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Das Heinrich Schütz Musikfest 2012 mit vielfältigen Konzerten und Erkenntnissen

Das Heinrich Schütz Musikfest 2012 mit vielfältigen Konzerten und Erkenntnissen

Das Heinrich Schütz Musikfest 2012, nicht zuletzt durch das Engagement der Landeshauptstadt um einen neuen Jahrgang bereichert, blickt in seinem Motto "Ein feste Burg" bereits voraus auf das Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Am Beginn des Festivals stand in der Frauenkirche der erste Teil eines Großprojekts des Dresdner Kammerchores, das seine Fortsetzung in Weißenfels und Gera erfuhr und einen Vorgeschmack auf den nächsten Teil der von Hans-Christoph Rademann geleiteten Schütz-Gesamteinspielung bot - die Aufführung der "Psalmen Davids".

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Die Zahl der Solisten sowie die Stärke von Chor und Orchester sind in ihrem Umfang praktisch festgelegt. Die Räume, die Schütz bei mehrchörigem Musizieren zur Verfügung hatte, waren weit kleiner und besaßen andere Grundrisse. Dem hohen Können der Solisten (Dorothee Mields, David Erler, Georg Poplutz, Stephan MacLeod), des Dresdner Kammerchores und des Dresdner Barockorchesters, ungewohnt mit frühbarockem Instrumentarium ausgestattet, war es zu danken, dass der musikalische Zusammenhalt bestens war. Dennoch gab es klangliche Einbußen, denn je nach Sitzplatz ergaben sich die Verhältnisse zwischen den Stimmen. In der am Detail orientierten Sichtweise, in der Hans-Christoph Rademann den Zyklus ausdeutete, musste man sich dies "zurechthören". Rademann löst sich vehement von aller Überlieferung, die zur Tradition sächsischer Kirchenmusikpraxis gehört, und beleuchtet Musik und Text höchst individuell. In minimalen, genauestens kalkulierten dynamische Bewegungen untersucht er die Worte der Psalmen, lässt einzelne wie Lichter aufleuchten. Der große innere Zusammenhang, in dem sich die geistliche Kraft entfalten sollte, wird dabei weniger erfahrbar.

Einbezogen in das Schütz Musikfest war die Kreuzchorvesper, was für die Werkwahl, nicht zuletzt mit Blick auf das bevorstehende Reformationsfest, musikalische und historische Bezüge erwarten ließ. Doch keinen klingenden Verweis auf die mehrere Jahrhunderte währende Bedeutung des Chores gab es, weder etwas von Schütz noch von einem anderen alten Meister sang der Dresdner Kreuzchor unter Leitung von Kreuzkantor Roderich Kreile. Mendelssohn, Brahms und umfängliche, spätromantische Motetten von Albert Becker (1834-1899) und Heinrich Kaminski (1886-1946) zeigten zwar Traditionen beim Text, bewirkten aber in ihrer geballten Schwerblütigkeit nicht gerade, was man von einer solchen Vesper erwartet: Dass man frohen, ermunterten Sinnes aus der Kirche kommt.

Wer sich direkt zur Loschwitzer Kirche aufmachte, durfte an einem langen Abend miterleben, wie alte und neue Musik, wie Tradition und Avantgarde zueinander finden können. Dass es da nicht nur um Schönheit, um Wohlklang gehen würde, sollte niemanden verwundern. Doch der Mut zum (musikalischen) Risiko, den dieses Fest für eigentlich "Alte Musik" damit bewies, war bemerkenswert. Belohnt wurde das Publikum mit zwei interessanten und spannenden Programmen. Das Sächsische Vocalensemble unter Leitung von Matthias Jung verband in seinem Konzert "Da pacem, Domine" Motetten von Heinrich Schütz mit Kompositionen von Reiko Füting (geb. 1970) nach Texten von Kathleen Furthmann. Fütings "als ein licht / extensio" (2011) und das uraufgeführte "in allem Frieden" antworteten auf die Motetten von Schütz und waren auch intensiv damit verflochten. Die Texte verarbeitete Füting quasi mehrspurig, ließ Fragmente der Schütz-Motetten einfließen, expressive Klangflächen, Sprache und Geräusche korrespondierten mit Schlagwerk (Ulrich Grafe, Matthias Schleyer, Tino Becher, Johannes Graner) und Gambenkonsort (Katharina Holzhey, Claudia Wahlbuhl, Gabriele Bäz, Diethard Krause, Felix Görg; Dietlind Baumgarten, Orgel). Das Spannungsfeld aus alt und neu setzte sich auch in den Kompositionen von Schütz durch, die ehrlich und kraftvoll dargeboten waren.

In die Gegenwart

Eine Idee des Jenaer Hofbeamten Burckhard Großman aus dem Jahr 1616 trug am sehr späten Sonnabend das Calmus Ensemble (Anja Pöche, Sebastian Krause, Tobias Pöche, Ludwig Böhme, Joe Roessler) mit dem Programm "Mythos 116" in die Gegenwart. Großman hatte nach einer überstandenen Krankheit an 16 Komponisten den Auftrag gegeben, jenen 116. Psalm zu vertonen, der ihm Kraft gab. Drei Motetten aus der Sammlung von Schütz, Schein und Nicolaus Erich, dazu die gregorianische Vertonung erfasste das a-cappella-Quintett in genauer musikalischer Dramaturgie und sang klar, sicher intonierend und mit starker Emotionalität. Die beiden im Jahr 2010 entstandenen Stücke "convertere anima mea in requiem tuam" von Steffen Schleiermacher (geb. 1960) und "And why?" von Bernd Franke (geb. 1959) waren dank der hierin weitergeführten expressiven Interpretation kein Zusatz, sondern konsequente Fortsetzung der Idee, die Bibeltexte musikalisch emotional aufzuladen.

Eine schöne Tradition beim Schütz Musikfest ist das Konzert der Schüler des Heinrich Schütz Konservatoriums, das in diesem Jahr erstmals im Konzertsaal der Musikhochschule zu hören war. Wichtig ist die Kontinuität, in der sich die Klassen mit Alter Musik beschäftigen, denn dadurch werden die Schüler mit musikalischen Ursprüngen vertraut, deren Kenntnis unabdingbar ist. Unter Leitung von Gabriele Bäz spielte die Klasse für Viola da gamba Musik von Hammerschmidt und Gibbons, ebenso frisch und lebhaft klang es beim Blechbläsersextett (Klasse Andreas Roth) mit Groh und Schein. Italienische und englische Musik des Frühbarock hatte Franziska Graefe mit einer Besetzung für Blockflöte, Violinen und Continuo auf vergnügliche Art erarbeitet. Schließlich fanden sich die Instrumentalisten mit dem Knabenchor Dresden unter Leitung von Matthias Jung bei zwei Motetten von Johann Walter und Heinrich Schütz zusammen.

Um die Kirchenmusik von Schütz und seinen Kollegen in ihrer eigentlichen Bestimmung wirken zu lassen, hatte das Ensemble "Musical Playground" (Hanna Thyssen, Manja Stephan, Sopran; Olaf Tetampel, Bass u. Viola da gamba; Martina Bley, Blockflöten; Paul Bialek, Violine; Susanne Peuker, Chitarrone; Detlef Bratschke, Altus u. Orgel) "Eine lutherische Messe" zusammengestellt. Vor Nossenis Altar in der Loschwitzer Kirche entstand so ganz aus Musik die andächtige und zugleich erhebende Atmosphäre, die ein Gottesdienst des 17. Jahrhunderts dank seiner reichen musikalischen Gestaltung gehabt haben muss. Programm und Darbietung waren in sich schlüssig, die Freude der Musiker an zahllosen Farben, die sich in immer neuen Instrumentierungen finden ließen, machte das eigentlich ernste Thema zum Hörvergnügen. Ein verblüffender Effekt am Rand war, dass einem bewusst wurde, wie selbstverständlich es ist, bei 400 Jahre alter evangelischer Kirchenmusik den Text ebenso wie die im Stil der Epoche gesungene Lesung aus dem Evangelium zu verstehen. Die sprachliche Kluft zwischen Geistlichen und Gemeinde hat die Reformation vor bald 500 geschlossen. Die katholische Kirche feierte die Lösung dieses Problems jüngst mit dem 50. Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.10.2012

Hartmut Schütz

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