagowska-Klata) projiziert.

Ewa Skibinska ist die gefangene Königin Tamora, die fleht um das Leben ihres ältesten Sohns, der nach römischen Brauch zur Versöhnung der Toten geopfert werden soll, vergeblich. Doch den Saturninus (Stefko Hanushevsky), frisch zum Kaiser gekrönt, macht sie erfolgreich an, das wilde Weib, das seine Hitze nur auf einem Eisblock kühlen kann, dass er sie zur Kaiserin nimmt statt der Titus-Tochter Lavinia, die ja doch eigentlich mit Saturninus' Bruder Bassanius verlobt ist, was Titus furchtbar in Rage bringt. Während Shakespeare diesen Familienkonflikt ausführlich abhandelt und dabei Titus dennoch wie nebenher seinen Sohn Mutius (der sich ihm wohlmeinend in den Weg stellt) umbringen lässt, macht es Klata genau umgekehrt. Ihn interessiert mehr die absurde Motivation dieses Mords, den er in wiederum 21 Kopfstößen zelebrieren lässt. Tamora indessen sinnt auf Rache, ihre zwei Söhne Demetrius (Michal Majnitz) und Chiron (Marcin Pempus), zwei Luftikusse, stachelt sie an, der Lavinia und ihrem Bräutigam aufzulauern, diesen umzubringen, jene zu verstümmeln und zu vergewaltigen. Was die beiden mit wenig Lust, aber immerhin tun. Ohne dass es des Mohren Aaron (Wojciech Ziemianski) als Intrigant bedurft hätte, der hier folglich einzig und allein geradezu wortwörtlich als Sünden-Bock interpretiert wird, als Sinnbild für alles Schwarze, Fremde, Jüdische... mit dessen Verfolgung sich die Hohlheit von Kultur und Verlogenheit von Moral entlarvt.

Eine Parallel-Projektion auf deutsch-polnische Verhältnisse wird nicht geliefert, vielmehr ein Versuch am offenen Herzen, wie man sich verständigen und begegnen kann, gerade im Aufarbeiten einer makabren Geschichte. Daneben werden Abgründe und Geschmacklosigkeiten weniger umgangen als transformiert, in die Gedankenlosigkeit billigen Diskosounds etwa. Das fortwährende Ausüben oder Ertragen von Grausamkeit führt zur Gewöhnung und einer absurden Art von Gemütlichkeit, mit der hier verstümmelte Opfer zum Familienfoto posieren. Klata lässt ganze Szenen wie leicht verständlich über Musik und einfache tänzerische Bewegung erzählen, gibt aber Details wie dem Dialog zwischen Titus und Marcus über den "Mord" an einer (schwarzen) Fliege überragendes Gewicht. Wie auch den entsprechenden Protagonisten Wolfgang Michalek und Torsten Ranft, den von verborgen waltenden Gesetzen und offensichtlichen Fehlern zum Scheitern Verurteilten. Für beider überragende, manchmal schon wuchernde Sprachkultur gibt es ausreichend Text, wogegen es dem Paar Skebinska-Zemianski schwer fällt sich zu behaupten, gerade auch dann, wenn bei einem Tête-à-tête wie in der Badewanne die Sprachen getauscht werden und Michalek mit seinem frisch gelernten Polnisch brilliert. Alle anderen können, ja dürfen wenig dagegensetzen, diese Blässe gehört wohl zum Konzept der Inszenierung. Dafür ist sie durchaus von makabrem, sarkastischem Humor getränkt, von absurdem Witz perforiert, der an die Gnadenlosigkeit erinnert, mit der ein Kind, das keine Ordnung halten kann, schließlich alles, auch seinen liebsten Besitz vernichtet. Klata konkurriert nicht mit der Übermacht filmischen Horrors, statt Eimer von Theaterblut auszuschütten, greift er oft zu Requisiten, deren Ekelpotenz man sich halbwegs wegdenken kann, weil sie auch aus dem Fleischerladen stammen könnten. Das gipfelt am Ende darin, dass Titus der Kaiserin ihre Söhne quasi als lebende Pastete vorsetzt, von der sich die Gäste, während die Geopferten qualvoll schreien, adäquat lustvoll abschneiden.

Offener Jubel wäre geradezu eine Niederlage für Klatas Art von Theater. Zustimmen kann ich der Konsequenz in den Brüchen zwischen Horror und Kitsch, Betroffenheit und Partylaune, mit denen er das landläufig eingeübte, selbstmörderische Bagatellisieren von Konflikten kennzeichnet, die (neben der Umweltproblematik) die Existenz unserer Zivilisation bedrohen.

Tomas Petzold

P.S.: Gerade angesichts des Dresdner Schauspiel-Jubiläums und im Zusammenhang der lesenswerten Texte des Programmhefts hätte sich dort auch ein Hinweis auf die denkwürdige Dresdner Inszenierung von Müllers "Anatomie Titus Fall of Rome..." durch Wolfgang Engel (1986) angeboten.

nächste Aufführungen: 6. und 7. (Dresden), 13. und 14. Oktober (Wrocław)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.10.2012

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