Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Deirdre Starr & Band mit irischem Liedgut im Kleinen Haus in Dresden

Wenn die Kälte in die Knochen kriecht Deirdre Starr & Band mit irischem Liedgut im Kleinen Haus in Dresden

Beim Konzert von Deirdre Starr am Sonntag im Kleinen Haus kroch einem die Kälte mitunter regelrecht in die Knochen. Ganz besonders bei einem Lied, das eine Katastrophe aufgreift: die legendäre Polarexpedition, die der britische Konteradmiral John Franklin 1845 unternahm, um die sagenumwobene Nordwestpassage zu finden, die Atlantik und Pazifik verbindet.

Deirdre Starr, David Leihy (r.) und Robert Tobin.
 

Quelle: PR

Dresden.  Man kann es drehen und wenden, wie man will, den letzten signifikant zu kalten Winter (minus 2,5 Grad im Dreimonatsschritt) erlebte Deutschland 1984/85. Eigentlich hat man keine Ahnung mehr, wie sich ein richtiger Winter anfühlt, wie knackiger Dauerfrost über Wochen hinweg herrscht und das Land in eine riesige Kühlkammer verwandelt.

Aber siehe da, beim Konzert von Deirdre Starr am Sonntag im Kleinen Haus kroch einem die Kälte mitunter regelrecht in die Knochen. Ganz besonders bei einem Lied, das eine Katastrophe aufgreift: die legendäre Polarexpedition, die der britische Konteradmiral John Franklin mit den beiden Schiffen „Erebus“ und „Terror“ 1845 unternahm, um die sagenumwobene Nordwestpassage zu finden, die Atlantik und Pazifik verbindet. Letztmals von Europäern gesichtet wurden die beiden Schiffe, die als die Prunkstücke der britischen Marine galten, im August 1846 von der Besatzung zweier Walfangschiffe in der Baffin Bay zwischen Grönland und dem Arktischen Archipel. Erst 14 Jahre später wurde klar, dass die beiden Schiffe im Eis stecken geblieben und ihre Besatzungen, alles in allem 129 Mann, verhungert und erfroren waren. Ähnlich eisig unter die Haut kriechend – und doch in England zum Klassiker geworden – der angestimmte Coventry Carol, ein Lied aus dem 16. Jahrhundert, das den von König Herodes verfügten Kindermord in Bethlehem zum Thema hat.

Gespielt wurden, bis auf die allerletzte Zugabe („Stille Nacht, heilige Nacht“ in gälischer, englischer und deutscher Sprache), nicht Weihnachtslieder, sondern in erster Linie Songs über den Winter, über Eis, Schnee und Frost. Vorrangig waren es Lieder des neuen, mittlerweile fünften Albums „Between the Half Light“, auf dem auch die traditionelle Ballade „Leave her Johnny, leave her“ zu finden ist. Ein Mann namens Johnny wird darin ermutigt, jemand zu verlassen, wobei es für den Kontrabass zupfenden David Leihy „definitiv“ keine Frau, sondern ein Schiff ist, das verlassen werden muss.

Es war eine ungewöhnliche Besetzung, die auf der Bühne all die Lieder zum Besten gab. Ob beabsichtigt oder nicht – es wurde der Beweis geführt, dass es möglich ist, Irish Folk zu spielen, ohne dass Bodhrán, Geige, Bouzouki oder Akkordeon zum Einsatz kommen. Im Zentrum stand natürlich Deirdre Starr, deren magischer Gesang gar nicht genug gepriesen werden kann. Mit der Stimme hatte sie im Verlauf des Abends leichte Probleme, hatte sie doch mit einer Erkältung zu kämpfen gehabt. Eine Woche habe sie Antibiotika schlucken müssen, heute das letzte Mal, deshalb könne sie auch erst am Montag die Dresdner Weihnachtsmärkte stürmen, um Glühwein zu trinken. Sie freue sich auf Glühwein zum Frühstück, zum Lunch, zum Tee und zum Dinner, flachste Starr, deren Spiel auf dem Klavier in keiner Weise beeinträchtigt und damit allererste Sahne war.

Nur zwei Mann unterstützten die Irin – Leihy wie gesagt am Kontrabass und der junge, kleidungs- und haarschnitttechnisch wie ein japanischer Zen-Meister aussehende Robert Tobin. Er steuerte die Flötentöne bei, erwies sich nicht nur auf der Tin Whistle als Meister seines Fachs. Manchmal verzichtete er auf jegliche Melodik, sondern ließ einfach den Wind böig durch den Saal pfeifen. Hier und da wurde es übrigens auch mal anrührend warm ums Herz, etwa bei dem alten Volkslied „I am a Maid that’s Deep in Love“, in dem geschildert wird, wie eine Frau sich als Mann verkleidet, um auf einem Schiff anheuern zu können. Warum sie das macht? Um ihre große Liebe, der Seemann ist, zu suchen. Es gibt eben auch Schönes im Leben, allen voran die Liebe. Und manchmal zählt sogar der Winter dazu und es bedarf meist noch nicht mal des Glühweins, um ihn sich schön zu trinken.

Von Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr