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Der besiegte Terror

Theater Plauen Der besiegte Terror

Hat „Terror“ überhaupt noch Sinn? Nach jener ARD-Fernsehspielfarce – mit nachfolgender öffentlich-rechtlicher Volksabstimmungssimulation gegen die Menschenwürde, vor der sowohl liberale Politiker als auch bekannte Staatsrechtler ausdrücklich gewarnt hatten.

Kampfpilot Lars Koch (Leonard Lange) wird von Richterin (Ute Menzel) nicht verurteilt – trotz eines starken Damenduos mit Anja Schreiber als Staatsanwältin.

Quelle: Peter Awtukowitsch

Dresden. Hat „Terror“ überhaupt noch Sinn? Nach jener ARD-Fernsehspielfarce – mit nachfolgender öffentlich-rechtlicher Volksabstimmungssimulation gegen die Menschenwürde, vor der sowohl liberale Politiker als auch bekannte Staatsrechtler ausdrücklich gewarnt hatten – fragen sich das auch die Theatermacher in Sachsen und wettern unisono über das TV-Fiasko mit dem ungesetzlichen Flugzeugabschuss per Befehlsverweigerung mit 164 unschuldigen Opfern, welches in satter 7/8-Mehrheit das Grundgesetz für obsolet und den „übergesetzlichen Notstand“ als virulent erklärte.

Denn nicht nur die Abstimmung ging (auch rein technisch) schief – die Fernsehversion über den bislang fiktiven Terrorakt nach dem Schauspiel von Ferdinand von Schirach machte von vornherein mittels Besetzung klare Sache pro Mörder: Der Pilot ein smarter Jungstar, die Staatsanwältin müde, blass und träge. Zudem baute die Regie noch ein zusätzliches Argument ein: Wenn nicht das Münchener Fußballstadion, dann soll doch wenigstens ein Rockkonzert oder der Atommeiler als mögliches Angriffsziel herhalten … Es gruselt schon beim Gedanken an so viel bürgerpflichtig finanzierte Staatsnähe, die da – noch schlimmer als bei Tatorten – aus den Redaktionscouchs kriecht.

Die Theater, die sich samt und sonders um Ausgeglichenheit, also faire Prozesse bemühen, spielen derweil tapfer weiter. Im Plauener Vogtlandtheater fand am Tag nach Fernsehausstrahlung die vierte Vorstellung der neuesten, insgesamt dritten sächsischen Inszenierung in Regie von Oberspielleiter Gilbert Mieroph statt – sie war voll und endete klarer als die vorherigen. Dabei war – in einem edel nachgebauten Bundesgerichtssaal von Ausstatterin Luisa Lange – einiges anders als zuvor.

Die Vorsitzende war mit Ute Menzel als strenger Richterin klug besetzt, die Geschichte wird mit einem Video von Maxi Ratzkowski eingeleitet, es gibt zwei Pausen: eine vor den Plädoyers und eine ganz kurze zur Abstimmung – hier per Urne statt Hammelsprung. Noch nie – weder in Dresden, Bautzen noch im Fernsehen – war aber die Sympathiediskrepanz zwischen anklagenden Frauen und verteidigenden Männern so groß wie hier: Anja Schreiber zeigt sich als Staatsanwältin Nelson in intellektueller Raffinesse ihren ebenso dominanten Kolleginnen Christine Hoppe in Dresden und Lilli Jung in Bautzen absolut gleichwertig, auch erregt Nadine Aßmann als Nebenklägerin Franziska Meier, die ihren Mann und damit den Vater ihrer Tochter verlor, in ihrer Trauer und Erregung Mitleid wie Zustimmung.

Lebenswerte Lebenswerte

Dagegen gibt sich Leonard Lange als Abschusspilot Lars Koch kaum Mühe, diesen zum Superhelden zu stilisieren. Auch sein Anwalt Biegler in Form von Daniel Koch agiert mindestens ebenso arrogant bis unsymphatisch wie Lars Eidinger im Film. Zudem gönnt Mieroph seinen Spielern einige Ausflüge: So darf die Richterin an die Rampe, um die jungen Schöffen im Saal eindringlich aufzuklären und Aßmann ganz kurz mit Rachegelüsten über den Piloten herfallen.

Doch das nützt alles nichts: Die Stimmung im Saal, zu zwei Dritteln aus fernsehfernen Gymnasiasten bestehend, während die oberen Abo-Rang-Rentner beteuern, extra nicht geguckt zu haben, ist eindeutig und liegt zwischen bundesweiten Theater- und Fernsehtrend: 289 zu 69 für den Piloten, weniger Sachkunde war in den fünf Vorstellungen, die alle mit Freispruch endeten, noch nie zugange. Mit 67,3 Prozent Zuschauern pro Freispruch rangiert das Vogtlandtheater – im völligen Gegensatz zum Bühnengeschehen – weit vorn in der Bundesligatabelle, sehr schön und dank der diensthabenden Dramturgen immer topaktuell nachzulesen auf der Terrorkarte des Verlages im Netz.

So zerstob im Vogtland die Hoffnung auf eine gewisse sachsenweite Grundgesetztreue – und damit (vielleicht) mal positive Schlagzeilen in fernen Gazetten. Zumindest in Bautzen und Dresden wäre schon eine signifikant andere Stimmungslage feststellbar, wäre der Horizont weiter und das Pferd nicht schon kampagnenartig totgeritten. Denn Dresden liegt nach 17 Vorstellungen respektive 7 Schuldsprüchen mit 51,4 % Freisprechern auf Platz 3, Bautzen bis gestern nach sechs Vorstellungen und 52,1 % auf Platz 4 (von hinten). Nur Karlsruhe (48,9 %) und Trier (50,8 &) halten da mit – was bei ersterem als Gerichtssitz wenig wundert.

Nun aber nennt Ferdinand von Schirach seinen Kassenschlager, der schon in 39 Theater in sechs Ländern läuft und auch in Japan (4:0) und Venezuela (1:17) reüssiert ja „Gerichtsdrama“ – und wollte sicherlich eine andere Debatte und Abstimmungen auf des Messers Schneide. So erlebte er live in Dresden erst im zehnten Versuch die erste gute Premiere. Dort, im Großen Haus, wurde der Pilot knallhart korrekt schuldig gesprochen – und zwar mit satten 101 Stimmen Vorsprung. Auch die Premiere vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater – waschecht abgehalten im Schwurgerichtssaal des Landgerichtes – endete nach dem abschließenden Schöffen-Hammelsprung mit 57:47 für schuldig (gleich Mord!) versus unschuldig (gleich Freispruch) und besaß kurzzeitig den damals einzigen roten Theaterpunkt in Deutschland. Grün bedeutet übrigens sauber, Gelb mindestens eine Verurteilung.

Man wird sehen müssen, inwiefern die Fernsehgeschichte die Theaterkasse beeinflusst, vielleicht erledigt sich die Terrorwelle auch durch die exorbitante Aufführungsflut oder durch die Realität. Hat man jedoch den maximal-sächsischen Quadrogenuss im Kopf, so sind – neben der Genugtuung, dass Theaterzuschauer schlauer scheinen – die Schwächen der Konstruktion dann doch so stark, dass man gern (nach der Zwickauer Premiere am 13. Januar im Malsaal als Interim fürs umzubauende Gewandhaus) – darauf verzichten kann. Zudem dort im Programmheft erklärt wird, warum kein Zuschauer (vor Bühne wie Glotze) je als Schöffe in Frage käme.

Denn in Westsachsen heißt das Spielzeitmotto eigentlich „Lebenswert“, dass Intendant Roland May im Spielzeitheft als „lebens-wert“ übersetzt und dafür als Regisseur den Schauspielhöhepunkt „Medea“ von Euripides (Premiere: 11. März 2017) stiftet. Die Musiktheatersparte, die die wunderbar verspielte Haydn-Freiluft-Welt auf dem Monde vom Schönfels ins Haus holt (Plauener Premiere am 14. Januar), liefert im April (1. in Plauen, 28. in Zwickaus Neuer Welt) Bizets „Die Perlenfischer“, die Ballettcompagnie unter Leitung von Annett Göhre spendet dazu eine sensationell anmutende Uraufführung von der Chefin: Denn „Happy Birthday“ (Zwickauer Premiere am 2. Dezember im Malsaal) beruht auf Heiner Müllers „Todesanzeige“.

Nächste Vorstellungen im Vogtlandtheater Plauen am 19. November und 17. Dezember; Premiere in Zwickau (Malsaal) am 13. Januar 2017 (je 19.30 Uhr). Nächste Termine in Bautzen und Dresden am ....

www.theater-plauen-zwickau.de; http://terror.theater/

Von Andreas Herrmann

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