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Der Dirigent Michail Jurowski wird am Weihnachtstag 70 - und feiert musikalisch

"Er kannte mich früher als ich ihn" Der Dirigent Michail Jurowski wird am Weihnachtstag 70 - und feiert musikalisch

Morgen Abend will er sich ein Gläschen Wodka gönnen, einen Wodka in Mailand. Denn dort verbringt der russische Dirigent Michail Jurowski seinen 70. Geburtstag. Vor wenigen Tagen erst hat er am Teatro alla Scala Prokofjews Ballett "Cinderella" dirigiert.

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Michail Jurowski dirigiert die Staatskapelle Dresden.

Quelle: Matthias Creutziger

Dresden. Morgen Abend will er sich ein Gläschen Wodka gönnen, einen Wodka in Mailand. Denn dort verbringt der russische Dirigent Michail Jurowski seinen 70. Geburtstag. Vor wenigen Tagen erst hat er am Teatro alla Scala Prokofjews Ballett "Cinderella" dirigiert.. Noch bis Mitte Januar wird der Maestro gemeinsam mit seiner Frau Eleonora in Italien bleiben, wo er ein gern gesehener Gast ist.

An ein Familienfest ist also nicht zu denken. Dabei ist Michail Jurowski ein Patriarch im besten Sinne, durch und durch Familienmensch. Er hält die Erinnerungen an seinen Vater Wladimir wach, einen äußerst begabten Komponisten, kümmerte sich um Mutter und Schwiegermutter, mit denen gemeinsam die Familie nach 1989 aus der damaligen Sowjetunion gen Deutschland umzog. Und in besonderer Weise ist er stolz auf drei Kinder, die mit großem Erfolg eigene musikalische Karrieren eingeschlagen haben.

Dabei waren die Ausgangsbedingungen für Michail Jurowski alles andere als einfach. Geboren am Weihnachtstag 1945 in Moskau, das war gewiss schon von den äußeren Umständen her kompliziert für eine Künstlerbiografie. Zwar verkehrten im Hause Jurowski Persönlichkeiten der Kulturszene wie Aram Chatschaturian, Michail Romm und David Oistrach, doch die jüdische Herkunft der Familie erwies sich wiederholt als fatal. Michail Jurowski, der als Heranwachsender vierhändig Klavier mit Dmitri Schostakowitsch gespielt hat, sagt von ihm, "er kannte mich früher als ich ihn". Bei Geburtstagen saßen Komponisten, Interpreten und Filmleute am Tisch, dieses Umfeld war zwar selbstverständlich, doch im Studium am Moskauer Konservatorium spürte Jurowski die Auswirkungen des Antisemitismus in der Sowjetunion: "Bei jedem Start stand ich zehn Kilometer weiter hinten."

Zwar wurde er aufgrund seiner hohen künstlerischen Reife Assistent von Gennadi Roschdestwenski beim Großen Sinfonieorchester des Staatlichen Rundfunks und Fernsehens, war aber bei weiteren Positionen immer wieder mit seiner Herkunft konfrontiert. So kam es, dass er ab Ende der 1970er Jahre regelmäßig an der Komischen Oper in Berlin gastierte und von 1988 an Gastdirigent an der Dresdner Semperoper war. Diese Kontakte sowie zunehmende Anfragen aus westlichen Ländern boten dem Dirigenten Gelegenheit, im Jahr 1990 mit seiner Familie endgültig nach Deutschland überzusiedeln; seitdem lebt er in Berlin und dirigiert in der ganzen Welt. Der Dresdner Philharmonie sowie der Sächsischen Staatskapelle ist er bis heute verbunden.

In den 90ern arbeitete er an allen drei Berliner Opernhäusern und mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, 1992 wurde er GMD und Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford, 1997 GMD in Rostock, zwei Jahre später Chefdirigent an der Oper Leipzig. Parallel dazu war er ständiger Gast beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin sowie ab 2003 Erster Gastdirigent am Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und von 2006 bis 2008 Chef beim WDR-Rundfunkorchesters Köln.

Das war eine fruchtbare Zeit, aber auch eine mit Folgen: Während einer Aufführung von Mussorgskis "Boris Godunow" an der Deutschen Oper Berlin ist er im Herbst '96 zusammengebrochen, setzte sein Herz etwa vier Minuten lang aus. Sechs Monate später stand er wieder am Pult, genau ein Jahr nach diesem Vorfall erarbeitete er an der Oper Leipzig "Die Nase" von Schostakowitsch und berichtete von seiner "Wiedergeburt". Seitdem arbeitet Michail Jurowski nicht weniger, lebt aber disziplinierter. In den Jahrzehnten zuvor hat er sich - und hat man ihm - oft zu viel zugemutet, aufgebürdet, abverlangt.

Heute musiziert Michail Jurowski mit namhaften Orchestern und Musiktheatern in Europa und Übersee, inzwischen auch wieder in Moskau. Eine enge Bindung gibt es zum Sinfonieorchester Norrköping, mit dem kürzlich die CD "Russische Maler" erschien. Endlich sind diese sinfonischen Bilder sowie die 5. Sinfonie seines 1972 mit nur 56 Jahren verstorbenen Vaters zu hören. Erst jetzt, im 100. Geburtsjahr, bekommt dieser Komponist den gebührenden Stellenwert.

Enge Verbindungen pflegt Michail Jurowski zu den Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch, die er von der ersten Stunde an begleitete und auch im kommenden Juni wieder bereichern wird.

Michael Ernst
Er veröffentlichte zum 70. von Michail Jurowski die im Henschel-Verlag erschienene Biografie "Dirigent und Kosmopolit", die er am 13.1., 20 Uhr, in der Musikbibliothek vorstellen wird. Eine gemeinsame Buchpräsentation mit dem Jubilar findet am 25.1., 14 Uhr, in der Semperoper statt.

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