Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Das Semperoper Ballett eröffnet einen bejubelten Abend im Pariser Theatre des Champs Élysées

Zum Abschied für Mats Ek Das Semperoper Ballett eröffnet einen bejubelten Abend im Pariser Theatre des Champs Élysées

Mats Ek, der im April letzten Jahres 70 Jahre alt geworden ist, will sich von der Bühne zurückziehen. Seine Werke werden an ersten Häusern getanzt, in Moskau, Paris, Lyon, Stockholm und in Dresden. Das Semperoper Ballett eröffnet diesen Abend in Paris, für den Mats Ek drei Stücke ausgewählt hat.

Voriger Artikel
Chorus 116 und Dresdner Barockorchester musizieren für Dresdner und für Flüchtlinge
Nächster Artikel
Malerei und Grafik von Carsten Gille und Matthias Schroller in der Galerie Refugium Medingen

Ana Laguna und Yvan Auzely tanzen "Hâche", eine Choreografie von Mats Ek, die er nach dem gleichnamigen Film von 2015 für dieses Abschiedsprogramm kreiert hat.

Quelle: Lesley Leslie-Spinks

Dresden. Mats Ek, der im April letzten Jahres 70 Jahre alt geworden ist, will sich von der Bühne zurückziehen. Seine Werke werden an ersten Häusern getanzt, in Moskau, Paris, Lyon, Stockholm und in Dresden. Das Semperoper Ballett eröffnet diesen Abend in Paris, für den Mats Ek drei Stücke ausgewählt hat. Zunächst "She was black" von 1994 in einer Einstudierung der Dresdner. Es folgen "Solo für 2" von 1996 und als jüngste Arbeit für einen Film von 2015, die er für diesen Abend in Paris noch einmal neu bearbeitet hat, das Duo "Hâche" - "Axt".

Mats Ek kommt aus einer Künstlerfamile, die Mutter, Birgit Cullberg, gründete das "Cullberg-Ballett" - die Institution für modernen Tanz in Schweden. Später wird Mats selbst dieses Ballett leiten. Der Vater war Schauspielregisseur. Ek studiert Theaterwissenschaften, arbeitet mit Ingmar Bergman und Alf Sjöberg und will zunächst auch inszenieren, psychologisch wie Bergman, bildkräftig wie Sjöberg. Es kommt anders, er wird Tänzer, mit 24 Jahren erst beginnt er als Gruppentänzer beim Ballett der Deutschen Oper am Rhein und lernt die Klassiker. Beim Nederlands Dans Theater kommen dann die anderen Möglichkeiten und Techniken des Tanzes dazu. Nach ersten Arbeiten als Choreograf der Durchbruch 1982 mit seiner ungewöhnlichen, damals nicht unumstrittenen Deutung eines Klassikers des romantischen Balletts, "Giselle". Ek arbeitet die sozialen Gegensätze heraus, er verlegt das romantische Geisterreich in die Härte einer psychiatrischen Klinik.

Sein "Dornröschen", 1996 in Hamburg, spielt nicht in einer Märchenwelt, sondern in der knallharten Drogenszene, Menschen hängen an der Nadel, flüchten in den Schlaf des Vergessens. Aus "Romeo und Julia" wird in seinem letzten großen Handlungsballett "Julia & Romeo", er zeigt, wie Menschen unverschuldet auf der Strecke bleiben, wie junge Menschen dem Untergang geweiht sind und Julia sich zu Tode tanzt.

Der Abend in Paris zu seinem Abschied beginnt mit "She was black" zu Musik von Henryk M. Gorecki und traditionellen mongolischen Gesängen. Mats Ek wollte wissen, wie Gott aussieht, er habe es gesehen, "She was black". Dieses schwarze Wesen, "Die Gott", ist zunächst fast unsichtbar, und so kann es passieren, dass ein Tänzer darüber stolpert bei den so absurden wie komischen Versuchen, in Pas de deux, solistisch, in wilden Gruppen, mit einem rätselhaft clownesken Mann in Spitzenschuhen, zueinander zu kommen. An einem Tisch, der für niemanden zum Ruheplatz wird. An und auf einer Treppe, die ins dunkle Nichts führt.

Man kann an Platos Gleichnis von den Kugelmenschen denken, die zertrennt wurden und nun auf ihrer Lebensreise versuchen, ihre andere Hälfte zu finden. Ein Stück, bei dem es immer wieder neue Varianten zu entdecken gibt und in dem die Hauptthemen von Mats Ek von ungebrochener Präsenz sind. Ek liebt die Dresdner Einstudierung und war im Dezember noch mal hier und hat mit den Tänzern gearbeitet. Die Dresdner werden bei ihrem Gastspiel nun in Paris bejubelt.

Sie wurden für die kommende Saison zu einem großen Gastspiel an die Pariser Oper eingeladen, dann wird auch Ballettdirektor Aaron S. Watkin an der renommierten Ballettschule unterrichten.

Im zweiten Teil des Abends zwei intimere Stücke, die sich aber in spannenden Korrespondenzen zum ersten, dem opulenteren Stück bestens fügen. "Solo for 2", an sich ein Widerspruch, aber es ist ein Grundthema von Mats Ek, die verflixte Einsamkeit zu zweit, zur meditativen Musik von Arvo Pärt, mit dem charismatischen Tänzer Oscar Salomonsson und der großartigen Dorothée Delabi, in der für Sylvie Guillem und Niklas Ek, dem Bruder des Choreografen, kreierten Choreografie. Eks Bewegungen, das Alleinsein, die Versuche, zueinander zu kommen, das geht bis zur vergeblichen, momentanen Nacktheit, und auch da wackelt nur die Kulisse, das ist wieder jene Treppe, die ins Nichts führt, es kommt zum Kleider- und Identitätstausch und endet doch, wo es begann, auch kein angedeuteter Walzer hilft.

Dann wird die Bühne abgeräumt, und "Hâche" (Axt) vollzieht sich vor den nackten Brandmauern. Ein gnadenloses Ambiente. Jetzt die Varianten der Einsamkeit des Alters, das ist berührend mit Yvan Auzely und Ana Laguna, vor allem auch zur Musik des Adagios in g-Moll von Tomaso Albinoni.

"Axt" ist wörtlich zu verstehen. Als gelte es, Vorrat zu schaffen für einen langen Winter, hackt der Tänzer Holzscheite, dieweil die Tänzerin uns noch einmal in den Bann der Bewegungsvarianten von Mats Ek zieht, jenes Hüpfen mit den angewinkelten Armen wie gebrochene Flügel, die flatternd hoch erhobenen Hände, das sind jetzt die Essenzen, das ist so eine wunderbare Konzentration, das sind Erinnerungen ohne Wehmut und starke Bilder: Kann man einen Holzscheit, ja gar eine Axt, zärtlich im Arm halten wie ein Kind? Man kann, das zeigt die 60-jährige Ana Laguna, Eks Frau und Muse. Der 54-jährige Yvan Auzely nimmt für Momente die bewegenden Korrespondenzen der Zärtlichkeit des Alters auf. Am Ende lässt er sich mit Holzscheiten beladen. Beide gehen ab, doch noch ein Anflug versöhnter Hoffnung? Das Holz reicht, das Feuer muss nicht ausgehen, aber die Axt hat erst mal ausgedient.

Und da hat man auch noch einmal den leisen, subtilen Humor des Choreografen, der seine Figuren, selbst wenn sie nackt sind wie in "Solo for 2" oder in anderen Arbeiten, nicht aus- oder gar bloßstellt. Es ist eher so, dass er sich zu ihnen stellt, im entscheidenden Moment auch vor sie.

Was wird bleiben? Mats Ek selbst sagt ganz bescheiden, seine Werke werden zu sehen sein, so lange die Verträge laufen. Nach diesem Abend kann man nur hoffen, dass die Verträge noch lange laufen.

Täglich noch bis 10. Januar, Paris, Theatre des Champs Élysées

Boris Gruhl

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr