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Das in Wien verschmähte „Homohalal“ begeistert in Dresden

Interkulti-Drama Das in Wien verschmähte „Homohalal“ begeistert in Dresden

Das Wiener Volkstheater machte im Vorjahr kurz vor der Premiere einen Rückzieher. Nun ist die Inszenierung „Homohalal“ auf die Dresdner Bretter gekommen. Ein Blick ins Jahr 2037 auf eine Art Lifestyle-Kulti.

Immer kurz vorm Zuklappen: Szene aus „Homohalal.“

Quelle: David Baltzer

Dresden.  Nix mit clash of cultures! „Homohalal“ am Kleinen Haus des Staatsschauspiels erinnert zunächst an die zu sozialistischen Zeiten verpönte Konvergenztheorie der Systeme. Dereinst, im Jahr 2037, hat man in Dresden einander so lieb auf den Streuobstwiesen in der City. Wutbürger gibt es nicht mehr, die einst Angst erregenden Araber haben einerseits rappen gelernt und sind andererseits genauso spießig geworden wie die Eingeborenen. Deren esoterisches Gesäusel trifft sich hervorragend mit islamischen Jenseitigkeiten. Nicht mal Multi-Kulti, eher ein uniformes Lifestyle-Kulti. Eine prägende Herkunft ist allen kaum noch anzumerken.

Gemeinsam ist dieser Generation 2037, die, wie sich später herausstellt, ihre Flucht- und Begegnungsgeschichten in unseren gegenwärtigen Tagen hatte, auch die Abneigung gegen Homosexuelle. Vater Said, den Matthias Luckey in einer gerade noch nicht überzogenen komödiantischen Glanzrolle spielt, kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass Söhnchen Jamal (Thomas Kitsche) so veranlagt ist und nicht von bösen Männern verführt wurde. Umbringen will er ihn auch im Jahre 2037 noch.

Der 1982 in Aleppo geborene Autor Ibrahim Amir lässt diesen ersten Teil während einer makabren Bestattungszeremonie für Freund Abdul spielen, der angeblich unter Drogeneinfluss von einer Brücke gesprungen sein soll. Gelegenheit, diese handelnden Hohlkörper zu demaskieren, ob sie nun syrische, irakische oder germanische Wurzeln haben. Die durchgeknallte „Imamin“ Barbara hätte auch gut zu den Guru-hörigen Blumenkindern oder heutigen Mantra-Tantra-Jüngerinnen gepasst. Elzmarieke de Vos kostet es voll aus, die Gesellschaft zu aufgesetzten Ritualen zu animieren, nachdem sie mit der Urnenasche Abduls ein Zimmerfeuerwerk veranstaltet hat. Völlig legitim, dass die junge Regisseurin Laura Linnenbaum hier dem Affen Zucker gibt und diese affektierte Gesellschaft eifrig hyperventilieren lässt und das angeheiterte Publikum auch. David Gontert setzt mit schrillen „Bonbonkostümen“ noch eins drauf.

Nur Rouni Mustafa, den man noch von der „Morgenland“-Inszenierung kennt, ist hinreißend authentisch. „Ich bin nicht meine Kultur. Ich bin nicht meine Religion“, verkündet er im Prolog mit unnachahmlichem Charme dem Publikum und avanciert im Folgenden zu einer Art Kobold der Inszenierung. „Jedes Theater braucht seinen Quotenflüchtling“, spitzt er pro domo.

Bis zur Halbzeit etwa fragt man sich, was das Wiener Volkstheater im Vorjahr bewogen haben mag, Amirs Stück acht Wochen vor der Premiere wieder abzusetzen. Dresden griff ja dann schnell zu, der Autor schrieb eine spezielle Dresdner Fassung. Die ist in Verbindung mit hübschen Regieeinfällen so verblüffend konkret, dass neben Pegida und den Aleppo-Bussen am Neumarkt auch selbstironische Anspielungen auf das Montagscafé im gleichen Haus oder Christian Friedels Hamlet-Gesänge nicht fehlen. Etwa zur Mitte der reichlich hundert Minuten Spielzeit kippt das Stück unmerklich in die Gegenwart zurück. Es ist, als habe Amir eine Uhr aufgezogen, die in der zweiten Halbzeit gnadenlos abläuft. Was sich bei diesem Bestattungs-Happening einschleicht, ist nur auf den ersten Blick so etwas wie eine therapeutische Familienaufstellung.

In Luft lag es schon länger, etwa, wenn Thomas Schumacher als rötlicher Entertainer einen No-Pegida-Rap anstimmt. Dabei kann es nicht bleiben, ahnt man. Die Erinnerung an die Zeit vor 20 Jahren, also heute, lässt die Scheinharmonie zusammenbrechen. Der plötzlich wieder sehr lebendig und wie ein nobel-eiskalter Racheengel erscheinende Abdul (Holger Bülow) lässt überhaupt keinen anderen Ausweg zu. Da kommen nicht nur Zweck- und Scheinheiraten zur Erlangung eines Asylstatus zum Vorschein. Hinter persönlichem Versagen stecken die ethnischen und politischen Konflikte. Links sein und Flüchtlingshilfe erscheinen als modische Attitüde, der „Wohlstandslangeweile“ entsprungen. Bewältigt sind weder die individuellen Verletzungen noch die Großkonflikte. Annedore Bauer und Anna-Katharina Muck als Ghazala und Albertina haben große Auftritte. Den Ausweg aus diesem Aufarbeitungsgemetzel musste man fast befürchten: Das lange schweigsame Jüngelchen Jussef (Valentin Kleinschmidt) proklamiert plötzlich zum Finale die Formeln der Identitären, wettert gegen den „kollektiven Anpassungswahn“, gegen ausgelöschte Geschichte und will Hingabe und Heldentum. Eine Kampfansage.

Aber dann kommt zum Glück Ghazala als die dreizehnte Fee und hat ein leider gekürztes dialektisches Schlusswort, belehrt uns über die Mühen einer immer wieder neu zu erringenden Demokratie. Klappe zu und Zuckeraffe tot, denn die Spielschräge und der Plafonds darüber von Valentin Baumeister bewegen sich aufeinander zu und hinterlassen uns mit dem Bild der eingezwängten Annedore Bauer. Hier hat keiner immer Recht, Ibrahim Amir teilt nach allen Seiten aus. Seine Textvorlage war bei Laura Linnenbaum in besten Händen. Die Mischung von Ernst und Bitterkeit mit geradezu boulevardesk ausgespielter Komödie entkrampft die interkulturelle Problematik, ohne sie zu entschärfen. Das Fazit könnte auch pessimistisch gezogen werden: Sowohl die Unterschiede werden bleiben als auch menschheitsumfassende Erbärmlichkeiten bei allen Ethnien. Eine Sternstunde dieser ambitionierten Interimsspielzeit am Staatsschauspiel. Der begeisterte Beifall galt einem besonders intensiv und genau geprobten Stück. Sehr, sehr schade, dass bis zur Sommerpause höchstens zehn Vorstellungen möglich sind, wie Intendant Jürgen Reitzler sagte. Dann wird mit dem neuen Intendanten Wolfgang Klement auch das Ensemble neu gemischt.

nächste Aufführungen: 4. & 13.4., 1.5.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Bartsch

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