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Der Blick einer jüngeren Generation: Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" feiert morgen Premiere in Dresden

Der Blick einer jüngeren Generation: Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" feiert morgen Premiere in Dresden

Lea Ruckpaul (Jahrgang 1987) und Matthias Reichwald (Jahrgang 1981) spielen Rita und Manfred, das Paar aus Christa Wolfs Erzählung "Der geteilte Himmel" (1963).

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Idyll in der Maske oder die Ruhe vor dem Sturm? Lea Ruckpaul und Matthias Reichwald.

Quelle: David Baltzer

Als Bühnenfassung hat das Stück am morgigen Sonnabend in Dresden Premiere. Beide lassen im Gespräch mit Torsten Klaus durchblicken, dass diese gescheiterte Liebe vor dem Hintergrund des Mauerbaus auch heute spielen könnte. Ähnlich und doch ganz anders.

Frage: Wann und wie hatten Sie eigentlich Erstkontakt mit einem Text von Christa Wolf?

Lea Ruckpaul: Ich hatte mit 16, 17 viel von Frauen gelesen, darunter Ingeborg Bachmann und eben auch Christa Wolf. Von ihr waren "Kassandra" und "Nachdenken über Christa T." dabei. "Der geteilte Himmel" habe ich aber erst jetzt gelesen.

Matthias Reichwald: Ich habe auch mit 17 oder 18 angefangen, ziemlich viel von ihr zu lesen - weiß aber nicht mehr, was der Auslöser war. Als ich 1999 "Der geteilte Himmel" als Film sah, kannte ich das Buch jedenfalls schon.

Sie wollen nun einen unverbrauch-ten Blick auf das Ganze werfen. Zusammen mit Regisseur Tilmann Köhler (Jahrgang 1979) erarbeiten Sie die Perspektive einer anderen Generation auf den Stoff.

Sie: Na ja, unverbraucht... Als ich es gelesen habe, fand ich es schon sehr in seiner Zeit verhaftet. Also habe ich versucht, etwas darin zu finden, das mich interessiert. In die Liebesgeschichte kann man sich einfühlen, das funktioniert immer. Dazu kommt der Gedanke: Man gibt das eine Leben auf, also die Liebe, für ein anderes Leben. Das ist sehr heutig für mich. Es gibt auch heute Situationen, da muss man von A nach B ziehen wegen seines Jobs, man will sich selbst verwirklichen, geht ein Jahr in die USA. Dagegen steht aber oft auch eine Liebe, eine konstante Beziehung. Beim ersten Lesen habe ich schon einiges gefunden, womit ich mich identifizieren konnte. Würde man darin nur ein Zeitstück sehen oder Geschichte aufwärmen, fände ich das sehr langweilig. Ich hoffe, wir erzählen mehr.

Er: Die wochenlange Probenarbeit hat ja auch etwas damit zu tun herauszufinden, was das Ganze mit uns, mit heute zu tun hat - und es entsprechend zu übertragen. Aber bei Christa Wolf ist es schon extrem stark ein Stoff, der behauptet: Liebe und Privates kommt unter die Räder des Gesellschaftlichen. Ich kenne kaum einen anderen Stoff, der so hart sagt, dass man sich gegen die Zeit, in die man hineinfällt, letzten Endes nie erwehren kann. Bei Christa Wolf geht es um die großen Entwürfe. Nur darin findet sich dann auch das Glück des Einzelnen - oder eben nicht.

Sie haben es erwähnt: Äußeren Zwängen ausgesetzt zu sein, ist heutzutage ähnlich. Sich dagegen zu wehren, um des Privaten willen, kann vieles kosten.

Sie: Private Entscheidungen können auch politisch, gesellschaftspolitisch sein. Da kann man ganz klein anfangen. Was konsumiere ich? Das ist für mich eine zentrale Frage unserer Zeit. Wie will ich leben oder wohnen? Das beeinflusst wiederum die Gesellschaft insgesamt.

Er: Manchmal merkt man einfach die 50 Jahre seit der Erscheinung des Buches. Selbst in der Suche nach dem individuellen Glück gibt es bei Wolf eine Verantwortung für das Ganze. Egal, wie groß die Nähe oder das Zerwürfnis ist, muss der Einzelne trotzdem "ein konstruktives Mitglied der Gesellschaft" sein. Heute geht es vor allem um die freie Entfaltung. Das ist schon eine andere Perspektive auf eine Lebensaufgabe. Für Christa Wolf gab es damals immer auch eine kollektive Verantwortung, egal was im Privaten passiert. Das ist nicht unbedingt die Welt, in der wir heute leben.

Sie: Der Druck heutzutage ist anders. Das ist Selbstverwirklichungsdruck. Man muss sich permanent nach außen präsentieren, eine Marke sein, sozusagen. Was mich bei dem Buch gefangen hat: Da scheitert vielleicht ein Versuch, aber es ist ein Scheitern im Kollektiv. Wenn man heute scheitert, dann als Individuum. An jedem Punkt, wo einem was nicht gelingt, ist man erstmal allein.

Der Fehler als Ein-Mann-Geschichte...

Sie: Der Fehler, einfach nicht in die Gesellschaft zu passen. Manfred hat wenigstens die Chance zu sagen: Dann wechsle ich eben die Gesellschaft und versuche dort mein Glück.

Er: Bei Christa Wolf gibt es beim Scheitern den Ausweg, dass es eine Gemeinschaft gibt, etwas Solidarisches, das den Einzelnen auffängt. Da findet man heute wohl schwer drei Leute, die das unterschreiben würden.

War die Probenarbeit auch ein kollektives Finden?

Er: War sie. Und der Generationenaustausch war davon ein ganz wichtiger Teil. Das ging bis in Details, zum Beispiel wann man einen Satz richtig oder schon übertrieben findet. Da gab es schon Gegensätze bei uns jüngeren Schauspielern, und dann natürlich auch zu anderen beteiligten Darstellern wie Hannelore Koch und Ahmad Mesgarha. Dort tauchten dann auch Rückschlüsse zu eigener Geschichte auf.

Apropos eigene Geschichte: Ist es eher hilfreich oder hinderlich bei solchem Stoff, eine DDR-Sozialisation durchlaufen zu haben?

Sie: Ich habe während der Proben meine Eltern angerufen und Dinge nachgefragt habe. Meine Eltern sind damals von Berlin über Ungarn und die Grüne Grenze Richtung Hamburg abgehauen. Darüber haben wir nie so richtig geredet, das habe ich dann eingefordert. Was wir Identität oder Persönlichkeit nennen, das konstruieren wir auch aus den Geschichten, die wir uns erzählen.

Er: Ich empfinde die DDR-Sozialisation als Vorteil, ohne genau beschreiben zu können, warum.

Die Sprache des Buches klingt aus heutiger Sicht ab und zu fast etwas hölzern. Wie schwer ist es, sowas auf die Bühne zu bringen? Gab es anfangs sogar Abwehrmechanismen?

Er: Die Sprache ist manchmal merkwürdig distanziert. Selbst in hochemotionalen Szenen bleibt es Schriftsprache. Christa Wolf hat lange gefeilt an die-sem Text. Es ist schön zu lesen, es laut zu sagen schon seltsamer, es laut zu einem anderen zu sagen noch seltsamer - es laut im Theater zu sagen dann nochmal.

Der Roman arbeitet mit Rückblenden, inneren Monologen. Wird sich davon etwas auf der Bühne wiederfinden?

Sie: Es gibt verschiedene Ebenen. Eine Erzählerin aus heutiger Perspektive, dann Rita, die sich im Krankenhaus in einer Art Selbstheilungsprozess an die Geschichte zurückerinnert, und meine Ebene, auf der alles neu erlebt wird.

Für die fortgeschrittene Probenzeit wirken Sie beide entspannt. Echt oder gespielt?

(Beide lachen.) Er: Das spielen wir gut. Entspannung ist gerade nicht die Hauptatmosphäre der Produktion.

Premiere morgen, 19.30 Uhr, Schauspielhaus

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.01.2013

Torsten Klaus

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