Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Der Dresdner Kreuzchor erinnerte an Martin Flämig - Der Kreuzkantor wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden

Der Dresdner Kreuzchor erinnerte an Martin Flämig - Der Kreuzkantor wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden

Im historischen Gedächtnis des Dresdner Musiklebens ist Martin Flämig weniger präsent als sein Amtsvorgänger Rudolf Mauersberger. Und doch wirkt Flämigs starke Persönlichkeit vor allem unter jener Kruzianer- und Musikergeneration nach, die mit dem am 19. August 1913 in Aue geborenen Kirchenmusiker, Dirigenten und Kreuzkantor von 1971 bis 1991 arbeiten durfte.

Allein die Fülle der Anekdoten, die von Flämig berichtet werden, spricht für dessen starken Charakter.

Mit einer Gedenkveranstaltung am Grab auf dem Friedhof Weißer Hirsch und im Rudolf-Mauersberger-Saal, schließlich mit der Kreuzchorvesper erinnerte der Kreuzchor an Martin Flämigs 100. Geburtstag (siehe auch DNN vom 19.8.2013). Im Mauersberger-Saal wurde ein Porträt Flämigs (1979 von Christoph Wetzel geschaffen) vorgestellt, das künftig als Dauerleihgabe im Domizil des Kreuzchores sichtbar an dessen 20-jähriges Wirken erinnern wird.

Die von Kreuzkantor Roderich Kreile geleitete Vesper in der Kreuzkirche entsprach in ihrem Gehalt wohl sehr genau der privaten Sicht Martin Flämigs auf seine Arbeit. Superintendent Christian Behr erinnerte an dessen berufliches Credo, "die göttlichen Geheimnisse singend und musizierend anzubeten". Die ausgewählten Werke, selten zu hörende Chorsätze von Flämig selbst und Motetten, die in der Gedenkvesper nach seinem Tod 1998 erklungen waren, gaben der Vesper einen nachdenklichen, fast meditativen Zug. Zwei Sätze "Auf meinen lieben Gott" und "Der Herr ist mein getreuer Hirte" für dreistimmigen Knabenchor verrieten den Pädagogen, der genau wusste, was Knabenstimmen vermögen. Motetten von Heinrich Schütz (Das ist je gewisslich wahr; Unser Herr Jesus), Musik italienischer Barockmeister (Felice Anerio, Francesco Durante) und von Mendelssohn (Mitten wir im Leben sind) standen für die theologischen Schwerpunkte in Flämigs Wirken und für sein weites Repertoire. Roderich Kreile sorgte für Klarheit in der Gestaltung und besonders bei Mendelssohn für eine emotional empfundene Bindung von Musik und Text. Mit starkem rhythmischen Puls spielte Kreuzorganist Holger Gehring zwischen den Chorwerken Bachs gewichtiges Präludium und Fuge e-Moll (BWV 548). Den Schluss der Vesper bildete diesmal keine vom Kreuzchor gesungene Motette. Vielmehr ermunterte Kreuzkantor Kreile die Gemeinde, den von Martin Flämig stammenden Chorsatz "Wir Christenleut han jetzund Freud" mitzusingen.

Im Anschluss an die Vesper gab es in einer neuen Ausgabe von "Kruzianern begegnen" ein Gespräch mit Kammersänger Peter Schreier und Dresdens früherem Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer. Beide sind dem Kreuzkantor auf ganz unterschiedliche Weise begegnet und berichteten davon in der von Claus Fischer (MDR) moderierten Runde. Als Oberbürgermeister war Berghofer ab 1986 Flämigs Vorgesetzter. Auf die Veränderungen im Repertoire, die mit Flämigs Amtsübernahme Einzug hielten, verwies Peter Schreier. Werke aus Romantik, französischer Moderne oder Zeitgenössisches kamen hinzu und bestimmten ebenso Flämigs Arbeit an der Kirchenmusikschule. Dies "neutralisierte", so Wolfgang Berghofer, auch die Kritiker unter den SED-Funktionären, die den Kreuzchor mit seiner christlichen Ausrichtung am liebsten abgeschafft hätten. Er erwähnte auch, zu welchen SED-internen ideologischen Auseinandersetzungen es führte, als er als Oberbürgermeister 1988 die Ernennung Flämigs zum Ehrenbürger befürwortete. Was ihn hier hielte, hatte er Flämig damals gefragt - zu dieser Zeit lagen rund 15000 Ausreiseanträge auf Berghofers Tisch - und Flämig hatte geantwortet: "Meine Kruzianer, meine Kirche und die Stadt". So einen Mann, meinte Berghofer, konnte man nicht einschränken. Peter Schreier ergänzte, dass Flämig solche Konflikte in der Öffentlichkeit überspielte. Flämig, so Berghofer, war ausgesprochen diplomatisch: "Er musste nicht sagen, dass er Toleranz lebte. Das spürte man."

Von Claus Fischer nach dem gefragt, was vom Wirken Martin Flämigs bleibt, erwähnte Peter Schreier zuerst die Kirchenmusikschule. Nicht nur, dass Flämigs früheres Wohnhaus heute Teil der Schule ist. Der Kreuzkantor war auch Wegbereiter dafür, dass die Schule heute eine Hochschule ist. Und bei allem Unterschied in der Sicht auf die Zeit, die in den Worten von Schreier und Berghofer immer wieder durchschien, waren sie sich einig, dass es Martin Flämig gelungen ist, den Kreuzchor souverän durch eine nicht einfache Epoche der langen Geschichte zu steuern. Bemerkenswert fanden beide, dass viele Kruzianer, die unter Flämig ihre Ausbildung erfahren haben, heute im deutschen Musikleben präsent sind. Aus dem Publikum nach seinen Beweggründen befragt, zu dieser Gedenkveranstaltung zu kommen, meinte Wolfgang Berghofer am Schluss, dass er sich der Menschlichkeit Martin Flämigs verpflichtet fühle.

Was die Runde bereichert hätte, wäre ein Gesprächspartner gewesen, der Kreuzkantor Flämig bei der Arbeit erlebt hat - ein Kruzianer, der unter seiner Leitung gesungen hat. Immerhin wollte es der Zufall, dass Moderator Claus Fischer eine Idee von der besonderen Atmosphäre des Kreuzchores mitbrachte. Obgleich im Südwesten Deutschlands aufgewachsen, ist ihm der Chor aus Erzählungen seit Jugendtagen geläufig, denn der Kantor seiner Kirchgemeinde war - ein ehemaliger Kruzianer.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.09.2013

Hartmut Schütz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr