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Das Räuspern ist verstummt

Bernhard Theilmann ist tot Das Räuspern ist verstummt

Bernhard Theilmann war ein ausgesprochen einzigartiges Gewächs in einer daran sicher nicht armen Dresdner Kulturlandschaft. 1978 gründete er mit anderen die Obergrabenpresse, 1990 das Dresdner Stadtmagazin SAX. Er war immer voller Geschichten. Sie müssen nun von anderen erzählt werden. Am Montag ist Bernhard Theilmann gestorben.

Einige der Mitglieder der 1978 gegründeten Obergrabenpress: Jochen Lorenz, Bernhard Theilmann und Eberhard Göschel (v.l.n.r.) im Jahr 2008.

Quelle: SZ Thomas Lehmann

Dresden.  Der vergangene Dienstag war ein warmer Tag. Es hatte einige Zeit nicht geregnet, also entschloss ich mich, nach Dölzschen zu fahren, um meinen Garten zu wässern. Wie immer, wenn ich dort in der Dämmerung bin, setze ich mich für einen Moment auf eine gebrechliche Holzbank und gucke von der Höhe in die langsam im Dunkel verschwindende Stadt. Und da trifft es mich erst richtig, obwohl ich die Nachricht schon seit dem Vormittag mit mir herumschleppe: Bernhard Theilmann ist tot.

Kennengelernt habe ich Bernhard Ende 1989, als wir uns bei der Vereinigten Linken trafen – auf der Suche nach politischen Aktionsfeldern jenseits „von Pfaffen und Anwälten dominierter“ neuer Vereine und Parteien. Dort machten Leute wie er oder Gregor Kunz, deren wilde Haare und Bärte meine bei weitem an Länge und Umfang übertrafen, schnell Eindruck mit theoretischer Schlagfertigkeit und praktischem Willen zur Aktion.

Im Februar 1990 lud mich Bernhard zu einem Treffen in seine damalige Wohnung am Schlesischen Platz ein, der damals noch Dr.-Friedrich-Wolf-Platz hieß. Es sollte um die Gründung neuer, von der Vergangenheit unbelasteter Zeitschriften gehen. Angekommen, bewunderte ich ein riesiges Bild von A.R. Penck, das dieser im Flur für Bernhard direkt auf die Tapete gemalt hatte. Was wusste ich schon über diesen Theilmann? Viel zu wenig offenbar.

Geboren 1949 in Rathen, blieb er ein Kind der Sächsischen Schweiz. Als begeisterter Kletterer war er mittendrin in der hiesigen Szene und pflegte lebenslange Bergfreundschaften, sogar mit drei Erstbesteigungen ist er in den 1960er Jahren notiert. Er schlägt sich mit verschiedenen Berufen herum, seine Berufung jedoch wird das Schreiben sein.

Mit den befreundeten Malern Ralf Winkler (A.R. Penck), Eberhard Göschel, Peter Herrmann und dem Drucker Jochen Lorenz gründete Bernhard 1978 die Obergrabenpresse in einem alten Göschel-Atelier. Dabei kam es dem Projekt nicht nur zugute, dass Lorenz eine Druckpresse von anno 1908 sein eigen nannte, sondern auch, dass der Lyriker Theilmann als gelernter Druckmaschinenbauer das Teil sowohl reparieren als auch warten konnte. Das Zusammentreffen dieser Gruppe war wie ein Urknall in der Kulturszene der Stadt, wobei das Zusammengehen von Kunst, Literatur und Druck die offiziellen wie geheimen Behörden vor ganz neue Herausforderungen stellte. Die ersten beiden genrecrashenden „grafiklyrik“-Mappen wurden noch genehmigt, die dritte, eine Penck-Mappe, jedoch nicht – gedruckt wurde sie trotzdem, wie auch andere staatliche Auflagen schlicht ignoriert wurden. Penck und Herrmann verließen wenig später die DDR, der Obergraben druckte weiter. Bis 2008.

Da gab es das Stadtmagazin SAX schon 18 Jahre. Denn die Gründung der Zeitschrift war das Ergebnis des genannten Treffens in Bernhard Theilmanns Wohnung (die er übrigens bereits 1974 mit seiner Familie besetzte). Ende März 1990 erschien bereits die erste Ausgabe – „Die Stadt kann’s brauchen“, schrieb Bernhard über das Editorial, und in Ausgabe zwei ließ sich das Gründungsquintett in verwegener Pose auf dem Dach des Hauses fotografieren, in dem die Theilmanns lebten. In den folgenden Jahren teilten wir uns die Redaktionsleitung, was mir erlaubte, in das Theilmann’sche Universum einzutauchen. Mittendrin ein Mann, der so gerade und ehrlich war, wie man es sich nur vorstellen kann. Nichts hasste er so sehr wie Lügen, Bigotterie und Falschheit. Dabei war es nicht jedermanns Sache, mit seiner Direktheit umzugehen, und so mancher Galerist wurde panisch, wenn Theilmann zum Ausstellungsbesuch kam. Auch wir beide haben uns epische Diskussionen bis hin zur Anbrüllerei geliefert – er war Free Jazz, ich war Rock. Aber wenn es vorbei war, war es vorbei. Es ging immer um die Sache, es wurde nie persönlich. Am Ende ein Bier und dazu eine Geschichte.

Und was war Bernhard für ein Geschichtenerzähler. „Pass off“, so ging das meistens los. Die Augen mit dem Schalk in der Pupille blitzten dann fröhlich auf, und er begann – gern weit ausholend –, eine seiner unfassbaren Storys zu erzählen, von denen es in seinem bewegten Leben ungezählte gab. Wichtig dabei: das typische Räuspern, fast ein Markenzeichen, vor wichtigen Sätzen. Und meist, wenn man meinte, der Höhepunkt, die Pointe wäre erreicht, hob er den Finger und sagte: „Aber es kommt noch besser.“ So konnte er ganze Gesellschaften unterhalten, wie er überhaupt einer der wunderbarsten Gastgeber war, den man sich vorstellen kann.

Dunkle Momente waren für ihn hingegen das Lesen seiner umfangreichen Stasi-Akte oder die Verluste von Jochen Lorenz und erst kürzlich A.R. Penck. Da eine Gefährtin wie seine Frau
 
 an seiner Seite zu wissen, war von unschätzbarem Wert. Wenn Bernhard wirbelte, war sie das stille Auge im Orkan, unabdingbar miteinander verbunden. Seelenverwandte, die Kinder, die Familie.

Nun sitze ich hier und schreibe das, was man einen Nachruf nennen könnte. Eine an sich unlösbare Aufgabe. Wie will man einem Leben gerecht werden? Man kann es nicht. Zu viel bleibt ungesagt, unerwähnt. Bernhard selbst wusste, wie schwer das ist; seine „Erinnerungen an Werner Schmidt“ etwa, geschrieben vor fast genau sieben Jahren, sind ein Paradebeispiel für solche Situationen, der Text gehörte in den Lehrstoff jedes Journalismusstudiums. Ich denke daran, wie ich vor wenigen Wochen das letzte Mal mit Bernhard sprach. Er hatte noch einiges vor, aber es ging ihm nicht gut. Er selbst würde sagen: beschissen. Eine hässliche Krankheit setzte ihm seit Jahren zu, Heilung war nicht in Sicht. Seine Bewegungsmöglichkeiten wurden immer eingeschränkter, sein Geist jedoch entfloh noch immer jeder Grenze.

Ich hatte die Idee, ihn mal abzuholen, mit ihm und Hanna ein paar Stunden in meiner Dölzschener Garten-Wildnis zu verbringen. Doch seine größte Sorge war, dass es zu viel Mühe machen würde, ihn von A nach B zu schaffen. Das war sein Wesen: Für andere immer da zu sein, aber selbst keinem zur Last fallen. Warum habe ich ihn nicht einfach eingesackt? Die Frage kommt zu spät. Eine Antwort mit Sinn gibt es nicht mehr. Das Räuspern ist am Montag verstummt. Der Rest ist Dankbarkeit, Bernhard Theilmann begegnet zu sein.

*Uwe Stuhrberg ist Mitgründer und Chefredakteur der SAX

Von Uwe Stuhrberg*

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