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"Der Wildschütz" an der Semperoper: Drei Stunden Langeweile mit Musik

Veralbert und vergeigt "Der Wildschütz" an der Semperoper: Drei Stunden Langeweile mit Musik

In der Ouvertüre zu Albert Lortzings Spieloper "Der Wildschütz" fällt ein Schuss. Die sonnige Heiterkeit ist hin. Und weil die vornehmlich heiter dahineilende, sprudelnde Frische der Musik wird in der Dresdner Inszenierung auch gleich geschossen.

Dresden. In der Ouvertüre zu Albert Lortzings Spieloper "Der Wildschütz" fällt ein Schuss. Die sonnige Heiterkeit ist hin. Und weil die vornehmlich heiter dahineilende, sprudelnde Frische der Musik mit ihrer melodischen "Heiterkeit und Fröhlichkeit" zum einen den schönen Schein einer von Wollust getriebenen, gräflichen Oberschicht entlarvt, und zum anderen die existenziellen Nöte derer, die darunter zu leiden haben, anklingen lässt, wird in der Dresdner Inszenierung auch gleich geschossen.

Der Schuss, der den Dorfschulmeister Sebastian Baculus hier trifft, erweist sich am Ende, wenn er blutend zusammenbricht und das ganze Lustspiel zum Alptraum im Augenblick des Sterbens geworden ist, als tödliche Quittung für lebenslangen Untertanengeist.

Um wenigstens zur Hochzeit mit seiner jungen Braut Gretchen den Gästen einen Braten zu servieren, hatte er in gräflichen Jagdrevieren gewildert. Zur Verlobung im elenden Bretterverschlag seiner Dorfschule hinterm herrschaftlichen Anwesen aus edlen Hölzern auf der Bühne von Mathis Neidhardt, mit der des Stück beginnt, kann er lediglich rohe Möhren auf Papptellern servieren.

Der Graf hingegen serviert ihm die Entlassung, und Baculus macht vorsichtshalber die Slogans der französischen Revolution an seiner Schultafel wieder unkenntlich, wenn der Herr mit seiner Jagdgesellschaft auf einer Sauftour hier abgekippt wird.

"Bei der Komödie muss doch gelacht werden wie bekloppt", lässt Regisseur Jens-Daniel Herzog den laut und aufdringlich agierenden Schauspieler Oliver Breite in der Rolle des Pankratius extemporieren. Und wenn der Darsteller dann, um 21.10 Uhr, auch noch droht, dass er hier bleibe, bis morgen früh, dann hilft nur noch das Vertrauen darauf, dass ja zumindest der Vorrat an Musik begrenzt ist und die sich schon bald als nervige Veralberung entblößende Aufführung ein Ende haben muss.

Die groben Überzeichnungen häufen sich in der Verkleidungs- und Intrigengeschichte. Die Kostüme von Sibylle Gädeke sollten schräg sein, sie wirken billig. Die Choreografien von Michael Schmieder fügen sich erschreckend belanglos in das diffuse Konzept des Regisseurs. Männer pissen an die Wand. Lortzings ironische Seitenhiebe auf die seinerzeit modisch-verkitschte Vorliebe für antike Stoffe in naiven Liebhaberaufführungen muss dermaßen frei von Charme und Humor dahingepoltert werden, dass selbst eine Sängerdarstellerin wie Sabine Brohm in der Rolle der Gräfin ihre komödiantische Begabung verleugnen und reichlich tief in die Klamottenkiste greifen muss.

Die nächtliche Balz des Grafen und seines als Stallmeister getarnten Bruders am Billardtisch um die vermeintliche schöne junge Braut des Schulmeisters, die in Wirklichkeit des Grafen Schwester und für den ledigen Bruder vorgesehen ist, zunächst auf fröhlicher Witwenfahrt als Student verkleidet angeradelt kam und von Emily Dorn dargestellt wird, gerät trotz des genial komponierten Quartetts zu einer Szene mit Bremskraftwirkung. Da hilft es auch nicht, dass zwei Komparsinnen eindeutige Verrenkungen an Billardstangen machen müssen, die dadurch beabsichtigte erotische Wirkung bleibt aus.

Für die berühmten 5000 Taler will das arme Dorfschulmeisterlein die falsche Braut an den falschen Stallmeister verkaufen, die "richtige" müsste er aber leider behalten, vielleicht erlöst ihn sein Tod aber doch, denn so wie Carolina Ulrich als Gretchen unangenehm aufgesetzt spielt und dazu leider auch unangemessen singt, würde sich für sie wohl kein Käufer finden.

Leider kann der musikalische Eindruck dieser ersten Premiere der Saison weitestgehend nicht überzeugen. Sicher, Georg Zeppenfeld als Schulmeister Baculus, der im Anschluss an die Aufführung durch Staatsministerin Eva-Maria Stange zum Kammersänger ernannt wird (siehe Kasten), bietet zwar eine klangschöne, seriöse Leistung, auch im Spiel gibt es Momente von existenzieller Tiefe, ob man ihm aber weitere Ausflüge in das für ihn weniger angemessene Fach wünschen sollte, bleibt dennoch fraglich.

Seine Kollegen, der Tenor Steve Davislim als Baron Kronthal und vor allem der Bariton Detlef Roth als Graf von Eberbach, können da nicht mithalten. Ist es bei Steve Davislim mit schöner Stimmführung weniger der Gesang, sondern vor allem der problematische Umgang mit dem deutschen Text in den Dialogen, die ja im Gegensatz zum gesungenen Text nicht als Übertitel mitgeliefert werden, so wirkt die Stimme des Baritons schon bald kraftlos und matt; und daran, dass er seine große Arie "Heiterkeit und Fröhlichkeit" in hochprozentiger Katerstimmung singen muss, kann es ja nicht liegen.

Hatte man nun auf die Sächsische Staatskapelle gehofft, so hält sich auch deren Präsenz unter der Leitung von Alfred Eschwé in ungewohnt engen Grenzen. Zwar sind die Musiker erhöht platziert, aber ein erhebendes Klangerlebnis gibt es an diesem Abend nicht.

Wollte man mit dieser Inszenierung gar Gustav Mahler des Irrtums bezichtigen, denn ihm erschien immerhin - so kann man es im Programmheft nachlesen - Lortzing, insbesondere wegen dieses Werkes, "in Handlung und Musik als das größte Operntalent neben Mozart und Wagner".

Sollte aber Mahler doch richtig liegen, dann lag man in der Staatsoper mit der Wahl der Verantwortlichen für diese Produktion falsch.

weitere Aufführungen: 13., 26., 30.10.; 5.11. und im April 2016

www.semperoper.de

von Boris Gruhl

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