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Der Schauspieler Robert Gwisdek stellt in Dresden seinen Debütroman "Der unsichtbare Apfel" vor

Der Schauspieler Robert Gwisdek stellt in Dresden seinen Debütroman "Der unsichtbare Apfel" vor

Der Kreis hat eine vollkommene Form, das faden schon die alten Ägypter. Für Robert Gwisdek ist diese geometrische Fläche möglicherweise sowas wie ein Leitmotiv in seiner Arbeit.

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Robert Gwisdek, hier als Käptn Peng 2013 beim Sound of Bronkow-Festival in Dresden.

Quelle: Dietrich Flechtner

In seinen Songs, die er als Käptn Peng rappt, taucht der Kreis jedenfalls immer wieder auf. In dem Lied "Sie mögen sich" (2012, vom Album "Die Zähmung der Hydra") wird ein Mädchen vor lauter Selbstsuche irgendwann zum Kreis. Auch auf dem aktuellen Album "Expedition ins O" - ein O ist ja auch irgendwie ein Kreis - wird es gleich im Opener "Der Anfang ist nah" Zeit, einen Kreis zu bilden. Und zwar mit allen Dingen dieser Welt. Das von ihm und seiner Band Die Tentakel von Delphi gegründete Musiklabel heißt Kreismusik und das Logo ist, wenig überraschend, ein Kreis.

In seinen Liedtexten hat Gwisdek quasi das Buch schon angekündigt, das nun bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Der Protagonist in "Der unsichtbare Apfel" ist ein seltsamer Mensch namens Igor, der versucht, seinen Geist zu einer geometrischen Fläche zu formen, um die Welt zu verstehen, um "das Rätsel hineinzulegen wie einen Salzstein in ein Wasserbad, sodass es sich von selbst darin auflöst". So steht es jedenfalls auf dem Buchrücken. Was dann auf den 368 Seiten aber passiert, ist nicht leicht zu beschreiben. Es ist ein verwunschener Weg ins Innere eines Grüblers, der durch ein einschneidendes Erlebnis endgültig den Bezug zur realen Welt verliert und sie noch einmal ganz neu zu entdecken versucht. Auf jeden Fall beginnt sich alles für Igor zu wenden, als er - tief in sich selbst verlaufen - einem Kreis begegnet, der sich so schnell dreht, dass er zu einem harmonisch brummenden Ball wird, den Igor unbedingt berühren will.

Robert Gwisdek ist mit seinem Debüt ein Roman gelungen, der sich stark unterscheidet von vielen anderen vermeintlich realistischen Literaturprodukten. Die Welt, aus der Gwisdek stammt, wird, wenn sie überhaupt noch darin vorhanden ist, so weit aufgelöst, dass sie nur noch als sinnlos anzuerkennen ist. Igor versteht sie nicht und irgendwann auch die Menschen darin nicht mehr. Die Frage nach der Unendlichkeit des Universums, die auch den Liedtexter schon beschäftigte, stellt sich Igor, als er in die Pubertät kommt. "Das Leben hatte keinen Rand. Es ging immer weiter. Immer immer immer immer - (noch eine ganze Seite "immer" hinterher). Er versucht die Welt in ihrer Logik zu verstehen und scheitert daran. Also erklärt er sie für nicht länger existent. Sie bleibt natürlich bestehen, aber er driftet, in einem Versuch, 100 Tage ohne Licht und Geräusche leben zu wollen, in eine andere Welt ab. Als er dort jenen Kreis entdeckt, hat er große Angst vor ihm, spürt aber bald, dass der Kreis die Unendlichkeit in sich trägt, weil er selbst eine unendliche Rotation ist, eine Linie ohne Anfang und ohne Ende.

Genau wie der Protagonist müssen die Leser ihre Logik ausschalten. Sie müssen bereit sein, in der überbordenden Symbolhaftigkeit des scheinbaren Wahnsinns etwas erkennen zu wollen. Das ist oft mühsam und spätestens nach der Hälfte will man das Buch zur Seite legen, um Handfestes zu sich zu nehmen, einen biografischen Roman vielleicht, etwas, an dem man sich festhalten kann. Doch genau da ist der Punkt erreicht, wo man unbedingt weiterlesen sollte. Denn langsam findet Igor einen Weg zurück ins Leben und die Leser einen Sinn in der Lektüre. "Man musste es leicht denken", errät Igor die Lösung im Umgang mit dem scheinbar unkontrollierbaren Kreis. Er lacht ab da öfter vor sich hin. Der Unmöglichkeit der Welt ist nur mit der Leichtigkeit eines Kindes beizukommen, könnte man daraus ableiten.

Aber wie der Autor selber sagt, beim Ideen in die Welt bringen ist "das Risiko, missverstanden zu werden, wahrscheinlich der Preis, den man dafür zahlt, es mit anderen teilen zu können. Gerade, wenn es so ein abstrakter Gefühlszustand ist wie in dem Buch." Ganz unbedingt also wird sich jeder seinen eigenen Reim auf "Der unsichtbare Apfel" machen müssen. Bei der Lesung wird Gwisdek vermutlich keine große Hilfestellung geben. Dafür macht er Musik mit der Loopstation und zeigt seinen aktuellen Kurzfilm "Circuit", in dem ein Elektriker einen sich selbst loopenden Raum betritt und wahnsinnig wird.

Robert Gwisdek liest heute, 20.30 Uhr in der Schauburg aus "Der unsichtbare Apfel" (368 Seiten, gebunden, Kiwi, 12,99 Euro)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.04.2014

Juliane Hanka

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