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Derevo wagt mit der Uraufführung "Aerokraft" in Hellerau ein starkes Stück zum Krieg

Derevo wagt mit der Uraufführung "Aerokraft" in Hellerau ein starkes Stück zum Krieg

du hast mir das Leben genommen.Ein Mann, der aus dem Krieg kommt, ist für die Welt verloren. Hier kommt ein Mann mit Pickelhaube in den Saal gestürmt, wirft sie umgehend von sich, entledigt sich seiner militärischen Utensilien, schlüpft in einen schwarzen Anzug, trägt statt martialischer Uniform nun weißes Hemd.

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Anton Adassinsky (2.v.r.) mag wie ein Teil des Ganzen wirken, doch in "Aerokraft" bleibt er Einzelkämpfer.

Quelle: Igor Anosov

"Ich danke dir, Krieg (-)

Du hast mein Leid fortgenommen, du hast meine Tränen getrocknet

nun muss ich mich nicht mehr quälen und nicht mehr altern

Ich bin dir dankbar, oh Krieg,

du hast mir das Leben genommen."

Ein Mann, der aus dem Krieg kommt, ist für die Welt verloren. Hier kommt ein Mann mit Pickelhaube in den Saal gestürmt, wirft sie umgehend von sich, entledigt sich seiner militärischen Utensilien, schlüpft in einen schwarzen Anzug, trägt statt martialischer Uniform nun weißes Hemd. Der Mann - ein Mörder?

Derevo-Gründer Anton Adassinsky ist der Pickelhauben-Mann im neuen Stück "Aerokraft", das am Sonnabend im Festspielhaus Hellerau uraufgeführt worden ist. Die Köpfe seiner acht Tänzerinnen und Tänzer sind bis auf eine Ausnahme kahlgeschoren, ein etabliertes Markenzeichen dieser 1988 im damaligen Leningrad gegründeten Truppe. Dass der Theaterchef ebenfalls mit dichtem Schopf auftritt und seine Haut bronzen glänzt, sind weitere äußerliche Novitäten. Derevo erfindet sich mit jeder Produktion immer wieder neu; umso erstaunlicher, dass eine kommunale Evaluierungskommission diesem Ensemble jüngst attestierte, es würde nicht innovativ genug sein und keine gesellschaftliche Bezugnahme haben.

Da hat wohl jemand bei den früheren Produktionen nicht richtig hingesehen. In "Aerokraft" bekommt er nun mit dem Holzhammer serviert, wie relevant das künstlerische Tun dieses unikaten Theaters wirklich ist, wie sehr das Publikum daran Anteil nimmt (voriges Jahr wurden allein in Dresden rund 8000 Besucher erreicht, was einer Förderquote von etwa 10 Euro pro Gast entspricht) und wie einzigartig gerade diese Ästhetik heute ist. Immerhin ist in der vergangenen Woche die institutionelle Förderung ungekürzt bewilligt worden. Gut angelegtes Steuergeld.

Auch die "Aerokraft"-Premiere im großen Saal des Festspielhauses war bestens besucht und wurde lautstark mit Beifall bedacht. Es war ein Aufeinandertreffen des Heimkehrers mit einer Gesellschaft, zu der er nicht mehr gehört. In fünf Szenen mochte sich Adassinsky bemühen, Zugang zu seinem Ensemble zu finden - es blieben berührende Parallelwelten. Ob sanft, ob mit Gewalt, der einstige Krieger bleibt ausgestoßen. Er hat sich selbst aus den Reihen der Humanität genommen (bzw. von einer hier nicht thematisierten Politik nehmen lassen). Dass damit auch sein Leben vorbei ist, diese Einsicht kommt dem potenziellen Mörder zu spät. Mal mit der Pistole, mal mit einer simplen Fernbedienung will er auf das Geschehen einwirken, doch es bleibt ihm zum Schluss lediglich, sich in seiner Nacktheit einer Schildkröte gleich unterm Panzer zu verbergen.

Und "die anderen"? Tanzen eine Formensprache, die das Versprechen der Hommage à Émile Jaques-Dalcroze erfüllt, führen sportive Akrobatik mit ihrem Tanz zusammen, geben sich als Maschinenmenschen, turnen mit riesigen Reifen, die mal wie zum Rhönrad gefügt werden, und fügen ihrem energiegeladenen Können Revueelemente hinzu, während Adassinsky einen letzten Versuch unternimmt, seinen bronzenen Körper noch mit Glitzerspray aufzuhübschen. Integration wird ihm damit ebenso wenig zuteil wie mit dem Versuch kahlköpfiger Anpassung. Bliebe der Ausweg in die Diktatur? So zumindest wäre eine riesige rote Fahne zu deuten, die zum Finale das Bühnenbild füllt. Auch hier ist der um Akzeptanz bemühte Mann mit seinem roten Fetzen nur ein müder Krieger im Abseits.

Zu diesen Deutungsversuchen bekommt das Publikum von einer brüchigen Kinderstimme Adassinskys Gedichtzeilen zum Krieg vorgetragen, hört eine energetisch alles vorantreibende Musik von Nikolai Gusev und sieht unablässige Videoprojektionen von Andrej Gladkigh, in denen Maschinenschlachten und Luftkriege donnern - "wir fliegen zu Mars" wird gesungen, während wir uns auf der Erde zermürben. Ein kurzer, nur einstündiger Theaterabend, der sich mit seinen multimedialen Eindrücken tief in die Gedankenwelt frisst.

nächste Derevo-Aufführungen in Hellerau: 25.12. Improvisationsabend "Schneeflocken", 26./27.12. Wiederaufnahme "Once", Beginn jeweils 20 Uhr, ab 19 Uhr Rahmenprogramm mit Ausstellung und Filmen über Derevo

die nächsten "Aerokraft"-Aufführungstermine stehen noch nicht fest

www.derevo.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.12.2014

Michael Ernst

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