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Das Ensemble Enfant Terrible zeigt die "Misere Europa" im Theaterhaus Rudi

Das Ensemble Enfant Terrible zeigt die "Misere Europa" im Theaterhaus Rudi

Das Thema Asyl ist momentan allgegenwärtig. Dieses "Thema" wird in die Presse und an Stammtischen heiß diskutiert, gibt Anlass für Demos und Streitgespräche - doch stehen die Menschen, die es am meisten betrifft, dabei eigentlich kaum im Zentrum des Interesses.

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Starke Figuren, aber auch kaum Fragen nach Kausalitäten: Szene aus "Misere Europa".

Quelle: Beate Schmidt

Dresden. Ein Theaterstück des Ensembles Enfant Terrible rückt genau diese Menschen, vor Krieg und Elend Geflüchtete, am Theaterhaus Rudi nun ins Rampenlicht. "Misere Europa" erzählt aus der Perspektive von sechs Flüchtlingen - vier Frauen, zwei Männer - von unerfüllten Sehnsüchten in der Endstation Sammelunterkunft, irgendwo in Europa.

Für Buch und Regie zeichnet Andrea Rump verantwortlich, die in ihren Text Goethe- ("Faust") und Shakespeare- ("Ein Sommernachtstraum") Zitate sowie Lieder aus Schuberts "Winterreise" einflicht. Das Ensemble aus Migranten und deutschen Spielern zeigt berührend die Situation der Flüchtlinge zwischen Tod und Leben, zwischen Abschied und Ankommen. Sie sind vertrieben aus der Heimat, willig zur Integration und doch im Wartezustand dem Exil anheim gegeben, dazu noch argwöhnisch betrachtet vom gelobten Land Europa und seinen Wohlstandsbürgern: Vera Jane Schwenk spielt das personifizierte Europa in verschiedenen Gewändern, als Hure, Justitia, Büroaktenfrau, stets bissig und kaltherzig, teils auch richtig böse. Maximilian Westphal ist der heimgekehrte Bundeswehrkrieger, der sich sogleich fies vergewaltigend über ein verträumtes Flüchtlingsmädchen (Janet Kyeyune) hermacht. Denise Marx, Christiane Zeidler, Emiliano Chaimite und Hussein Jinah beobachten und kommentieren das Spiel als "Chor" meist verängstigt unter einer Plastikplane kauernd.

So betrachten die Flüchtlinge hinter dem imaginären Zaun die verstörenden Revierkämpfe derer, die wiederum ganz andere Ängste plagen: Denn das gelobte Land Europa fühlt sich angesichts der Flut von Menschen, die jetzt mitten in den westlichen Wohlstand hineinströmt, ebenfalls unsicher. Es reagiert mit Gesetzen, um die Ordnung zu erhalten - und lässt die Träume der Gestrandeten wie Seifenblasen zerplatzen. Es ist herzlos, dieses Europa. Und die Stärke des Stückes liegt darin, dies zu betonen, indem jene Schicksale ein Gesicht bekommen, die das oft pragmatisch behandelte "Thema" Asyl verbindet. So entstehen in den 75 Theaterminuten viele intensive, fast intime und bedrückende Szenen, deren humanistische Botschaft klar auf der Hand liegt. Das Stück könnte wohl genauso gut "Misere Mensch" heißen, vielleicht auch "Misere Deutschland" oder gar "Misere Sachsen".

Denn der genaue Ort, an dem sich die Gestrandeten befinden, spielt keine Rolle. Nur insofern, als dass gerade in Dresden und Sachsen manche Reaktion besorgter Bürger zuletzt wohl besonders nachdenklich, ja traurig stimmte, was sicher umso stärker zu so einem Stück motivierte. Genau da liegt jedoch auch die Schwäche der Aufführung: Sie geht über die bloße Allegorie nach dem Motto "Politik versus Menschlichkeit" nicht hinaus und betrachtet die "Misere Europa" insofern einseitig, als dass sie nur eine kleine, wenn auch wichtige, Perspektive auf eines der komplexesten Probleme des 21. Jahrhunderts beleuchtet. Das Stück fordert auf der einen Seite bedingungslose Menschlichkeit, zeigt auf der anderen jedoch eine schwarz-weiße Welt aus Gut und Böse - und vergisst dabei, nach Kausalitäten und übergeordneten Zusammenhängen zu fragen.

Es dürfte (und sollte!) heute jedem klar sein, dass die Würde des Menschen unantastbar sein muss. Die eigentliche Frage wäre daher, wie es im Land der Dichter und Denker, im Herzen von Europa, überhaupt so weit kommen konnte, dass die Würde Schutzbedürftiger plötzlich dennoch antastbar wird. Tatsächlich setzt die Misere Europas ja nicht erst dort an, wo die Hoffnungen von Fremden auf Ablehnung und Skepsis stoßen - auch, wenn das freilich die traurige Spitze des Eisbergs ist -, sondern noch bevor sich die ersten Flüchtlinge überhaupt in Bewegung setzten. Die Humanität ist uns nicht erst in Zeltlagern abhanden gekommen, sondern schon bevor diese überhaupt notwendig wurden. Den Blick auf dieses ambivalente Europa jedoch bleibt das Stück schuldig - und ist somit nur eine weitere Reaktion auf aktuelle Diskussionen sowie Ausdruck eines unguten Gefühls angesichts des jetzt offensichtlich zu Tage tretenden Mangels an Menschlichkeit. Sehenswert ist es dennoch.

"Misere Europa" am Theaterhaus Rudi, weitere Aufführungen sind noch nicht terminiert

www.theaterhaus-rudi.de

Nicole Czerwinka

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