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Der Schriftsteller Gerhard Falkner kommt mit seiner Künstlernovelle „Bruno“ ins Dresdner Stadtmuseum

Lesung Der Schriftsteller Gerhard Falkner kommt mit seiner Künstlernovelle „Bruno“ ins Dresdner Stadtmuseum

Am 2. März kommt der Schriftsteller Gerhard Falkner, als Gast der Reihe „Literarische Alphabete“, ins Dresdner Stadtmuseum. Er wird aus seiner Novelle „Bruno“ vortragen, neue Gedichte lesen und mit Patrick Beck über Braunbären, rote Schuhe und die Schönheit der Welt sprechen.

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Gerhard Falkner

Quelle: Foto: Alexander Paul Englert

Dresden. Ich habe mir diesen Dichter immer an einem Mischpult vorgestellt. Und das nicht allein wegen der Musikalität seiner Sprache. Die Lust an der ästhetischen Konfrontation des Gegensätzlichen ist eines der Hauptmerkmale der Gedichte des 1951 im bayrischen Schwabach geborenen Schriftstellers Gerhard Falkner, der heute in der Nähe von Nürnberg und in Berlin lebt. Berlins städtischen Landschaften hat er mit seinem Band „gegensprechstadt“, erschienen 2005 bei kookbooks, ein Denkmal gesetzt.

In einer Anthologie begegnete mir unlängst ein Gedicht aus Falkners frühem Band „wemut“ wieder, das den märchenhaften Titel „die roten schuhe“ trägt. Die erste Zeile beschreibt ein Erwachen am frühen Morgen. Schon in der dritten wird es surreal, der Leser trifft auf „eine frau, kleiner als ein pferd“. Die Frau reicht dem Aufwachenden einen Apfel, ein biblisches Motiv, und dann – vielleicht nicht zufällig in der siebten Zeile! – kommen die roten Schuhe aus dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen ins Spiel, die aber ebenso gut „The Red Shoes“ der Popkultur sein können; unter anderem trägt ein südkoreanischer Horrorfilm diesen Titel. Das alles klingt an, wenn das Ich des Gedichts, halb noch traumverloren, langsam vom Schlafen ins Wachen wechselt. Noch bis in die Semantik macht Falkner diesen Zustand erlebbar. Etwas Obsessives ist zudem, wie oft in seinen Texten, im Hintergrund spürbar. „die roten schuhe“ ist ein sehr kurzes Gedicht. In anderen schwingt die Sprache des Dichters weit aus, sind ihr Notwendigkeit und Existenzernst ablesbar.

Es gibt keine halben Sachen für Gerhard Falkner. Einmal hat er gesagt, er schreibe fast nur dann, wenn er erschrecke. Man denkt an Heiner Müller, der in einer Anmerkung zu seinem Stück „Mauser“ notierte: „Die erste Erscheinung des Neuen der Schrecken.“ Aber dem (Er)schrecken benachbart ist das Schöne, ist „die Schönheit / der Sätze“, mit denen es sich „hersagt“. Und, ganz allgemein gesprochen, die Welt. „Alles, was der Fall ist“, wie es in seinem soeben erschienen Buch „Ignatien – Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs“ heißt.

Ich habe Falkners Gedichte immer als die eines gebildeten Weltliebenden gelesen. Mit seiner profunden Bildung geht er freilich nicht hausieren; er lässt sie gewissermaßen, manchmal gemischt mit Wut und Ironie, aus Klang, Rhythmus und Motivik mit einfließen in seine Verse. Es gibt zahlreiche Anspielungen, mehr oder weniger deutlich – im neuen Buch etwa auf Rilkes „Duineser Elegien“. Man hat, wollte man Falkner literaturgeschichtlich verorten, immer wieder die Romantik ins Spiel gebracht. In den Elegien seiner „Ignatien“ sieht der Kritiker Michael Braun „Liedhaftes und Technisches“ zusammenkommen, Falkner blendet das digitale Zeitalter also nicht aus, doch er spielt auch mit dessen Fachsprachen, krempelt sie poetisch um und um.

Ich glaube, dass es Falkner um die Schönheit geht, die er auch ein wenig vor den Zumutungen der Welt retten will. Für sich, für seine Leser. Dafür setzt er sich ans Mischpult seiner Obsessionen und mischt Slang, Alltags- und hohen Ton gegeneinander ab. Und immer ist da diese Sprachtrance, dieser den Leser in Bann schlagende Ton: „Nach der Trauung fliegen die Sprache der Sprache als / Frau und die Sprache der Sprache als Mann als Paar / in die Sprachflitterwochen und feiern die Welt / als das einzige Beispiel für alles, was der Fall ist.“

Um die Welt geht es Gerhard Falkner nicht nur in Gedichten, sondern auch in Novellen, Theaterstücken und Essays. Große Aufmerksamkeit erlangte er mit seiner Novelle „Bruno“, die im Wallis spielt, zu jener Zeit, als ein Braunbär dieses Namens nicht nur durch die Schweizer Bergwelt, sondern gehörig auch durchs Feuilleton stapfte. Falkners Erzähler ist besessen davon, diesem Bären zu begegnen, aber der Leser merkt schnell, dass es hier auch um eine Selbstsuche des Mannes geht, von dem uns Falkner in aufregenden Innenbildern erzählt. Der Bär ist nur der Dritte, eine Art Bewusstseinserhitzer, für das Fieber im Kopf. Am Ende ist der Bär tot, der Erzähler aber lebt – und womöglich auf eine neue Weise.

In seiner „Kranichsteiner Rede“ hat er 2008 die Wucherungen eines aus dem Ruder gelaufenen globalen Finanzkapitalismus angeprangert: „Das meiste von diesem Geld, das im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft liegt, das so genannte frei flottierende Kapital, ist mit keinem aus der Wertschöpfung gespeisten Geschäft mehr verbunden, kreist heimatlos über den Börsen der Finanzmetropolen und wird von diesen Menschen am Bildschirm mit dem einzigen Ziel einer an keinen Sinn und keine Verpflichtung mehr gebundenen Bereicherung verschoben, in einer Weise ohne Rücksicht auf Verluste, wie man sie selbst aus den barbarischsten Kriegen nicht kennt.“ Die Politiker seien heute weltweit nur noch „die Übersetzer solch internationaler Finanzbefehle“ einer „freiheitlichen Unordnung“.

Am Mittwoch kommt der Schriftsteller Gerhard Falkner, als Gast der Reihe „Literarische Alphabete“, ins Dresdner Stadtmuseum. Er wird aus seiner Novelle „Bruno“ vortragen, neue Gedichte lesen und mit Patrick Beck über Braunbären, rote Schuhe und die Schönheit der Welt sprechen.

Mittwoch, 20 Uhr, Stadtmuseum

Von Volker Sielaff

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