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Der Leipziger Ralph Oehme gewinnt Wettbewerb, der künftig zur Biennale wird

„Lausitzen“ 2017 Der Leipziger Ralph Oehme gewinnt Wettbewerb, der künftig zur Biennale wird

Feierlich kann man den Sonntagmorgen nennen – hoch oben im Schneetreiben auf der Bautzener Burg mit Blick auf Friedensbrücke, Wasserturm und das Spreetal. Im vollen kleinen Saal des Burgtheaters fand um elf Uhr morgens ein Akt statt, der die östliche Theaterlandschaft durchaus nachhaltig beleben dürfte: Die erste Preisverleihung von „Lausitzen“

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Beim Schlussapplaus nach dem Festakt: Harald Müller, Martin Schüler, Carla Niewöhner, Ralph Oehme, Christian Schneider und Lutz Hillmann (v. l.).

Quelle: Andreas Herrmann

Bautzen. Feierlich kann man den Sonntagmorgen nennen – hoch oben im Schneetreiben auf der Bautzener Burg mit Blick auf Friedensbrücke, Wasserturm und das Spreetal. Im vollen kleinen Saal des Burgtheaters fand um elf Uhr morgens ein Akt statt, der die östliche Theaterlandschaft durchaus nachhaltig beleben dürfte: Die erste Preisverleihung von „Lausitzen“ – einem Dramatikwettbewerb der anderen Art, ganz ohne Quote und Altersdiskriminierung.

Denn einerseits haben sich drei Theater aus Ostsachsen wie Südbrandenburg, also aus Ober- wie Niederlausitz zusammengefunden. Diese trennt zwar eine Landesgrenze und damit das System der Theaterfinanzierung, aber eint das Sorbische, denn deren Siedlungsgebiet zieht sich durch die Region – mit Einfluss auf das kulturelle Leben.

So ward im vergangenen Sommer der Stücke-Wettbewerb vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen, dem Staatstheater Cottbus und der Neuen Bühne Senftenberg gemeinsam ausgeschrieben. Gesucht wurden ausdrücklich Ideen, die sich inhaltlich mit der Region Ober- und Niederlausitz auseinandersetzen. Bautzens Intendant Lutz Hillmann freut sich schon jetzt auf die Resonanz der im Frühjahr 2018 geplanten Uraufführung: „Deutschlandweit gibt es kein vergleichbares Beispiel für einen Stückewettbewerb, bei dem drei Theater gemeinsam einen Preis ausloben“, sagte er zur Eröffnung der Preisverleihung und verweist auf die strikt anonymisierte Sichtung der Stückideen: „Damit steht die Idee und nicht der Bekanntheitsgrad des Autors im Fokus.“

Nun ist die Lausitz nicht unbedingt arm an eigenen Theaterideen und Gegenwartsdramen: Da sind die Dreiländerspiele im Zittauer Eck, die immer wieder neue Stoffe (gern dreisprachig) gebären, aber gern auch in polnisch-absurder oder frecher tschechischer Färbung daherkommen.

Auch die Sommertheater – von den großen, aber seligen Görlitzer Historienspielen über die Bautzner Burgtheatersommer (immer mit Lokalkolorit) und die vom Gerhart-Hauptmann-Theater gestemmten Bespielung der Waldbühne Jonsdorf, die sich seit vier Spielzeiten regionalen Mythen aus der Feder von Axel Stöcker widmen – messen en passant den Puls der Zeit am östlichsten Rande der Republik und an sensiblen Grenzen.

Bekanntester Gegenwartsautor ist der als medienscheu geltende Oliver Bukowski zu nennen, der in Cottbus seine (Theater-) Heimat hat und von dort aus schnell startete. Dabei war sein Staatstheater-Debüt namens „Londn-L.Ä.-Lübbenau“ bereits das fünfte Werk, die Karriere spätestens ab „Bis Denver“ (1996) eine steile und „Nichts Schöneres“, „Allerseelen rot“ (2001 in Dresden uraufgeführt) sowie „Nach dem Kuss“ oder „Kritische Masse“ weitere Meilensteine.

In den jüngsten Jahren widmet er sich vermehrt Hörspielen, ist aber dennoch in den Lausitzer Theatern präsent. Derzeit ist er mit der Uraufführung von „Birkenbiegen“ in Senftenberg am Start, die obersorbische Premiere in Bautzen heißt „Za brezami“ und ist am 11. März in Regie von Intendant Lutz Hillmann – einerseits simultan ins Deutsche übersetzt, andererseits wie gewohnt in der kommenenden Spielzeit komplett auf Deutsch zu erleben. Zuvor hatte er „Ich habe Bryan Adams geschreddert“ in Cottbus und die Uraufführung „Indianer“ in Zittau am Start. Ob er sich allerdings unter den 21 Einreichungen – es reichte eine Szene und ein Exposé -befand, ist nicht bekannt, aber eher unwahrscheinlich.

Ansonsten wäre auch Jurij Koch, der andere Cottbusser Altmeister (als Sorbe in Bautzen natürlich omnipräsent) ein klarer Favorit gewesen – aber er konnte sich nicht beteiligen, saß er doch mit den drei Intendanten und Harald Müller, dem Redaktionsleiter von Theater der Zeit, in der Jury.

Nun also der Impuls gen Nordlausitz – beginnend mit einem besonderen Theaterbrunch und einem alten Bekannten als Gewinner: Denn Ralph Oehme, gebürtiger Geithainer des Jahrganges 1954 und als Regisseur des Leipziger Lichtfestes 2013 öffentlich gewürdigt, gewann für seine Werkskizze „Lausitzer Quartiere oder Der Russe im Keller“ ein siebenmonatiges Stipendium von je eintausend Euro zur Fertigstellung – plus Honorar bei Uraufführung. Experten finden ihn in einem Band namens „14 Stücke junger Dramatiker der DDR“ nach der III. Werkstatt junger Theaterschaffender der DDR – gemeinsam mit Peter Brasch, Jo Fabian, Manuel Schöbel und Holger Teschke.

Dass es am Gelingen keinen Zweifel geben kann, machte Harald Müller in seiner Laudatio klar, in der er nicht nur Marx und Müller zitierte, sondern auch den Autor zuvor mit einer Hand voll Konfetti überraschte, um dann den „großen historischen Wurf“ zu loben, der deshalb über die Lausitzer Trenndaten von 1813 über 1918 und 1945 bis hin zu 1992 funktioniert, weil sich Oehme für Konstanz in Personage entschied. Und – wie Oehme als Besonderheit betont – zu allen Zeiten immer ein Russe im Keller sitzt.

Damit wird nun eine Tradition fortgesetzt, denn Oehme hat Bautzen schon acht Stücke beschert: vom dreifachen Karasek über Krabat bis hin zum „Das Leinölkomplott“ und „Senf für Bonaparte“. „Die kleine Orestie“, ein 20-minütiges Hörspiel mit Musik von Bartok unter Rückgriff auf die große von Aischylos, die den berühmten Rietschel-Giebel im Schaufenster des Burgtheaters erklärt, ist heute noch im Spielplan.

Die beiden Förderpreise gewannen Carla Niewöhner und Christian Schneider. Während Niewöhner mit „Das leere Haus“ ein kriminalistisches Familienmosaik entwarf, das weit oben hinter Cottbus, also an der Grenze zum Lebuser Land spielt und von Cottbus’ Generalintendant Martin Schüler gewürdigt ward, ging Schneider schon mit einer „Aktentasche voll Geld“ ins Rennen und erzählt die Geschichte vom sorbischen Architekten und Bauleiter Schuster, der eigentlichen seinen Gewinn dem sorbischem Sprach - und Kulturerhalt stiften will, dabei offenbar ebenso scheitert wie andere Lausitzen-2017-Helden. Die Laudatio von Koch ward verlesen – keiner kann Schneiders Werk besser beurteilen, schrieb er doch erst jüngst auch das Nachwort für Schneiders Roman „Das Ende vom Paradies“, auf dem das Stück beruht. Jener heißt als obersorbischer Schriftsteller Krescan Krawc, ist 1938 in Lömischau geboren und lebt in Grubschütz.

Nach dem Journalistik- und Agrarstudium war er Chefredakteur der obersorbischen Kinderzeitschrift „Płomjo“, ist dem Domowina-Verlag eng verbunden und verfasste auch mehrere Kinderbücher.

Nun gewann er – für eine letzte Szene, die angelehnt ans „Paradies“, Ende Juno 1990 auf einem Bautzener Friedhof spielt und sich um einen ungeliebten Koffer voller DDR-Mark-Scheine rankt – ebenso einen Förderpreis wie die aus Bremen stammende und in Köln lebende Theaterwissenschaftlerin und Regisseurin Carla Niewöhner. Je tausend Euro als „einmaliges Preisgeld zur Ermutigung, um weiter an den jeweiligen Stückideen zu arbeiten.“ Aus allen drei Skizzen, vorgestellt von den Autoren, wurde mehr oder minder szenisch gelesen, wobei klar wurde, dass zumindest hier die Reihenfolge der Juroren stimmt.

Das fertige Siegerwerk soll dann nach der Uraufführung in Bautzen mehrfach in Senftenberg und Cottbus gastieren. Lutz Hillmann schmunzelnd zur Frage nach der Regie: „Da muss wohl schon der Intendant selbst ran, das wird erwartet.“ Sein jüngster Oehme liegt dann viereinhalb Jahre zurück – man darf gespannt sein, welche Analogien zur großen Senf-Orgie für Napoleon kurz vor der Völkerschlacht empfunden werden. Auch die Reihenfolge der weiteren Zukunft auf dem Weg zur Marke für deutsche Dramatik steht schon fest: Für Lausitzen 2019 geht der Staffelstab der Organisation gen Senftenberg, für 2021 gen Cottbus. Dort – in der Kammerbühne des Staatstheaters – werden am 19. Februar die aktuellen Preisträger noch einmal live präsentiert.

Von Andreas Herrmann

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