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Regional Der Malerpoet Andreas Küchler starb viel zu früh – Ausstellung in der Galerie Q
Nachrichten Kultur Regional Der Malerpoet Andreas Küchler starb viel zu früh – Ausstellung in der Galerie Q
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18:03 02.08.2017
Andreas Küchler: Mischtechnik auf Papier, “Bilder vom Lande“ 63 x 49 cm, Entstehung: 1991/99 Quelle: Repro: Galerie Q
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Andreas Küchler war ein stiller Poet, der unaufgeregt mit magischen Bildzeichen und einem schwermütigem Kolorit das Leben durchschaute, die Unwägbarkeiten, Unberechenbarkeiten und Unsicherheiten. Er kannte die damit verbundene Einsamkeit. Somit baute er immer wieder Schutzräume, Gehäuse und Archen, Boote, um zu neuen Ufern zu gelangen, in dunkler Nacht, unter leuchtendem Gestirn.

Andreas Küchler starb am 2. April 2001 im Alter von 48 Jahren völlig unerwartet. Seiner Schwester Barbara Schuster ist es zu danken, dass immer wieder Arbeiten des Künstlers in der Öffentlichkeit zu sehen sind. 2016 waren Werke von Andreas Küchler auch in der Ausstellung „Gegenstimmen“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. Die Welt seiner Werke ist ein Labyrinth von Chiffren, Gleichnissen und Geheimnissen.

Küchler entzog sich der äußeren Welt, ohne sie zu missachten. Ort- und zeitlos wurde er eins mit seiner Bildwelt. Er malte, wie man träumt und war ein Reisender durch Raum und Zeit, der selbst entschied, ob er verweilen wollte oder den Ort wieder verließ. Es ist eine Kunst der Absichtslosigkeit, in der unbewusste und bewusste Wahrnehmung eine wunderbare Verbindung eingehen. Es scheint, als ob die äußere Welt an der seinen vorübergezogen ist, um die Zerbrechlichkeit und Entfaltung ungeahnter Gebilde nicht zu stören.

Auf einer Arbeit kann man lesen: „…den Mond 70 cm runter und die Wolken nach rechts anhängen… Achtung Bühne. Beleuchtung.“

Was für ein Theater! Ein somnambules Welttheater, in dem die einsamen und vergessenen Mondgesichter mit spitzen Kappen ihren Nachtgedanken unter der Mondsichel ungestört nachhängen. „Wir träumen von Reisen ins Weltall“, schrieb der Romantiker Novalis, und weiter „ist denn das Weltall nicht in uns. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und die Zukunft.“

Vielleicht war Andreas Küchler davon überzeugt, etwas Verlorenes zurückzuerobern, in einem Zustand des Mangels. Er hatte großen Hunger nach dem Imaginären, um der vernünftig denkenden Vernunft zu entrinnen. Somit lebte er eine Entgrenzung des Denkens auf Leben und Tod, leicht spöttelnd, mitunter mit ironischem Unterton, um geistig, mit schöpferischer Unvernunft das Weite zu suchen, im Namen des Lebens. Zeit und Ewigkeit, Endlichkeit und Unendlichkeit, Ordnung und Chaos sind eins, in seinem archaischen Fest der Symbole und Andeutungen. Manchmal reißen die Bildschichten auf und es leuchten uns gekritzelte Bildbotschaften lebhaft entgegen.

Der Künstler lockt uns mit Anspielungen aus unserer Realität in die seine und lässt unseren Blick über Dinge stolpern, die fremd zueinander stehen. Ohne es zu bemerken, verlieren wir unseren Halt und schweben mit den Bildzeichen. Oder er lockt uns mit scheinbar vertrauten Gegenständen in seine Bildwelt. Immer scheint Küchler selbst in den Bildern auf uns zu lauern.

Seine Kunst zeigt uns, wie brüchig verstandesmäßige Wahrheiten sind. Sie verwirrt uns, weckt jedoch gleichzeitig den Sinn, Unbekanntes lustvoll wahrzunehmen und spielerisch mit Wirklichkeit umzugehen. Er schenkt uns seine Welt, Archetypen und magische Zeichen, die Abwehrkräfte gegen eine geistige Erstarrung aktivieren. Das Leben besitzt in seinen Arbeiten eine ursprüngliche Kraft, in einer Welt spontaner Freiheiten, regelloser Spiele, die jedoch immer geerdet bleiben.

Küchler widerte der lärmende Rummelplatz systemerhaltender Massenverdummung, aufgeblähter Dummheit und Bildungslosigkeit in Ost wie West an. Er verweilte im Schutzraum seiner Gehäuse bei Sonne, Mond und Sternen und zeigte in der Maske des Clowns den Zensoren seine kalte Schulter. Er wandte sich ab, der melancholische Skeptiker und beschrieb auf seine Art, mit Kreis, Linie, Fläche, Pfeil, Buchstaben und Worten, kritzelnd oder sich in einer wunderbar schweren wie leuchtenden dunkelblauen und roten Malhaut verlierend, das große und das kleine Universum, die großen und die kleinen Fragen des Lebens, in „Landschaften von befremdlicher Abseitigkeit mit Acker und Haus, Garten und Gestirn. Endlichkeitsbilder ohne Apokalypse“.

Andreas Küchler wurde 1953 in Freital geboren, bis 1972 lernte er in der Kinder- und Jugendsportschule. Nach dem Abitur arbeitete er als Plakatmaler und Rettungsschwimmer. Von 1975-1980 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Es folgte ein Meisterschulstudium bei Prof. Günter Horlbeck. Von 1984 bis zu seinem Tod war er in der Künstlergruppe B53 gemeinsam mit Bernd Han, Anton Paul Kammerer und Jürgen Wenzel aktiv. 1991 erlebte er einen ihn sehr beeinflussenden dreimonatigen Arbeitsaufenthalt als Stipendiat der Deutsch-Brasilianischen Kulturellen Vereinigung e.V. Berlin.

Die technische Skala ist breit: Bleistift- und Federzeichnungen, Aquarelle, Öl- und Gouachemalerei, Collage, Assemblage, auch Kombinationstechniken, Objekte und Rauminstallationen – vom Rausch bis zur Askese.

Von Karin Weber

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