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Der Arbeiter im Kunstweinberge des Herrn: Zeichnungen von Holger John in der Villa Eschebach in Dresden

Der Arbeiter im Kunstweinberge des Herrn: Zeichnungen von Holger John in der Villa Eschebach in Dresden

Holger John ist nicht nur ein immenser, hochbegabter Zeichner, er ist gleichermaßen - und gleichzeitig - Impresario, Unruhegeist, Schauspieler, Eventmanager, Kunstlehrer und "Akademieselbstgründer", Galerist und süffisanter, poetischer Anarchist, Grenzgänger, Häretiker auch des neuhybriden Establishments, kurz - ein "Steppenwolf" unserer Tage.

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Holger John. Kunststadt Dresden, Feder in Tusche, 2003.Repro: PR

1960 als "Sonntagskind" in Schollene im Havelland geboren, aufgewachsen auf der Insel Usedom, dann Berlin, Greifswald, Schwedt, studierte er Malerei und Grafik 1988-1993 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei den Professoren Siegfried Klotz, Elke Hopfe, Gerhard Kettner und Ralf Kerbach, später war er dort Assistent bis 1996. Bei Kettner baute er sein zeichnerisches Handwerk aus (als es so was noch gab, eine strenge Schule!), reflektierte van Gogh, Kubin, Munch, Ensor, Giacometti, Arno Holz, Picasso natürlich.

Die "neue Zeit" treibt ihn weiter, 1996-2001 wird er in Düsseldorf Immendorffs Assistent und "Ostadjutant". Bald ist er auf Kunstmessen und Biennalen präsent in Köln, Basel, Oslo, Rotterdam, Wien und zuletzt, gerade im März dieses Jahres, auf der Internationalen Kunstmesse - Art Bosphorus Contemporary Art Fair Istanbul, umtriebig und medienhonorabel, als einziger vom türkischen Veranstalter eingeladener deutscher Vertreter.

Dresden kennt seine Inszenierungen der Museumsnächte in der Sempergalerie, seine Filmbälle wie "Titanic", 1998, im früheren aufgelassenen "Heizkraftwerk Mitte" mit 6000 "Passagieren" und dem mitternächtlichen Fluten der Kohlebunker - während oben der Jazz durch die Säle tobt und drüber die Sirenen heulen. Unvergessen!

Aber nun der Zeichner Holger John. Er ist der Sohn des 1933 im böhmischen Tetschen geborenen Vaters Joachim John, Käthe-Kollwitz-Preisträger und Mitglied der Ostberliner Akademie der Künste. Und schon dieser Vater passte nie ins geharkte Blumenbeet der Kunstwarte im grauen Präsent-20-Anzug, deren oberlehrerhafte kulturpolitischen Attitüden er nicht ertrug. Ein Mann mit Haltung also - und Halt bei Charismatikern und Meistern wie Fritz Cremer und Konrad Wolf an der Akademie in Berlin ...

Ihn zog es weg aus der intriganten Hauptstadt in ein stoizistisches Dasein des "Lathe biosas", des "lebe im Verborgenen", um kreativ, weltbetrachtend zu sein - den Sohn nun trieb es auf die Bühne des großen Showbusiness! Er wollte, will das alles hautnah spüren und spielen und haben - wie einst Dix und Dada-Grosz der 20er Jahre: Präsenz, Evokation, Revolte, Freiheit, Ruhm - und Abszess. Es ist das Interessante und Außerordentliche, dass der Künstler Holger John, der Nietzsches "Magie des Extrems" lebt, letztlich im Kernschatten des Vaters und dessen "Haltung" ein zäher und strategischer Werkmeister seiner Zeichenkunst geworden ist.

Holger Johns Zeichnungen sind Legion. Die Inhalte hier auf den Blättern an den Wänden kann der Betrachter lesen. Was aber macht die bildnerische Qualität dieser Blätter aus? Sie sind eben nicht chic, nicht infantil, angepasst, kein Neo-Punk. Welche Instrumentarien des eigentlich so armen Zeichnens auf einem kleinen Blatt Papier ermöglicht die Faszination, die scharfe, klaustrophobische "Erwartungsunterwanderung", die John fast immer betreibt? Die lapidaren Titel sagen nicht allzu viel, diese "Deutschen Mädchen", "Deutschen Schwestern", die "Deutsche Frau", "Heimat", "Puppe", "Odaliske", "Spanischer Vorgarten", die Wimmelbilder der "Elbhänge", der "Kunststadt" mit "Canaletto-Blick", der "Zwerge" und "Totentänze" der letzten Jahre, endlich "Das Licht des Geldes" im "Spiegelkabinett"-

Spröde und kratzig, scharf, schneidend oder elegant und schwingend werden die Linien ins unschuldige weiße Papier gesetzt. Seltener kommt der räumlich organisierte graphische Fleck dazu. Der zeichnerische Variantenreichtum ist erstaunlich. Die konstruktive, maßsetzende Linie kann mit strichelnd-kritzelnder Form wechseln, auch mal das Blatt dunkel und dämonisch mit Strukturen vergittern, findet genaue, unverbrauchte Signale und Raummaße für Kopf, Locken, Münder, Lidschatten, Vulva, Fliegenpilz, die gebrochene Halswirbelsäule des Gehängten, Mäusefalle, das "Auge Gottes" am Himmel, den abgeholzten Baum, die Zöpfe des Sensenmädchens ... Auf den "Schrei" nach Liebe antwortet der italienische Brigant, in der "Versiegelten Zeit" im Keller des Hauses liegen die "Brecht'schen Leichen" des ideologisch enthemmten letzten Jahrhunderts - und aller vorherigen Jahrhunderte.

Nichts ist harmlos! Des Spaßmachers Johns Geschichten können einem im Halse stecken bleiben - als Zeichner ist er Moralist wie George Grosz, ein todernster Clown, der unsere Chronik niederschreibt. Die Chronik des Wunders der "Lesbarkeit der Welt" zwischen Gemetzel und Lust. Es ist wie beim portugiesischen Stammvater der Moderne, Fernando Pessoa, der im "Buch der Unruhe" sagt: "Es gibt Tage, an denen jeder Mensch, dem ich begegne, und noch mehr Menschen, mit denen ich zwangsläufig Umgang habe, wie Symbole aussehen und entweder einzeln oder miteinander verbunden eine prophetische oder okkulte Schrift bilden, aufgezeichnet aus den Schatten meines Lebens."

Mit, natürlich, Picasso soll geschlossen werden: "Ein Künstler, der diesen Namen verdient, sollte den Dingen, die er wiedergeben will, ein Höchstmaß an Körperhaftigkeit verleihen (-) Das einzige, woran ich glaube, ist die Arbeit. Ohne harte Arbeit, ohne Übung von Hand und Hirn gibt es keine Kunst." Holger John ist so ein besessener Arbeiter im Kunstweinberge des Herrn und großartiger Formenerfinder und Erzähler der Existenz - auf einem kleinen Blatt Papier, das immer erst einmal weiß und unschuldig, glatt oder körnig vor einem liegt und wartet. Der Grübler wird zum "Allegoriker" (Benjamin), wenn er dieses Tableau mit dem ersten Strich schneidet. Und John, der Ur-Zeichner und Weltfresser, der unentwegt seine Syntax variiert und damit dem Rat für "das Schöpferische" von Max Jacob nachfolgt, hat dieses magische Refugium mit mächtiger Spur betreten. In Dresden und nun schon weltausschweifend seit drei Jahrzehnten mit Meersalz, "Rammstein" und rauer Seeluft im Pelz das "Sonntagskind", der "Lustgärtner" aus Usedom.

aus der Laudatio zur Ausstellungseröffnung

bis 8. Juni in der Villa Eschebach, Georgenstr. 6, Tel. 0351/8131-0; Mo/Mi 8.30-16 Uhr, Die/Do_18 Uhr, Fr 8.30-13 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.05.2012

Hubertus Giebe

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