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Das Intermezzo "La Dirindina" an der Semperoper Dresden

Das Intermezzo "La Dirindina" an der Semperoper Dresden

Vormittags um elf soll es heiter werden in der Semperoper. Arne Walter hat einen mehrfach bespielbaren Treppenaufbau für die Vorderbühne entworfen.

Mit acht Damen und zwei Herren haben die Mitglieder der Capella Sagittariana darin Platz auf der linken Seite, der Dirigent Felice Venanzoni am Cembalo und für alle sichtbar der Souffleur. Genug Platz zudem in der Mitte, auf den Treppen und hoch oben darüber für das Appartement einer "Dilettantendiva", die hier ihren Gesangslehrer erwartet, sich barock aufgedonnert hat und als erstes Unglück schon mal das Unterkleid verliert. Der verliebte Gesangslehrer, selbstverständlich ein kauziger Typ, kommt zu früh, da muss noch ein Liebhaber der Diva samt Rasierschaum in den Schrank und auch der nächste, der dann auch wirklich singen darf, kommt zu früh, ebenfalls Schrankdienst!

Das so illustre wie gesangstüchtige Trio ist mit Christa Mayer divenhaft, wenn nötig ganz und gar nicht dilettantisch, mit Aaron Pegram als sturz- und stolpererfahrenen Gesangslehrer Don Carissimo, sowie Valer Barna-Sabadus als Doppelgänger des Adonis namens Liscione bestens besetzt. Nun haben in diesem flotten Dreier alle so ihre Interessen, dazu Techniken und Finten, sie auch irgendwie durchzusetzen. Der Lehrer will die Schülerin, die will den Jungen, mit ihm oder auch nicht strebt sie höhere Bühnenweihen an, wohin geht man von Dresden aus? Nach Milano, wohin sonst. Den Floh samt italienischen Traumgagen hat ihr Liscione ins Ohr gesetzt, Geber und Gabe nimmt die patente Frau als Geschenk, legt den schönen Knaben auf Sofa und packt ihn aus bis an die Gürtellinie. Der hat dann noch einen guten Rat für sie: Singen sei die eine Sache, gut auszusehen die wesentlichere - und im richtigen Augenblick auch den richtigen Blick zu werfen, sei noch wichtiger.

Noch ein paar Proben, ein paar Missverständnisse für den Lauscher hinterm Vorhang, Don Carissimo traut seinen Ohren nicht, die Diva ist schwanger und der Jüngling ein Kastrat. In der Oper geht alles. Die Diva geht nach Milano, schwanger oder nicht, was kümmern sie gelegte oder ungelegte Eier.

Ein hübscher Spaß, locker gehäkelt, musikalisch leichter Barock von der Stange, daher für die Dresdner Inszenierung etwas angereichert mit einem kleinen Vorspiel von Nicolò Jommelli und Händels wunderschöner Arie "Stille mare" aus "Tolomeo, Re d'Egitto", die Christa Mayer dann auch herzerweichend singt. Warum aber der Musicalsong "Money, Money" aus "Cabaret" von John Kander eingefügt werden musste, historisch orientiert gespielt mit schüchterner Schlagzeugunterstützung, ohne Pfiff, dazu auch schwach gesungen, unterstützt von fünf Tänzerinnen und einem Tänzer, bleibt ein Geheimnis des Regisseurs Alexander Brendel. Seine komödiantische Kompetenz hält sich in Grenzen. Komödie heißt für ihn nicht viel mehr als stürzen und stolpern, Männer in Schränken zu verstecken und ein klein wenig mit sexuellen Ambivalenzen zu spielen. Frauen haben einen Schuh-Tick. Ein bisschen mehr vom Geist und Charme der Commedia dell'arte hätte es schon sein dürfen.

Halten wir uns an den Gesang, um den geht es ja in diesem Spiel um eine Dilettantendiva. Aaron Pegram ist im Spiel zwar der Verlierer, gewinnt aber durch die Stärken seiner Stimme als Charaktertenor. Christa Mayer kann augenzwinkernd mit dem Dilettantismus spielen, um dann doch genau und sicher mit ihrer warmen Tongebung barocken Mezzo-Zauber zu verbreiten. Die Geläufigkeit des Countertenors Valer Barna-Sabadus ist verblüffend, die jugendliche Stimme mit den schönen Höhen hat eigenen Charakter und in der Direktheit seines Spiels widersetzen sich Authentizität und Natürlichkeit allem Klamauk. Christa Mayer massiert dem jungen Lover mit der schönen Stimme den schlanken Leib mit warmem Fett, gleich aus der Pfanne, und löscht ab mit San Pellgrino. Eben, das Rezept einer Diva, und sie muss ja wissen, was hilft. Dem Publikum würde es vielleicht helfen, wenn es zur farsetta per musica des Padre Giovanni Battista Martini von den südlichen Köstlichkeiten des Rezeptes im Programmheft etwas geben würde. Etwas knabbern, etwas schlürfen störte ja auch nicht mehr, beim Poltern und Stolpern auf den Dresdner Weltbrettern ging sowieso etliches unter vom zarten Spiel der Damen und Herren der Capella Sagittariana.

Boris Michael Gruhl

nächste Termine: 18. März, 1. & 8. April, 17. & 24. Juni

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.03.2012

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