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Detlef Rothe hört als Geschäftsführer auf

Lotsen-Wechsel auf dem Theaterkahn Detlef Rothe hört als Geschäftsführer auf

Nein, er sei nicht krank. Er sei jetzt 63 Jahre alt und habe nun mal entdeckt, dass es auch noch ein Leben außerhalb des Theaters gibt, ließ Detlef Rothe jene wissen, die erstaunt wissen wollten, warum er denn als Geschäftsführer des Theaterkahns aufhört.

Handschlag: Detlef Rothe (l.) als scheidender und Holger Böhme als kommender Intendant.

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  Seit gestern ist es nun auch offiziell. „Lotse“ Rothe hört auf, wird als „Halbtagskraft“ seinen am 1. August das Amt antretenden Nachfolger allerdings noch einarbeiten. Der „Neue“, der nicht ins kalte Wasser geschmissen wird, ist kein gänzlich Unbekannter: Es ist Holger Böhme, der schon etliche Inszenierungen für den Kahn stemmte. „Die Idee lag auf der Hand – Böhme ist dem Haus verbunden als Autor und Regisseur, wird von den Mitarbeitern allgemein akzeptiert“, erklärte Rothe gestern. Der fünfköpfige Stiftungsrat gab sein Placet für diese Personalentscheidung, denn der Geschäftsführer der „Schwimmobilie“ mit ihren 216 Plätzen im Parkett und auf dem Balkon ist nicht ganz sein eigener Herr, sondern letztlich „nur“ Angestellter dieses Stiftungsrats, dem der Theaterkahn gehört. Deswegen zahlt die Brettl gGmbH auch Miete für den Kahn. Und zwar 5000 Euro im Monat, plus weitere 1000 Euro für die Nebenkosten.

Auch das Restaurant „Kahnaletto“ in der anderen Doppel-„Haus“-Hälfte zahlt Miete, denn die „Marion“, wie der Name des Kahns lautet, ist nun mal nicht die Jüngste, muss alle fünf Jahre zum „TÜV“. Im Juli ist es wieder soweit, dann wird sie auf der Werft einem Generalcheck unterzogen. Insofern hofft Rothe, dass dann der Wasserstand stimmt (sprich kein Niedrig- oder Hochwasser ist), Marion auch tatsächlich im Juli in der Spielzeitpause dem Facelifting unterzogen werden kann – und dies nicht wie schon mal während der Spielzeit erfolgen muss. Zwei Wochen ohne Einnahmen, das ist hart für eine Bühne wie das Brettl, das von der Stadt pro Jahr mit um die 100 000 Euro Zuschuss gefördert wird, was laut Rothe etwa zehn Prozent des Gesamtbudgets ausmacht. Mal sind es, über die Jahre hinweg, 10 000 Euro weniger, mal 15 000 Euro mehr, die die Stadt gibt.
Im vergangenen Jahr wurden auf dem Kahn 285 Vorstellungen gegeben, alles in allem zählte man laut Noch-Intendant Rothe um die 42 000 Zuschauer, was eine Auslastung von 70 Prozent ergibt. Es gibt ein Stammpublikum, das wie die Zugpferde am Haus (Fiete Junge, Peter Kube, Ahmad Mesgarha) mitaltert, das aber auch nachwächst, wie Rothe erfreut registrieren konnte. Bei nicht wenigen Vorstellungen liegt der Altersdurchschnitt der Zuschauer nicht bei 60+, sondern bei 35+. Auch wenn das Brettl keine großen Sprünge machen, den Künstlern leider nicht, so gern es möchte, auch mal 50 Euro mehr Gage geben kann, so kommt der Kahn doch über die Runden. „Das Theater steht gut da“, versichert der Ex-Geschäftsführer in spe.

Was Rothes Nachfolger Böhme angeht: Lokalpatrioten können sich freuen. Nach der „Schweriner Lösung“ in Person von Brettl-Gründer Friedrich-Wilhelm Junge und dem „Dessauer Modell“ in Gestalt von Detlef Rothe kommt nun mit Böhme ein gebürtiger Dresdner ans Steuerruder. Geboren am 1. März 1965, dem Tag der NVA, wie Böhme gestern flachste, war er ab 1983 zunächst Transportarbeiter, dann Beleuchter am Staatsschauspiel. 1990 wechselte er an die „Dissidentenbühne“ (Rothe) Dresdner Brettl, wo er unter der Leitung Junges als Beleuchtungsmeister angestellt wurde. Im gleichen Jahr machte Böhme mit dem Hörspiel „Es ist noch einmal gut gegangen“ mit Jörg Gudzuhn in der Hauptrolle auf sich aufmerksam. Er übernahm 1991 die Regie in dem Lene-Voigt-Programm „Sächsische Variationen“, bei dem er gemeinsam mit Tom Pauls die Figur der „Ilse Bähnert“ entwickelte. Bis zum Jahr 2000 war Böhme fest angestellt, dann zog er es vor, freischaffend aktiv zu werden, weil er „einfach mal eigene Projekte verwirklichen“ wollte.

Zu seiner Biografie gehört auch, dass er zehn Jahre für die Leipziger Academixer aktiv war. Deshalb will er nun auch Kabaretts auf der Marion anheuern lassen, wobei die Gastspiele womöglich en bloc am Ende der Spielzeit erfolgen könnten. Neue Besen kehren gut? Nun, an Grundpfeilern der Spielplangestaltung, der Mischung aus literarisch-musikalischen Programmen, komödiantischem Theater oder auch musikalischen Revuen will Böhme nicht rütteln. Zum Erfolgsrezept des Kahns gehört, dass hier Dinge zu sehen sind, die nirgendwo anders gespielt werden. Mindestes fünf Prozent des Spielplans bestehen aus Eigenproduktion – das soll so bleiben. Und ja, es darf und soll weiterhin gelacht werden, wobei sich Lachen und ernste Themen für Holger Böhme, der an die „subversive Kraft des Lachens“ glaubt, nicht ausschließen.

Zur (fest angestellten) Mannschaft des Kahns werden wie bisher acht Personen gehören. Die Frauenquote liegt hier laut Rothe bei 50 Prozent. Böhme will, das ließ er durchblicken, ein paar neue Akteure ans Haus holen, die dann künftig Akzente setzen sollen. Namen wollte der künftige Chef gestern nicht nennen, noch laufen die Verhandlungen. Bleiben wird auf alle Fälle die Reihe „Theaterkahn im Liederwahn“, bei der in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk und MDR-Figaro einmal im Quartal an einem Freitag Songs und Chansons erklingen.

Ein Problem für den Theaterkahn wird die anstehende Sanierung der Augustusbrücke. Das Theater wird laut Rothe vorn von Baucontainern regelrecht zugestellt, ist folglich dann kaum noch zu sehen und nur schwer erreichbar. Und mal eben die „Marion“ an anderer Stelle zu vertäuen geht nicht – nur an diesem Liegeplatz sind Wasser- und Stromanschlüsse vorhanden.

Von Christian Ruf

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