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Der Jurist Ferdinand von Schirach brachte das Dresdner Schauspielhaus zum platzen

Der Jurist Ferdinand von Schirach brachte das Dresdner Schauspielhaus zum platzen

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beginnt mit einem falschen Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Wieso dieser Satz falsch ist? Weil die Würde des Menschen täglich verletzt wird, auch hierzulande.

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Ferdinand von Schirach. Die Würde ist antastbar. Essays, Piper, 144 S., 16,99 Euro

Quelle: Piper Verlag

Weil in einem Überwachungsstaat wie Deutschland alle Menschen unter Generalverdacht stehen und zu Objekten staatlichen Handelns degradiert werden. Der das sagt, ist kein radikaler Spinner, sondern ein anerkannter Strafverteidiger in diesem Land und obendrein Autor. Bei seinem Auftritt im Dresdner Schauspielhaus hat Ferdinand von Schirach den Besuchern nicht nur die offensichtlichen Wahrheiten über den "Rechtsstaat" vermittelt. Er hat sie mit Lesung und Aktion regelrecht mitgerissen.

Mit seinen Stories, Romanen, Essays hat der 1964 in München geborene Jurist mit dem belasteten Namen (sein Großvater Baldur von Schirach war 1931 bis 1940 "Reichsjugendführer") wiederholt die Bestseller-Listen gestürmt, obwohl er erst mit Mitte vierzig als Autor zu schreiben begann. Inzwischen liegen Bücher wie "Verbrechen", "Schuld" und "Tabu" vor. Zuletzt erschien die Essaysammlung "Die Würde ist antastbar", die auch diesem Auftritt im Schauspielhaus den Titel gab.

In geschickter Dramaturgie arbeitete sich der Gast zu seinen mitreißend aufklärerischen Gedanken vor. Wenn es um Recht und Moral geht, glauben wir (also die meisten Menschen) immer, auf der richtigen Seite zu sein. Zunächst las er eine erst einmal harmlos erscheinende Geschichte aus süddeutscher Idylle. Ein bierseliges Stadtfest, das plötzlich in eine Gruppenvergewaltigung umschlägt. Der Verteidiger hat seinen ersten Fall. Als er die potentiellen Täter mangels stichhaltiger Beweise laufen lassen musste - die Bestien gingen zurück zu ihren Frauen und Kindern -, hatte er die eigene Unschuld verloren.

Zugespitzt wurde das Thema von Schuld und Recht am Beispiel der 1884 gesunkenen "Mignonette". Die vier Besatzungsmitglieder konnten sich retten, litten aber bald Hunger. Sie töteten den Jüngsten und Schwächsten unter ihnen, um selbst zu überleben. Wie sollte über diese Tat geurteilt werden? Schirach wandte sich hierzu ans Publikum und erhielt überraschende Antworten. Verteidigung sei ein Kampf um die Rechte der Beschuldigten, meinte er. Aber wer könne abwägen zwischen einzelnen Opfern und dem Überleben mehrerer Menschen? Gut möglich, dass im Saal eine ganze Menge juristisches Publikum saß, dennoch waren die per Abstimmung vollzogenen Urteile frappierend.

In einem anderen Beispiel fragte der Autor nach dem Abwägen gravierender Entscheidungen. Wiegt ein Leben ein anderes auf? Dürfen vier Menschen geopfert werden, um vierhundert zu retten? Derlei Utilitarismus berge die Gefahr, unsere Grundsätze aufzugeben, warnte von Schirach und schloss mit einem Plädoyer für Schreiben und Lesen. "Bücher können uns retten", meinte er und sprach von der Einsamkeit des Autors am Schreibtisch. Er sehe sich stets in Kontakt mit seinen Lesern und wolle sich selbst nicht so ernst nehmen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.10.2014

Michael Ernst

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