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Demenz als Theaterthema in Dresden

Demenz als Theaterthema in Dresden

An den Schnee kann er sich erinnern, viele weiße Flecken in einer Landschaft von Erinnerungen. Jetzt ist er zum "Hampel Mampel" geschrumpft, es ist immer halb vier, nur die Praktikantin mit der Brille kommt um 11 mit der Wäsche.

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"Weiße Flecken", beklagt von Albrecht Goette und Klara Wördemann.

Quelle: Matthias Horn

Er sei entführt, vertraut er der jungen Frau an, denn es gebe Briefkästen an den Türen, doch kein Briefträger komme vorbei, und im Aufzug fehle der Knopf für das Erdgeschoss, stattdessen sei da ein Schloss. Und da ist noch diese Tochter, Johanna, hatte er überhaupt eine Tochter? Die weißen Flecken in seinem Kopf, das ist er jetzt selbst oder vielmehr: das, was er nicht mehr ist. Die Demenz hat ihn in ihrem Griff. Und er ist dem monströsen Krankenpflegesystem ausgeliefert, das Dienstleistungen im Minutentakt durchplant: Aufstehen - 1 bis 2 Minuten, Ankleiden 8 - 10 Minuten, Stuhlgang - 3 bis 6 Minuten. Und in Zukunft? Dieses Pflegesystem ist jetzt schon überfordert und könnte in wenigen Jahren zusammenbrechen, wenn die Zahl der Demenzkranken, auch demografisch bedingt, rasant steigt. Beklemmend, das alles.

Zu den Verdiensten der Bürgerbühne gehört es, generationsbedingte wie beklemmende Themen anzupacken und sie aus authentischen Blickwinkeln zu präsentieren. Mit der neuen Produktion der Bürgerbühne im Kleinen Haus "Weiße Flecken. Ein Theaterstück über Demenz" in der Regie von Tobias Rausch und Matthias Reichwald ist dieser Ansatz eindrucksvoll gelungen. Zum einen, weil Tobias Rausch eine Textgrundlage geschaffen hat, die sich zwischen authentisch und fiktiv bewegt und so komplex und berührend zugleich sein kann. Zum anderen liegt die Wirkung am Thema selbst - handelt es ich doch um eine Krankheit, die in uns und um uns ist, die eine Biografie zur Last macht - für einen selbst und vor allem für die Anderen. So sind auch diese Anderen hier als Chor anwesend, gekleidet als Pflegepersonal (Kostüme: Cornelia Kahlert). Sie reagieren, kommentieren, aktualisieren - "update!" rufen sie dann.

Das Bühnenbild von Jelena Nagorni besteht aus Handtuch-Ballen, die man aufschichten oder mit denen man würfeln kann. Ein Wäschewagen dient als Zufluchtsort und eine alte Waschmaschine lässt sich als Rasenmäher behaupten. Mit wenigen Requisiten werden die Geschichten lebendig, die Betroffene auf der Bühne erzählen. Ein weißer Kittel und schon erzählt Christine Lehmann von ihrem schweren Start nach der Wende mit ihrer Arztpraxis und von dem langsamen Verschwinden ihres Mannes in die Welt der Demenz, erzählt davon, was für ein harter alltäglicher Kampf das ist, die Würde des Kranken zu bewahren, mit jemandem zu leben, der nicht mehr er selbst ist. Ein paar Handtücher - rot, blau, gelb - um den Kopf gebunden und es sind Spielfiguren, da wird "Mensch ärgere dich nicht" gespielt, eine Kindheitserinnerung von Charlotte Runck beim Besuch von ihren Großeltern. Sie erzählt, wie ihre Oma immer vergesslicher wurde und wie die Spannungen in der Familie stiegen. Mit einer Gießkanne aus weißen Handtüchern in der Hand schwärmt Iris Haubold zunächst von ihrem Garten, doch dieser Garten ist eine Metapher für das Gedächtnis. Mit einer Mischung aus poetischen Bildern und knallharten Fakten aus der Perspektive des Pflegepersonals ergänzt sie das Krankheitsbild Demenz. Auch Dagmar Michels Geschichte von ihrer Mutter berührt. Sie erzählt von den Gewissensbissen, ihre Mutter ins Pflegeheim "abgeschoben" zu haben, weil die Belastung davor von der Familie nicht mehr zu bewältigen war, erzählt vom alltäglichen Wahnsinn mit Demenzkranken.

Wenn es eine Steigerung an Betroffenheit gäbe, dann war es die Geschichte von Karl-Heinz Kind und seiner Frau, die in diesem Jahr starb. Dabei ist diesem Mann, der seine Geschichte langsam mit zitternder Stimme erzählt, Stabilität immer wichtig gewesen, denn er war Bauingenieur für Statik. So motiviert er sich immer wieder und ruft "stabil bleiben!" - ein paar Mitstreiter mimen dabei eine Belastungsprobe. Das verleiht dem Erzählten keinen heiteren, aber zumindest einen ein wenig "entlastenden" Effekt, denn die Geschichte von einer Frau, bei der Narkosemittel während einer Operation Demenz ausgelöst hätten und ihr qualvoller Weg in die Dunkelheit der Krankheit rührt einen wirklich zu Tränen.

Ein gelungener Kunstgriff ist es, den fiktiven Patienten, "er", mit Albrecht Goette zu besetzen, der es glänzend versteht, mit wenigen Mitteln eine bedauernswerte Kreatur zu erschaffen, die um Würde ringt und um Erinnerungen. Ein weiterer guter Einfall sind die Zwillinge Klara und Maria Wördemann. Die "Doppelbesetzung" der jungen Praktikantin, eine "sie", wird erst zum Schluss sichtbar, indem die junge Frau rechts verschwindet und viel zu schnell wieder von links auftaucht, kurz darauf zeigen sich beide und man erkennt den Zwillingseffekt. Es ist ein kleines Augenzwinkern in Richtung Pflegeroboter und Pflegedrohnen, von denen die Anderen zuvor trocken berichten, als vielfältige Zukunftslösung des Pflegeproblems.

Schöne neue Welt. Doch man muss sich dem Problem stellen - und dazu macht dieser Abend Mut.

nächste Vorstellungen: 5. Dezember (ausverkauft, Restkarten an der Abendkasse) und 14. Dezember, jeweils um 20 Uhr, Kleines Haus 3

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.12.2013

Bistra Klunker

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