Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Der Ausnahmepianist Nils Frahm spielt auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch

Der Ausnahmepianist Nils Frahm spielt auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch

Für Nils Frahm in diesen Tagen eine Konzertankündigung zu schreiben heißt sich fragen: Wo anfangen? Alle Medien überschlagen sich mit Sympathie und Extraordinarien zu Nils Frahm.

Zu seiner doch so fast unsichtbaren Klaviermusik und zum auch noch so bodenständigen Künstler selbst: Deutscher Filmpreis 2015 für die beste Filmmusik zu "Victoria". Sein neues Album "Solo" eingespielt auf dem größten Klavier der Welt. Und dann ist das Zeug von Frahm auch noch so einmalig. Zu hören jetzt auch in Dresden: am Sonnabend auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch.

Frahm ist 32, Komponist und Pianist. Ein Grenzgänger vielleicht, zwischen klassischem Klavier und elektronischer Musik. Ein Zauberer auf jeden Fall, der diese Mischungen herstellt aus Rachmaninow, Jon Hopkins und Arvo Pärt. Vor zehn Jahren brachte er seine erste Platte heraus, damals noch reiner Elektro. Dass der Wahlberliner kein lokalmusikalisches Kleinereignis von uns Deutschen ist, beweisen seine Tourneen etwa in Nordamerika und Südamerika. Frahm ist international, spielte mit Größen wie Ólafur Arnalds, woraus 2012 die EP "Stare". Ein Jahr vor "Spaces", diesen elf grandiosen Live-Elektro-Stücken aus einem anderen Universum.

Niemals fröhlich und immer schon fröhlich

Dass seine improvisatorisch anmutenden Klavierstücke nie in Spontangeplänkel verenden, dafür sprechen schon seine Wurzeln: Frahm nahm viele Jahre Intensivunterricht am Piano bei Nahum Brodski, einem der letzten Schüler Peter Tschaikowskis. Dazu noch üben, "bis es schmerzte", wie Frahm einmal sagte. Er ist heute Minimalist, geht sorgsam mit seinen Tönen um. Er setzt die Pausen nicht nur zum Durchatmen, sondern weil er weiß, dass vielleicht in diesem Tonlosen das Entscheidende passiert. Seine Stücke sind ein Aushalten der Haltlosigkeit, weil man weiß, dass danach immer noch was kommt.

Meisterhaft auf seinem 2015er Album "Solo". Das Halten eines Tones, das Aufsetzen einen zweiten und dritten, dass man schon Melodie sagen dürfte, aber dann auch wieder nicht, das unaufgelöste Ausharren in einer ewigen Winterlandschaft, die immer schon den Sommer birgt. Dieses Paradox per se in Nils Frahms Stücken: niemals fröhlich und immer schon fröhlich. Er sei beim Spielen immer langsamer, immer sanfter geworden, sagt er. Und selbst bei den höheren Tempi wie "Four Hands" oder "Wall" spürt man noch diese Sanftheit, immer ohne die Gefahr von Sentimentalem. Man hört ihn dabei fast atmen, man hört die Klaviermechanik, wie Frahms Füße die Pedale treten, den Lufthauch, das Knarren dieses Riesenkastens.

Es ist das größte Klavier der Welt, das Klavins M370 in Tübingen. Und die 3,70 Meter Höhe und 1,8 Tonnen Schwere spürt man beim Hören. Diese Wärme und das Volle eines Klangs wölben sich heraus aus den Kopfhörern und hinein in die Ohren. Ein Superlativ, der sich gelohnt hat.

Mit "Solo" nicht genug. Frahm brachte 2015 noch ein ebenso eindringliches Album heraus. Den Soundtrack "Music for the Motion Picture Victoria", der nicht nur den Deutschen Filmpreis für den Besten Soundtrack abbekam, sondern auf der Berlinale auch den Silbernen Bären.

Zur Album-Entstehung folgendes: Nils Frahm, Cellistin Anne Muller, Violinist Viktor Orri Árnason und Gitarrist Erik K. Skodvin fanden sich in der ehemaligen Rundfunkanstalt der DDR, im heutigen Studio P4 in Berlin, zusammen, stellten mitten in den Raum einen Fernseher, ließen den Film "Victoria" in Schleife laufen und improvisierten. So wie einst Neil Young zum Jarmusch-Streifen "Dead Man". Anschließend setzte sich Nils Frahm hin und schuf aus den hundert Aufnahmelinien und Schnipseln einen bisher nie gehörten Soundtrack.

Wie das klingt? Tja. Victoria ist ein Film, den man sich ansieht. Einfach nur ansieht. Man sollte über ihn nichts sagen oder schreiben. Weil das, was zu sagen wäre, sowieso nicht zu sagen ist. Und so ist es auch mit Frahms Victoria-Platte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.08.2015

Robert Kaak

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr