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„Der Phantast“ wird am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt

Karl May auf der Spur „Der Phantast“ wird am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt

„Ich bin nicht ich allein; ich bin noch mehr.“ Karl May ist viele Ichs: Abenteurer, Bestsellerautor, Kosmopolit, Mystiker. Bei kaum einem anderen Schriftsteller werden Autorenschaft und erfundene Figur so stark in einem gedacht wie bei Karl May. Dem widmet sich Jan Dvořáks „Der Phantast – Leben und Sterben des Dr. Karl May„.

In der Villa Bärenfett in Radebeul: Regisseur Philipp Stölzl, die Schauspielerin Nele Rosetz sowe die Schauspieler Götz Schubert und Ahmad Mesgarha (v.l.).

Quelle: Anja Schneider

Radebeul. Philipp Stölzl ist als Inszenator ein Unikat, dessen Spektrum von Rammstein über Madonna bis hin zum Nordhäuser Eiskorn-Mammut und Winnetou reicht. Nun inszeniert er seine eigene Idee: „Der Phantast. Leben und Sterben des Dr. Karl May“ – morgen ist die Uraufführung im Dresdner Schauspielhaus. Und da Probenzeit ein rares Gut ist, lud das Staatsschauspiel zuvor zu Tee, Schnittchen und Gebäck zum gemeinsamen Pressegespräch nach Radebeul in die Villa Bärenfett im Areal des Museums auf dem Ex-Anwesen. Da im gemütlichen Kaminzimmer, in dem allerlei totes Getier ausgestopft herumhängt, die Darsteller noch fehlen, begrüßt die Damenriege des Museums die Journalistenschar, die gern filmen, fotografieren und interviewen möchte, und sensibilisiert gleich fürs nächste Jubiläum: Am 25. Februar feiert der phantastische Hausbauherr den 175. Geburtstag.
Die Riege hat also Zeit zum Plausch – und zeigt sich selten so einig: Philipp Stölzl hat noch nix wirklich verrissen. Das ist angesichts des Spektrums nahezu ein Wunder: Der deutsche Regisseur inszeniert Spielfilme, Werbespots, Musikvideos und Opern, zudem Fernsehfilm und Schauspiel. Außerdem ist er, laut Wikipedia, „der Sohn des Historikers und christdemokratischen Politikers Christoph Stölzl“ und „absolvierte an den Münchner Kammerspielen eine Ausbildung zum Bühnenbildner. 1997 drehte er sein erstes Musikvideo, Rammsteins „Du Hast“, mit dem er über Nacht zum gefragten Regisseur wurde.“ Alles klar?!

Und dann die Filme: Nordwand, Goethe, Medicus – die Kenner kommen ins Diskutieren.

Diese Vorgespräche kennt Stölzl nicht, als er hereinschneit. Gemeinsam mit Chefdramaturgin Beate Heine nimmt er in der Villa Bärenfett Platz auf der Couch neben dem Kamin und unter dem ausgestopften Bär – ein wunderbares Motiv für solcherart Erzählungen: „Es ist ein wunderbares Museum – aber mit viel zu wenig Mitteln ausgestattet, wenn man bedenkt, dass hier eines der bedeutendsten deutschen Autoren gedacht wird, der bis vor kurzem von nahezu jedem Bub‘ gelesen wurde und dessen Bücher wohl – korrigieren Sie mich bitte – über einhundert Millionen Mal verkauft worden sind.“ Die angesprochene Museumsleiterin korrigiert leicht: Rund zweihundert Millionen weltweit, aber davon die Hälfte in Deutsch.

„Die eigentliche Wertschätzung Karl Mays steht noch aus“

Anbetracht seiner Bedeutung als einer der Utopisten des 19. Jahrhunderts wäre er nicht geringer zu schätzen als zum Beispiel Richard Wagner und hätte weit mehr Ehrung verdient. Das Museum wäre in jeder westdeutschen Stadt zum absoluten Touristenanlaufpunkt ausgestaltet worden. Stölzl geht noch weiter: „Die eigentliche Entdeckung und Wertschätzung Mays steht, glaub‘ ich, noch aus.“ Noch würde das von Klischees und Vorurteilen überdeckt. Dies leide immer noch an den Spätfolgen des Shitstorms, der ihn in den letzten Jahren seines Lebens von neidischen Enthüllungsjournalisten, die ihm seine Phantastereien übelnahmen, überkam.

Hier setzt Philipp Stölzl – gemeinsam mit seinem langjährigen Schreibkompagnon Jan Dvořák, hauptberuflich im Nationaltheater Mannheim Opernchefdramaturg bei Albrecht Puhlmann – an und erzählt den Niedergang des „aus der Gosse“ gekommenen Dichters. Die beiden letzten Dekaden von der Blüte des Schaffens zur Degradierung dank der Missgunst einiger Zeitgenossen. Und erklärt gleich ungefragt, warum es kein Filmstoff ist: Das phantastisch-fellinihafte Springen zwischen seinen Geschichten und der eigenen Biografie tauge eher für die Bühne als für die Leinwand, wo man breiter erzählen muss.

Dabei steht erst eine Schauspielinszenierung in Stölzls Vita: Vom Baseler Frankenstein zum Dresdner May, könnte man unken. Dazwischen funkt aber eine staatliche Opernbilanz, angefangen mit – passend zum Drang nach deutschen Mythen – dem „Freischütz“ in Meiningen – und dann querbeet durch große Stoffe (Faust, Rienzi Parsifal) wie Häuser bis hin zu den Salzburger Festspielen.

Dann kamen er und RTL zum gewagten Winnetou – und darüber nun zu dessen Schöpfer – direkt an der Quelle, wo der pazifistisch-schussunfähige Bärentöter und die Silberbüchse entstanden und ein cooler, halbnackter Winnetou schneebedeckt den Eingang bewacht.

„Ich brauchte es nach der langen Beschäftigung mit Karl May eigentlich nicht unbedingt, aber ich hatte das Gefühl, dass es noch viel zu erzählen gab. Es lag nahe, dass hier, also in Dresden bei Radebeul, zu tun.“ Unter Federführung von Dvořák ist nun ein Art Collage aus Werken, Biografie und anderen Texten entstanden. „Man findet bei ihm sofort das theatralische, also das textliche Fleisch, mit dem szenische Bilder im Kopf entstehen. Er ist ein sehr sprachgewaltiger Autor“, erzählt Stölzl.

„Das Faszinierende für mich: Auf der einen Seite einen großen Münchhausen, der angeblich 1200 Sprachen spricht, auf der anderen Seite einen humanistischen Romantiker und Geistreisenden, von dem man viel lernen kann.“ Ein Gegensatz in sich, so streut Stölzl, sich sinnierend in der Villa Bärenfett umblickend, ein, während die Schauspieler – als Gast der Dresdner Götz Schubert als Karl May, Nele Rosetz als Mays Frau Emma und Ahmad Mesgarha, der vom Othello flugs zum Winnetou wird – in der Villa eintreffen. „Der romantische Schreibtischtäter war wohl nur möglich, wenn man nie dagewesen ist und sie nicht an der Gegenwart messen muss.“ Wohl unmöglich, hätte er die meist brutalen Begegnungen zwischen Weißen und Indianern im wilden Westen selbst erlebt.

Es gibt zwei Nebenstränge – eine mit Mays Frauen Emma und Klara. „Eigentlich ganz reale Ehegeschichten, die jeder kennt, wenn man verheiratet ist“, scherzt der große Regisseur mit Vollbart. Und ein zweiter über die Machenschaften der Enthüllungsjournalisten, die May erfolgreich vom Thron stießen: „Deren hundsgemeine Artikel hatte schon etwas Faschistoides. Ihm wurde so unchristliches und undeutsches Verhalten vorgeworfen.“ Diese werden im Original zitiert und auch per Klarnamen benannt.

Taugt May als Vorbild? Stölzl überlegt kurz: „Sicher nicht im klassischen Sinne. Aber was ich schon als Jugendlicher mochte, war die Beschreibung als ,Utopie der Versöhnung’. Das hat nichts mit dem heutigen Gutmenschentum zu tun, sondern vermittelt das klassische Friedensbild des Abendlandes – und seine Figuren prägten das Rollenbild für ganze Generationen junger Männer.“ Auch das seiner – als Münchner des Jahrganges 1967? „Nein, ich bin eine Generation zu spät – also eher Luke Skywalker“, schmunzelt er. Das geht den Urdresdnern seiner Generation anders. Sogar der Ostberliner Mesgarha scherzt an Mays prasselndem Kamin: „Wir vermissen heute noch das Hackebeil unserer Spielzeugindianer.“

Premiere am Freitag im Schauspielhaus, weitere Vorstellungen am 16., 22., 24. und 31. Januar.

Von Andreas Herrmann

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