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Der Versöhnungspatron: H.R.H. Prinz Edward, Herzog von Kent, ist ein Großmeister des Understatement

Der Versöhnungspatron: H.R.H. Prinz Edward, Herzog von Kent, ist ein Großmeister des Understatement

Im Sommer 1956 brachte der Spiegel eine Titelgeschichte mit ungewöhnlicher Überschrift: "Die Hosen des Herzogs". Der Artikel begann so: "Mitte Juli erlebte England eine jener temperierten Umwälzungen, die der Stabilität seiner Gesellschaftsordnung ebenso zuträglich sind wie älteren Herren gelegentliche Kneipp-Kuren.

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Er bekommt am Sonnabend den diesjährigen Dresden-Preis: Prinz Edward, Herzog von Kent.

Quelle: PR

Die Revolution hatte eine Hose zum Gegenstand. Ein jugendliches Mitglied des königlichen Hauses erschien zu einer Hochzeit der Londoner Society zwar wie es vorgeschrieben ist im Cut, erdreistete sich aber, dazu statt einer gestreiften eine karierte Hose zu tragen."

Das jugendliche Königshaus-Mitglied war der 20-jährige Prinz Edward, Herzog von Kent. Damals mit seiner ausgelebten Jugendlichkeit bevorzugtes Berichtobjekt vor allem der Yellow-Press. Suchte man ein gegenwärtiges Pendant, fiele einem wohl zuerst Prinz Harry ein, wenn auch Prinz Edward ein ganz klein wenig dezenter vorging. Seine öffentliche Attacke auf tradierte Kleidernormen (und Cut ohne gestreifte Hose dazu war vorher schlicht undenkbar) wurde 1956 kommentiert mit: "Ein Gesellenstück echt britischer Balance-Artistik zwischen Staatstreue und revolutionärer Gesinnung." Die ganze Aufregung über die Musterung von Beinkleidern mag Nicht-Briten ziemlich übertrieben scheinen. Aber wo vor allem protokollarisch nach dem in diesem Fall der Wahrheit sehr nahem Motto verfahren wird "Hätten wir uns geändert, gäbe es uns nicht mehr", dort war das tatsächlich ein ironisches Statement, die Tradition nicht uneingeschränkt anerkennen zu wollen. Und das ausgerechnet von einem Cousin der jungen Königin.

In einer Biografie über den Prinzen hieß es damals: "Er ist ein lustiger junger Herzog. Aber er bereitet sich darauf vor, einige Leute zu überraschen, wenn er in Zukunft eine Verantwortung übernimmt." Heute ist Seine Königliche Hoheit, Prinz Edward, Herzog von Kent 79 Jahre alt, und Verantwortung übernimmt er schon sehr lange. Und ja, mitunter auch auf eine Weise, die zumindest manchen überrascht haben könnte. Als der Gründer vom Dresden-Trust Alan Russell 1994 den Herzog fragte, ob er Schirmherr der Versöhnungsorganisation werden möchte, sagte dieser sofort zu. Wie Russell erzählt, gab es da kein Zögern, keinen Zweifel. Und was er da tat, tat er ganz. Keine jener Repräsentationsaufgaben, wo gelegentlich ein berühmtes Gesicht, ein bekannter Name oder großer Titel einzig und allein als Fassadenaufwertung einer Sache benutzt werden. Der Herzog tat und tut die Dresden-Sache mit Leidenschaft. Das wurde besonders deutlich, als die Briten vorschlugen, der Frauenkirche ein neues Turmkreuz zu spenden. Und sie gaben nicht nur Geld dafür (unter anderen auch Königin Elizabeth II.), sondern machten aus dem Symbol ein noch größeres. Denn der Herzog suchte für die Herstellung des Kreuzes einen ganz besonderen Mann aus: Alan Smith, den Sohn eines jener Piloten, die Dresden am 13. Februar 1945 bombardierten. Und noch mehr Symbolik. Als Prinz Edward 1994 als Vorwegnahme des künftigen Geschenks in Dresden ein Bild des Turmkreuzes überreichte, machte er dies bei einem Gottesdienst in der Kreuzkirche. Dort las er gemeinsam mit dem damaligen sächsischen Ministerpräsidenten aus der Bergpredigt, der Herzog den ersten Teil in Deutsch, Biedenkopf den zweiten in Englisch. Und er fand auch selbst große Sätze, als er zum Beispiel sagte, unter der neuen Frauenkirche seien "die Gespenster der Vergangenheit endgültig begraben."

Dass sich ein Vertreter des britischen Königshauses einsetzt für die Versöhnung mit Dresden, ist so selbstverständlich nicht, wenn man die Geschichte betrachtet. Denn vor Dresden war London. Allein in der britischen Hauptstadt starben bei Angriffen der deutschen Luftwaffe in etwa genauso viele Menschen wie in Dresden: 25 000. Der Buckingham Palast wurde acht Mal bombardiert. Und dass die Zerstörung Dresdens durchaus berechtigt war und militärisch Sinn machte, davon sind auch heute noch viele Briten überzeugt.

Nein, Mainstream war dieses Engagement von Prinz Edward wirklich nicht. Aber für Mainstream wird ein Herzog von Kent auch nicht geboren. Prinz Edward kam 1935 als erstes Kind von Prinz George, 1. Duke of Kent, und dessen Ehefrau, der Prinzessin Marina von Griechenland und Dänemark, zur Welt. Sein Vater, der 1942 bei einem Flugzeugabsturz starb, war der Bruder von gleich zwei Königen. Jenem Edward VIII., der begleitet von Skandalgetöse 1936 abdankte, um seine Geliebte Wallis Simpson heiraten zu können, sowie George VI., der seit dem Film "The King's Speech" gern der "stotternde König" genannt wird.

Der Herzog besuchte zunächst das Eton College und später das internationale Institut Le Rosey in der Schweiz. Er ging auf die Königliche Militärakademie Sandhurst, wo er nach seinem Abschluss zum Leutnant befördert wurde. Nach 20 Jahren beendete er seine Militärkarriere als Oberstleutnant. Heute ist er Repräsentant verschiedener Organisationen sowie Großmeister der United Grand Lodge der Freimaurer. Ab und an übernimmt er für die Königin Repräsentationsaufgaben. Und da ist natürlich Wimbleton. 1922 wurde dort eine königliche Loge mit 74 Plätzen eingerichtet. In der sitzt nun schon seit Jahrzehnten ganz vorn der Herzog von Kent als Präsident des All England Lawn Tennis and Croquet Club. Und seit Jahrzehnten "the same procedere as every year". Am Ende des Turniers betritt der Duke den Rasen, geht an den Balljungen vorbei, wechselt ein paar Worte mit ihnen und nimmt dann den goldenen Pokal in die Hand.

Übrigens, seit einer Regeländerung im Jahr 2003 sind Knicks oder Verbeugung vor den Mitgliedern der Königsfamilie bei der Siegerehrung nicht mehr Pflicht. Denkt man zurück an die Hosen-Geschichte, dürfte der Herzog damit kein Problem haben. In anderen Punkten bleibt er natürlich traditionell. Anrede und Gruß am Ende seines Erwiderungsbriefes auf die Einladung zum Dresden-Preis waren mit Hand geschrieben. Darin schreibt er: "Diese Auszeichnung ist in Wirklichkeit ein Tribut für alle jene, die verbunden sind mit den Freunden vom Dresden Trust, dessen Schirmherr zu sein ich in den letzten zwanzig Jahren die Ehre hatte." Auch Understatement ist eben etwas zutiefst britisch Traditionelles. Und das wird sich so bald nicht ändern.

Die Preisverleihung findet statt am Sonnabend um 11 Uhr in der Semperoper. Eintrittskarten zum Preis von 10 Euro / Schüler und Studenten ermäßigt 5 Euro sind erhältlich beim Besucherdienst der Semperoper, Schinkelwache, Theaterplatz 2, 01067 Dresden, Tel: 0351 4911 705, online: bestellung@semperoper.de

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.02.2015

Heidrun Hannusch

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