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18:30 20.09.2018
Dieter Beckert sitzt in seiner Clowns- und Traditionsecke. Den großen Geburtstag seines „Standbeines“ bereitet er schon seit einiger Zeit vor. Quelle: Tomas Petzold
Dresden

Herr Beckert will Geburtstag feiern, und mit der ihm eigenen Akribie bereitet er sich schon seit längerem darauf vor. Es ist zwar nicht so ganz sein eigener, aber es ist schon ein besonderer runder Geburtstag, der für ihn mit dem halben Künstlerleben verbunden ist. Oder einem Viertel, wenn man es korrekt haarspalterisch betrachtet. Denn der Erfinder der Brachialromantik, der Lieder- und Theatermacher mit dem bürgerlichen Vornamen Dieter lebt seit der Gründung des Restauranttheaters im Zschonergrund existenziell wie künstlerisch auf zwei Beinen. „Ich habe ein Standbein und ein Spielbein. ,Merlins Wunderland’ ist seit zwanzig Jahren mein Standbein. Ohne dieses Standbein könnte ich mir mein Spielbein, das heißt alle die anderen Sachen wie das Duo Sonnenschirm nicht mehr leisten.“ Wohl schon gar nicht die erst vor einem reichlichen Jahr bezogene kleine Künstlerloft mit der „brachialromantischen Probebühne“, und der Denkfabrik im Zentralwerk in Pieschen. Da sitzt spielt steht denkt er nun als armer Tor (ich weiß, das ich nichts weiß, aber ich stelle mich dumm) und übt sich in mancherlei Balancen. Till Eulenspiegel, wie er so auf dem Seil steht, erscheint ihm als ein Symbol für die Menschheit. Man muss an seine Grenzen gehen, aber die Gefahr abzustürzen ist groß. Vielleicht läuft ja alles irgendwann unweigerlich aus dem Ruder, wie dem Zauberlehrlehrling. Nur, fragt Beckert, „Wer ist eigentlich der Alte Meister?“ Für einen bekennenden Romantiker kommt er einem erstaunlich oft mit Goethe. In einem Atemzug von Mick Jaggers „You Can’t Always Get What You Want“ zum „Schatzgräber“, die nicht nur für Empfänger kleiner Renten das wahre Glück verheißenden Ballade, in der es am Ende fast schillermäßig sprichwörtlich heißt: Tages Arbeit, abends Gäste! Saure Wochen, frohe Feste!

Vom Liedertheater zur Comedyshow

Na, da sind wir ja irgendwie doch wieder bei Merlins Wunderland angelangt. „Was ich da mache ist eine Dienstleistung, mein Beitrag zum Bruttosozialprodukt“, postuliert Beckert. Das klingt eher schlicht, ist aber nicht ohne Anspruch, zumal es verlangt, das eigene Ego und die Attitüde des genialen Weltverbesserers ein wenig zurückzunehmen.

Vom Liedertheater zur Comedyshow ist die Devise, und hier geht es nicht zuletzt um so etwas wie Teambuilding oder Coaching wie man das heute nennt, als Steigerung der Produktivität durch Verbesserung des Betriebsklimas. „Da sind 300 Leute im Saal, die kommen beispielsweise aus Arztpraxen und einer Stahlbaubude. Wir wissen darüber Bescheid und gehen dann irgendwie darauf ein, indem wir zum Beispiel die verschiedenen Gruppen in eine Art Wettbewerb bringen. Weil wir so eine Bierzeltatmosphäre schaffen wollen, in der sich jeder wohl fühlt und die Leute auch miteinander ins Gespräch kommen. Da geht es nicht vordergründig um Botschaften, sondern um professionelles, keineswegs inhaltsleeres, sondern durchaus intelligentes, hintersinniges heiteres Entertainment, um gute Unterhaltung. „Ja, und man muss immer daran denken, dass es showbizz heißt und nicht hörbizz.“ Da kann, und darf, ja muss man sich auch mal einen Feuerschlucker leisten, eine leicht bekleidete Tänzerin und/oder eine richtig fette Band, was man sich so als freier Unterhaltskünstler nie leisten könnte und auch gar nicht braucht. Was aber Spaß macht. „Man muss mich da nicht zum Jagen tragen“, sagt der studierte Förster, und man merkt ihm an, dass ihn die vielen lobenden Eintragungen im Gästebuch – zumal von Leuten, die ihn bis dato nie und nimmer kannten, ganz schön stolz machen.

Zuständig für Sprüche und Welttheorie

Freilich gilt das Ganze nicht nur für ihn allein, sondern mehr oder weniger für das ganze kleine Biotop der besonderen Dresdner Künstlertypen als da sind, Rainer König, Ralf Herzog, Wolf-Dieter Gööck, Robby Langer und natürlich nicht zu vergessen Peter Till, mit dem das Ganze eigentlich anfing. Weißt du, dass die Griechen zwei Götter der Zeit haben? Der er eine ist Chronos, sozusagen für die gewöhnliche Zeit, der andere ist Kairos, der Gott des richtigen Augenblicks. Und so ein Augenblick muss es gewesen sein, als Beckert, Till und König eigentlich nur für eine einzelne Mugge mit ihrem ersten Beulenspiegel-Programm „Wilder Mann und Weißer Hirsch“ im Wunderland auftraten, kamen, sahen und siegten. Auch über die eigentlich vorgegebene Mittelalter-Szenerie. In der Folge entstanden sieben weitere, eigens für die dreiteilige Dinnershow entwickelte Programme: vom dadaesken Baby balla balla über den Weihnachtsexpress mit dem schwarzen Jesuskind und die Monthy-Python-Hommage „Auf hoher See“ bis hin zu den vom Zschadraß-Skandal inspirierten Wunderland-Klinik-Storys und Draculas Hochzeit. Arbeitsteilig, wie Beckert betont, wobei er für Sprüche und Welttheorie, Musik und Gesang zuständig sei, nun also in Sachen der zweiten Folge von „Sternstunden der Menschheit“, durchaus in Anlehnung an Stefan Zweig, aber in nunmehr kosmischen Dimensionen.

Da kommen Touristen von einer fernen Galaxis zu uns, werden erst einmal aufgetaut und bekommen dann vorgeführt, wie weit wir Erdenmenschen es gebracht haben. Das beginnt historisch weit zurückreichend mit der Entdeckung des Alkohols, die freilich weder die Eroberung des Südpols, (wieder untermalt von der unvergesslich Musik von Stern Meißen) noch die Landung auf dem Mond verhindert hat, für die u.a. die Erfindung eines Mannes wichtig war, der einst (wie Gundi und Brigitte Reimann) in Hoyerswerda zur Schule gegangen ist, nämlich Konrad Zuse, der später den ersten funktionsfähigen Computer der Welt gebaut hat, Z3 oder Zusi, der nun gewissermaßen als Reinkarnation zu erleben sein soll, was wiederum ein Stichwort ist für das Schaf Shaun, auch Dolly genannt. „Mich interessiert allerdings zuerst immer die alberne Seite einer Sache“, verrät Beckert, was sich freilich längst als sein persönliches Erfolgsrezept herausgestellt hat - weil er eben die Dialektik zwischen Clownerie und tiefem Ernst, zwischen Akribie und Fantasie so recht einigermaßen beherrschen gelernt hat.

“Gut zu tun“ für die nächsten Jahre

Das zeigt sich, ich weiß, das gehört scheinbar nicht hierher, vor allem an spröden, gar verpönten Themen. Etwa beim Arbeiterlied, das als UNESCO-Welterbe geführt wird. An den Programmschwerpunkt des jüngsten Festivals in Rudolstadt wollte erst keiner ran, resümiert Beckert, aber dann hat er die Regie übernommen für ein entsprechendes „Songposium“ und etliche der üblichen Verdächtigen im Boot wie Jürgen B. Wolff, Steffen Mensching und Wenzel mit seiner Band, das Dresdner Stahlquartett. Will heißen, auch der Wissenschaft oder einem scheinbar drögen Erbe, kann und muss man die heiteren Seite abgewinnen, indem man das Ganze ins pralle Leben stellt.

In diesem Sinne kann eigentlich nichts schief gehen, auch wenn es da heißt, dass in einer Extrasshow zum Jubiläum ausgerechnet die Elbhang Zombies, also Untote aufspielen werden (respektive Robby Langers bewährte Schlössenacht-Bande mit Beckert als schottischem Lord). Wobei sich freilich, abgesehen von „Pionier“ Max Lorenz, der makabre Beigeschmack der schönen Selbstironie unweigerlich real verstärkt. Denn Beckerts Lebensperspektive, die eine Hälfte in der DDR genannten Zone, die andere im realen Spätkapitalismus zuzubringen bedingt, dass sich alle, die es in zwanzig Jahren noch nicht geschafft haben, einen Platz in Merlins Wunderland zu entern, so langsam sputen müssen. Mit vier Inszenierungen im Spielplan (und 32 geplanten Vorstellungen allein bis Jahresende, die Sondershows wie zu Silvester gar nicht gerechnet) habe er allerdings für die nächsten Jahre noch gut zu tun, verspricht der unbeirrt zwischen „blauer Blume und roter Mainelke“ zeitweilende Musikant, Querdichter, Denker und Musikant.

Termine: 22. September Geburtstagsshow mit den Elbhangzombies & Friends;

12. Oktober Premiere des Programms „Sternstunden der Menschheit 2“

Von Tomas Petzold

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