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Regional Der 1917 geborenen, seit 1952 in Dresden lebenden Künstlerin Ann Siebert zum 99.
Nachrichten Kultur Regional Der 1917 geborenen, seit 1952 in Dresden lebenden Künstlerin Ann Siebert zum 99.
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10:50 21.04.2016
Ann Siebert Quelle: C. Reichardt
Dresden

„Vor ungefähr 25 Jahren wollte ich einige meiner frühen Arbeiten aus England holen. In Dresden und Berlin musste ich einen langen und komplizierten Papierkrieg führen, um eine Einfuhrgenehmigung zu bekommen. In London packte ich die Ölbilder für den Frachtflug nach Dresden zusammen. Um sicherzugehen, rief ich das britische Zollamt mit der Frage an, ob ich eine Ausfuhrgenehmigung meiner eigenen Ölbilder haben muss. ‚Nein, Madame, brauchen Sie nicht. Nur für Bilder, die älter als einhundert Jahre sind. Und ich nehme an, dass dies nicht der Fall ist.’“

Das stammt aus den Erinnerungen der Künstlerin Ann Siebert, und man kann mit ihr über die bizarre Weitsicht der Bürokraten lachen – jetzt, wo sie selbst zumindest schon an den 100 Lebensjahren kratzt, ohne dass diese Zahl einen besonderen Wert für sie hätte.

Man könnte meinen, den 99. Geburtstag zu erleben, sei etwas quasi zwischen den Zeiten.

Noch nicht das scheinbar große Jubiläum? Wem so viel Lebenszeit gegönnt ist, der spürt die Last des Alters und hat einen anderen Bezug zu jedem neuen Tag. Und so nimmt es die in der Dresdner Südvorstadt lebende Künstlerin Ann Siebert gelassen, dass sie nun eine 99 auf der Jahresringscheibe zu stehen hat; sie geht ihrer Arbeit als Künstlerin nach, füttert Vögel und Katzen vorm Haus und empfängt Gäste wie mich, die mit ihr über die nächsten Ausstellungen sprechen wollen. An der Exposition „AUGENSTERN – Alterswerke IV“ im Herbst dieses Jahres im Bürgerfoyer des Landtages will sie teilnehmen, mit einem kürzlich gemalten Bild, das „Ende der Vorstellung“ heißt. Englischer Humor, köstlich!

Ann Siebert. Am Meer. 2005 Quelle: Galerie am Damm

Ihre Biografie liest sich so spannend, dass uns Jüngeren fast der Atem stockt. 1917 als Priscilla Ann Thornycroft in Golders Green, London geboren, spannte sie ein abenteuerlich anmutendes und vor allem selbstbestimmtes Leben um sich herum auf, das geprägt war von ihren weltoffenen und lebenswachen Entscheidungen. Einen feinen Platz in ihrem Wohnzimmer hat heute noch eine kleinere Skulptur ihres Großvaters, des Bildhauers Hamo Thomas Thornycroft.

1917 – mit einem Jahrgang aus Kriegszeiten, kommt Ann Siebert zur Welt, im selben Jahr wie Heinrich Böll z.B. oder Indira Gandhi. Siebert hat Henry Moore kennengelernt und an der berühmten Londoner Slade School of Fine Art studiert, war Studentensprecherin, befasste sich an weiteren Kunstschulen mit Lithografie und Freskomalerei und hat in den fünfziger Jahren in Kleinmachnow mit Rudolf Bahro über gesellschaftliche Probleme diskutiert. Siebert ist auch bekannt als Illustratorin für Kinderbücher und die ABC-Zeitung, besonders mit Tierzeichnungen. Seit 1952 lebt sie in Dresden, war mit Willy Wolff befreundet und im Vorstand der Künstlergenossenschaft ‚Kunst der Zeit’ aktiv, wo sie sich für eine ganze Reihe von Künstlerkollegen und -kolleginnen engagierte.

Ihre eigenen Kunstwerke kennen keine großen Brüche und leben von einer Handschrift, die sich zwischen Einflüssen der Neuen Sachlichkeit, des Surrealismus und biografischen Eindrücken bewegt. Ein 1986/87 von der Dresdner Gemäldegalerie Neue Meister auf Initiative von Horst Zimmermann erfolgter Ankauf von vier frühen Werken (1937–1944) und eines späteren Bildes von 1978 bezeugen diese Kontinuität im bildnerischen Werk von Ann Siebert.

Happy Birthday, Miss Ann, und noch einige schöne Vorstellungen sowie genussvolle Griffe in die 100 bereitstehenden Farbtöpfe!

Von Claudia Reichardt

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