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Das endliche Arkadien von Dresden-Loschwitz - Der Geigenlehrer Leopold Auer, ein altes Foto und die Weltgeschichte

Das endliche Arkadien von Dresden-Loschwitz - Der Geigenlehrer Leopold Auer, ein altes Foto und die Weltgeschichte

Wenige Wochen nach seiner Flucht vor dem Chaos der Oktoberrevolution ins amerikanische Exil hoffte der berühmte "Geigermacher" Leopold Auer (1845-1930) noch auf eine baldige Rückkehr an das St.

Petersburger Konservatorium, an dem er seit Jahrzehnten nicht nur den russischen Geigernachwuchs ausgebildet hatte. Im März 1918 berichtete er der New Yorker Zeitung "The Sun" aus seinem Leben und von seiner Arbeit mit Schülern aus aller Welt, die den in Veszprém geborenen Violinvirtuosen zum international geschätzten Lehrer seines Instruments hatte werden lassen. Tiefe Ironie lag darin, dass Auer ins Exil gehen musste, nachdem er erst kurz zuvor den Wirren des Kriegs durch eine erzwungene Heimreise entkommen war.

Leopold (eigentlich: Lipót) Auer kam aus einfachen, doch keineswegs ärmlichen Verhältnissen: Der Vater, ein Stuben- und Fassadenmaler mit musischen Interessen und einem gutgehenden Geschäft in der westungarischen Stadt, hatte seinem musikalisch begabten Sohn eine Geige gekauft. Eine logische Entscheidung für einen Ungarn, betont Auer in der 1923 erschienenen Autobiografie "My long life in Music". Aber diese Entscheidung war auch eine pragmatische, denn im wirtschaftlich aufstrebenden Land - gerade erst hatte Graf Széchenyi die Kettenbrücke zwischen Buda und Pest bauen lassen - war eine Violine nicht nur das gängigste, sondern auch das günstigste Instrument, das man erwerben konnte.

Wenig später kam Leopold Auer ans Budapester Konservatorium, um nach einer Zwischenstation in Wien endlich in Hannover Schüler des berühmten Joseph Joachim zu werden. Im kulturell eng verflochtenen Europa machte der junge Geiger schnell Karriere und bereiste alle wichtigen Konzertsäle. Das große pädagogische Talent Auers, der für seinen Lebensunterhalt zunächst um Schüler hatte werben müssen, sprach sich herum, und schon 1868 berief ihn der Zar ans Petersburger Konservatorium. Eine bedeutendere Anstellung für einen Musikdozenten gab es zu dieser Zeit kaum. Der sich nun auch international verbreitende Ruf Auers zog Schüler aus Großbritannien und den USA an, die er jährlich in London unterrichtete.

Die Musikzentren Sachsens lernte Auer auf seinen Reisen kennen, und namentlich von der ersten Begegnung mit den Dresdner Kunstsammlungen schwärmte er nicht wenig. Das kulturelle Klima der Residenzstadt muss ihm gelegen haben, denn dem Reporter der "Sun" erzählte er von einem Entschluss für das Jahr 1912 mit Tragweite für sein weiteres Leben: "Es wurde mir zu anstrengend, jedes Jahr nach London zu fahren, und ich zögerte, die jungen Schüler so weit nach St. Petersburg reisen zu lassen. Ich hatte von einem zauberhaften kleinen Landhaus am Stadtrand von Dresden gehört, und dahin zog ich um, auch in der Absicht, meinen Lebensabend dort zu verbringen." - Leopold Auer war 67 Jahre alt.

Im historischen Archiv der Sächsischen Staatsoper Dresden nimmt Archivarin Janine Schütz ein großformatiges Foto aus einer Mappe: Es zeigt Leopold Auer im Kreis seiner Schüler und kam als Geschenk des früheren Kapellmusikers Wolfgang Wahrig in den Bestand. Er notierte auf der Rückseite die Herkunft: "Eigentum von Kapellmeister Erich Schneider" und "19. Mai 1977 geschenkt erhalten." Vor zwei Jahren hat Wahrig dieses interessante Foto, das ein stiller Zeuge der Weltgeschichte ist, ins Archiv der Oper gegeben.

Auer lehrt Tongebung, Griff- und Bogentechnik und Interpretation stets in einem. Seine Hinweise und Erklärungen sind wie seine eigene Technik ­- die einfachsten der Welt und dabei die gültigsten.

Als umtriebigem Musikstudenten dürften Erich Schneider (1892-1979; letzter Kantor der Dresdner Frauen-kirche vor ihrer Zerstörung und später Kirchenmusiker der Martin-Luther- Kirche) die Sommerakademien, die Leopold Auer ab 1912 in Loschwitz abhielt, kaum entgangen sein, denn sein Elternhaus stand im nahen Rochwitz.

Auf dem vage datierten Foto - das Jahr 1914 ist nachträglich notiert - wird Auer umringt von einer aus nicht weniger als 43 Personen bestehenden Gesellschaft. Unter den vielen Gruppenbildern seiner Klassen ist diese Aufnahme wohl die eindrucksvollste. Schneider, der die Zusammenkunft miterlebt haben könnte, vermerkte zu den Personen lediglich, dass in der ersten Reihe Jascha Heifetz und Toscha Seidel zu sehen wären. Der damals 13-jährige Heifetz war Auers wichtigster Schüler. Zusammen mit dem wenig älteren Toscha Seidel kam er im Jahr zuvor erstmals über die Sommermonate aus Petersburg mit nach Loschwitz. In Heifetz' Nachlass in der Washingtoner Library of Congress fand der Musikwissenschaftler Dario Sarlo einen zweiten Abzug derselben Platte, die Hoffotograf Ernst Müller vor dem 1977 abgerissenen Restaurant "Loschwitzhöhe" aufgenommen hat: Heifetz notierte auf seinem Exemplar das Jahr 1914.

Außer dem in Vilnius geborenen Jascha Heifetz, der mit seiner ganzen Familie kam, reisten in den Sommermonaten vorzugsweise Auers Privatschüler nach Loschwitz. Der Unterricht fand in Auers Villa statt. Victor Küzdö, der in den USA als einer der ersten nach der Methode seines Lehrers lehrte, erinnerte sich in "The Sun" (November 1917) an die Atmosphäre der Sommerakademien im Haus auf der Malerstraße: "Seine [Auers] Villa verfügt über eine hinreißende Aussicht auf den Fluss und die Berge in der Ferne. Das Musikzimmer oder 'Studio' des Hauses verströmt einfache Eleganz. Ein paar Stühle und Teppiche, einige Bilder, ein Klavier, ein Geigenständer und ein Tisch, auf dem die unbezahlbare Stradivari liegt, bilden die Einrichtung. Man tritt ein. Der Professor begrüßt einen mit freundlichem Lächeln und einem herzlichen Händedruck und ist schon bereit. Man stimmt die Violine, streicht Kolophonium auf den Bogen und beginnt. Auer setzt sich ans Klavier, um zu begleiten, und schaut dabei weder in die Noten noch auf die Tasten. Stattdessen sieht er einen an, beobachtet und hört zu. Er unterbricht nicht. Hat man geendet, macht er einige Anmerkungen. Man beginnt erneut - aber diesmal unterbricht er, schnappt sich die Stradivari und demonstriert auf seiner Geige, wie er es hören möchte. Man übt und übt es immer wieder, um es in der nächsten Unterrichtsstunde genau so auszuführen. Auer unterrichtet nur eine kleine Zahl von Schülern und gibt vier oder fünf Stunden an aufeinanderfolgenden Tagen, ein Tag in der Woche bleibt zur Erholung. Auer lehrt Tongebung, Griff- und Bogentechnik und Interpretation stets in einem. Seine Hinweise und Erklärungen sind wie seine eigene Technik ­- die einfachsten der Welt und dabei die gültigsten."

Die erholsame Seite des Aufenthaltes in Loschwitz genoss Jascha Heifetz mit seinen beiden Schwestern und den Eltern ausgiebig: Man wohnte im Kurhaus "Bergschlösschen" in Neu-Rochwitz (heute der Kindergarten "KinderReich" auf der Kottmarstraße), spielte Tennis und unternahm Ausflüge in die Dresdner Heide oder nach Pillnitz. Dennoch wurde ernsthaft gearbeitet. Die amerikanische Geigerein Ruth Ray, die im Sommer 1914 Wand an Wand mit Heifetz wohnte und ihn im Nebenzimmer spielen hören konnte, erinnerte sich, wie der über die Maßen begabte Knabe sich bemühte, sie nicht zu desillusionieren: "Im Juni spielte er 21 Konzerte, sämtliche 24 Capricen von Paganini, Bachs sechs Solosonaten und manch anderes, dazu kam die tägliche Stunde fabelhafter Tonleitern und Arpeggien und eine Stunde beinahe ebenso wundervollen Klavierspiels. [...] Als liebenswürdiger, rücksichtsvoller Freund spielte er aber nie die Stücke, an denen ich selbst etwa drei Tage vor meinem Unterricht arbeitete."

Im Verlauf der Sommerakademie mietete Auer den Saal der "Loschwitzhöhe" für ein privates Konzert. In seinem Lebensbericht erzählt er begeistert, wie sehr die aus Dresden und Berlin gekommenen Gäste vom Höhepunkt des Programms beeindruckt waren: Jascha Heifetz und Toscha Seidel spielten Bachs Doppelkonzert d-Moll, gekleidet in ihre Matrosenanzüge. Eben so, wie sie das Foto in der vordersten Reihe zu Füßen ihres Lehrers sitzend zeigt.

In seinem Lebensbericht erzählt er begeistert, wie sehr die aus Dresden und Berlin gekommenen Gäste vom Höhepunkt des Programms beeindruckt waren: Jascha Heifetz und Toscha Seidel spielten Bachs Doppelkonzert, gekleidet in ihre Matrosenanzüge.

Die Selbstverständlichkeit der weltoffenen, arkadischen und allein der Musik verpflichteten Atmosphäre im Haus auf der Malerstraße endete unvermittelt im August 1914. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden die zuvor gern gesehenen Gäste von Auers Klasse zu Feinden. Die Russen darunter, mit ihnen auch ihr berühmter Lehrer, der längst die russische Staatsangehörigkeit besaß, fanden sich unter Polizeibewachung wieder. Die Engländer bemühten sich, nicht aufzufallen und sprachen wenig in der Öffentlichkeit. Die Amerikaner waren zwar Bürger eines neutralen Staates, doch misstraute man ihnen ebenfalls: Der "Dresdner Anzeiger" berichtete von Tätlichkeiten und appellierte an den Anstand der Dresdner. Verdächtig waren sie - die Musiker - allesamt: Amerikaner und Briten reisten so bald als möglich nach Hause.

Auer selbst blieb bis Oktober 1914 in seinem Haus. Dann durfte er von Saßnitz mit einem schwedischen Schiff über Finnland zurück nach Peters- burg reisen. Während der Kriegsjahre blühte das dortige Konzertleben unverändert und auch der Unterricht am Konservatorium erfuhr keine Unterbrechung. Dennoch hielten sich Auer und mehrere seiner Schüler immer öfter in Norwegen auf. Die Machtübernahme der Bolschewiki 1917 brachte den Petersburger Kulturbetrieb und die Arbeit am Konservatorium abrupt zum Erliegen: Auer fasste im Februar 1918 den Entschluss, in die USA zu emigrieren.

Das anfänglich als kurze Zäsur erwartete Exil wurde ein endgültiger Zustand. Leopold Auer unterrichtete bis ins hohe Alter in Philadelphia und New York. Im Sommer 1924 heiratete er in zweiter Ehe seine Pianistin Wanda Stein - "eine langjährige Freundin", wie die Hochzeitsanzeige im "Time Magazine" bemerkt - und wurde schließlich 1926 amerikanischer Staatsbürger. Im Sommer 1930 weilte Auer - von der Öffentlichkeit unbemerkt - wieder in seiner Loschwitzer Villa: Die Dresdner Zeitungen berichteten über die Einweihung der Zugspitzbahn, den Stillstand auf der Elbe wegen Niedrigwassers und von den Bayreuther Festspielen, wo Toscanini dirigierte und Lauritz Melchior den Siegfried sang. Mitte Juli meldete die "Times", der berühmte Geigenlehrer Auer sei an einer Lungenentzündung erkrankt, befände sich aber auf dem Weg der Besserung. Tags darauf, am 15. Juli 1930 musste der Korrespondent der "Times" jedoch nach New York kabeln, dass Leopold Auer im unweit der Villa gelegenen Sanatorium Dr. Weidner seiner Erkrankung erlegen war.

Wanda Auer reiste nach Dresden, um den Leichnam ihres Mannes mit dem Schiff zu überführen. Am 26. August 1930 versammelten sich statt erwarteter 300 etwa 800 Trauergäste in und vor einer Kapelle am New Yorker Broadway. Viele Schüler kamen, Jascha Heifetz und der Pianist Josef Hofmann, der Rektor des Curtis Institute in Philadelphia, an dem Auer unterrichtet hatte, spielten zur Trauerfeier. Bestattet wurde Leopold Auer auf dem Ferncliff Cemetery nahe New York.

Die letzte

Loschwitzer

Sommerakademie

Das Foto vom Sommer 1914 - aufgenommen zwischen dem 18. und 26. Juli vor der Nordfassade der "Loschwitzhöhe" zur Oeserstraße (nebenan wohnte später der Dirigent Heinz Bongartz, gegenüber Kreuzkantor Mauersberger) - dokumentiert vermutlich den Tag des Konzertes im Saal der Gaststätte: Leopold Auer im Kreis seiner Schüler, unter ihnen große Geigenvirtuosen ihrer Generation. Nur wenige der Namen sind heute noch geläufig, und nicht alle Abgebildeten ließen sich bisher identifizieren, doch einen Teil seiner Geheimnisse gab das sensationelle Foto nach längerer Recherche preis:

"Hans" (1), Jascha Heifetz (2), Toscha Seidel (4), Helen Jeffrey? (6), Maria Gamowetzkaja (8), Editha Knocker (9), Eddy Brown (10), Leopold Auer (11), Margaret Berson (12), Roderick White (13), Francis MacMillen (14), Isolde Menges (15), Thelma Given (17), Florence Hardeman (18), Ruth Ray (19), Lady Speyer? (21), Cecilia Hansen (23), Emily Gresser (24), Edith Grace Ham (25), Harrison Keller (26), Greta af Sillén (27), Beatrice Horsbrugh (32), Cordelia Lee (34), Dorothy L. Fry (35), Sascha Jacobsen (36), Arthur C. Snelgrove (37), H.M. Kirschner (38), Alexander Bloch (39), Fischl Kulesch? (40), Victor Küzdö (42).

Es bleibt schwer vorstellbar, dass von dieser Fotoplatte nicht weitere Abzüge existieren sollen. Schon das sorgfältige Arrangement der Gesellschaft legt nahe, dass jedem Teilnehmer von Auers letzter Loschwitzer Sommerakademie ein Exemplar zugedacht war. Viele der Schüler trafen ihren Lehrer in den USA wieder, wohin wohl auch die meisten der Bilder als Erinnerung an die glücklichen Tage vor dem Krieg gelangt sein dürften. Vielleicht gibt es noch einen Abzug samt kompletten Personenverzeichnis.

Hartmut Schütz

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.01.2013

Hartmut Schütz

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