Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -2 ° wolkig

Navigation:
Google+
Der Internationale Wettbewerb in Dresden steht im Zeichen der Abstraktion

Filmfest I Der Internationale Wettbewerb in Dresden steht im Zeichen der Abstraktion

Das 28. Filmfest Dresden ist in vollem Gang. Im Internationalen Wettbewerb sticht wenig heraus. Viele Beiträge sind gekennzeichnet von dramaturgischer Unausgereiftheit. Ein weiteres Fazit: Abstraktion allein macht noch keine Kunst, erst recht keinen guten Film.

Auf der Suche nach Freiheit: Aleksandra Adamska und Marta Mazurek in „Amerika“.

Quelle: Filmfest

Dresden. Klassischer narrativer Film erzählt eine Geschichte vermittels der Synthese von Drehbuch, Figuren, Bild, Licht, Atmosphäre und Musik. Der Kurzfilm bietet hier Raum für Experimente – Bilder können für sich sprechen, atmosphärische Visionen eine lineare Geschichte ersetzen. Die Mittel sind variabel, nur das Ziel bleibt das Gleiche: Den Zuschauer emotional zu berühren, ihm Gedankenmaterial zu liefern oder ihn einfach nur gut zu unterhalten. Doch diese Grundanforderung erfüllen leider nur wenige der Beiträge des diesjährigen Internationalen Wettbewerbs. Der Hauptgrund ist, dass auf klare Handlungsbögen in einem Maße verzichtet wird, das nicht herausfordert, sondern einfach nur frustrierende Leere erzeugt. Kunst dominiert, aber sie allein erzählt keine Geschichten.

Wie kraftvoll eine an sich simple Prämisse filmisch erzählt werden kann, zeigt eindrucksvoll der polnische Beitrag „Amerika“ von Aleksandra Terpinska. Wir begegnen zwei jugendlichen Freundinnen, die den Zwängen ihres tristen Alltags entfliehen wollen, ein Abenteuer suchen, das im Alptraum endet. Die Natürlichkeit des Szenarios und der Dialoge, das unverfälschte Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen und der geschickte Einsatz erzählerischer Stilmittel wie zum Beispiel Phantasiesequenzen erzeugen lebendiges, komplexes und hochgradig involvierendes Kino.

Ein weiteres Highlight (übrigens wie „Amerika“ im besten Block Nummer 3 zu finden) ist die Animation „Life With Herman H. Rott“ aus Estland, in der das genussvolle Lotterleben der titelgebenden Ratte durch den Zuzug einer ordnungsliebenden Katze aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Und auch wenn dieser Film mittels seiner Tierfiguren abstrahiert, erzählt er doch eine zutiefst menschliche Geschichte, und das mit Stil, Finesse und Humor. Letztere Qualität ist im Programm durchaus rar gesät – Kontrast zum bierernsten Arthouse-Overkill bieten vor allem Kurzanimationen wie „Benches No. 0458“ und „Accidents, Blunders and Calamities“. An der Verknüpfung von Humor und Tragik versucht sich der kroatische Beitrag „The Beast“ über die angespannte Beziehung zwischen einer 100-jährigen Mutter und ihrer 75-jährigen Tochter. Dessen herbe tonale Schwankungen von magisch-realistischer Leichtigkeit zu düsterster Tragik verhindern zwar die Entstehung eines wirklich gelungenen Films, aber ambitionierte Imperfektion ist dennoch stets auch eines Lobes wert. Und die russische Animation „It“ liefert im Rahmen ihres Horrorszenarios mit Anleihen bei Kafka und Cronenberg einige der beeindruckendsten Bilder des Festivals.

Die Probleme beim Rest des Programms liegen einerseits an dramaturgischer Unausgereiftheit. Im niederländischen „Fernweh“ kommt die 13-jährige An zu einer Pflegefamilie, von der sie am Ende wieder flüchten wird. Die Antwort, warum sie das tut, bleibt der Film trotz charismatischer Hauptakteurin komplett schuldig. Der kanadische Beitrag „Those Who Remain“ ist ein gut gemeinter und sicherlich wichtiger Kommentar über die hohen Suizidraten in Indianerreservaten – ohne klaren Blick auf die Ursachen oder auch nur eine erkennbare Identität der Hauptfiguren jedoch leider kaum involvierend. Und welche Probleme die heimkehrende Tochter in „Rachel Coming Home“ mit ihrer verstorbenen Mutter hatte, ist anhand der wenigen Erzählfragmente ebenso wenig nachvollziehbar.

Die zweite große Problemzone findet sich bei den zahlreichen, oft völlig abstrakten Kunst- oder Experimentalfilmen. „The Park“ will die Zensur sozialer Medien in Marokko kommentieren, indem der Film in einer langen Fahrt durch einen verfallenen Vergnügungspark wandert, Tableaus eingefrorener Jugendlicher streift und darüber ungeordnete Voiceover-Zitate legt. Ein reales politisches Problem sollte doch etwas zugänglicher aufbereitet werden können. „Chulyen, A Crow’s Tale“ ist eine 20-minütige französische Animation, die zwar visuell überzeugt, deren alptraumhaft irreale Handlung aber ohne umfassende Kenntnis der zu Grunde liegenden Mythologie nicht im Ansatz verständlich ist. Die Publikumsreaktion war weithin entsprechende Ratlosigkeit. Und vollkommene Befremdung erzeugt schließlich die ebenfalls französische Animation „Cold Coffee“. Das Szenario, in dem ein vietnamesisches Mädchen nach dem Tod der Mutter allein klarkommen muss, scheint involvierend – nur um seine Hauptfigur wenig glaubwürdig Schizophrenie entwickeln und einen Mord begehen zu lassen, vermengt mit der undifferenzierten Darstellung sadistischer Tierquälerei. Hier kann man dann wirklich nur noch konsterniert den Kopf schütteln.

Filmfestivals sollten neue Perspektiven eröffnen und offen für Experimente sein. Aber sie sollten dies nicht auf Kosten elementarer inszenatorischer Tugenden wie ausgereiften Drehbüchern, menschlich glaubwürdiger Charakterzeichnung und emotional greifbarer Erzählung tun. Denn die Realisierung genau dieser Eigenschaften, in der Knappheit und Präzision, die ein Kurzfilm erfordert, sind die wahre Kunst – und an diesen Maßstäben sollte die Qualität eines Beitrags gemessen werden. Abstraktion allein macht noch keine Kunst, und erst recht keinen guten Film. Abstraktion kann ein Kontrast zu narrativer Erzählung sein, aber sie kann kaum allein beinahe einen ganzen Programmblock (Nummer 4) tragen. Bleibt also zu wünschen, dass die Auswahlkommission bis zum nächsten Jahr ihren Kunstbegriff einer kritischen Prüfung unterzieht, auf dass wir dann wieder etwas mehr echte Filmkunst zu sehen bekommen. Für dieses Jahr ist diese, zumindest in vollendeter und sinngemäßer Form, im Internationalen Wettbewerb klar in der Minderheit. Und das ist nun wirklich schade.

gesichtet wurden die Programmblöcke 3, 4 und 5

Von Rafael Kühn

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr