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Regional Das 29. Dresdner Kurzfilmfest hat bei der Preisverleihung auch überraschende Reiter vergüldet
Nachrichten Kultur Regional Das 29. Dresdner Kurzfilmfest hat bei der Preisverleihung auch überraschende Reiter vergüldet
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20:00 09.04.2017
„Prima Noapte“ („First Night”) von Andrei Tănase (Deutschland / Rumänien, 2016) erhielt den Filmförderpreis (20 000 Euro) der sächsischen Kunstministerin Quelle: Filmfest Dresden
Dresden

Was zählt, ist der Erfolg. Am besten messbar durch puren Wettstreit. So sind 66 000 Euro Preisgeld, verteilt auf 13 Ehrungen, von denen es bei neun einen Goldener Reiter dazu gibt, ein hartes Argument auch für die 29. Edition des Dresdner Kurzfilmfestes, für das 63 Animations- und Kurzspielfilme aus 25 Ländern auserwählt wurden. Als Festival mit internationalen Wettkampfcharakter fungiert dieses seit 1992, erst sechs Jahrgänge später kam der nationale Wettbewerb hinzu.

Schon immer waren die Rahmenprogramme üppig. So kann, wer will, in den ersten fünf Festivaltagen auch alle 44 Wettbewerbstermine versäumen und dennoch die gesamte Zeit sinnreich verbringen. Auch weil die zweite Hälfte des Abschlusssonntages traditionell dazu dient, alle Preisträger – gestreckt über drei Rollen – kompakt bewundern zu können. Vermutlich werden das wenige derer tun, die am Sonnabend der Preisverleihung im Kleinen Haus beiwohnten, weil diese schon die ganze Woche durch die Säle strömten. Die großen Gewinner bei insgesamt neun Goldenen Reitern und vier Extrapreisen kommen diesmal aus Polen, Thailand und Rumänien.

An einer kam man auch schon vor der Preisverleihung kaum vorbei. Denn „Cipka“ (in Englisch offiziell mit „Pussy“ übersetzt und vor allem bei den Gebärdendolmetscherinnen sehr beliebt), eine kurze, blumige Animation von Renata Gąsiorowska aus Breslau, lief sowohl in der Sneak-Preview als auch zur Eröffnung. Dazu später viermal im Internationalen Wettbewerb. Erzählt wird die Episode einer jungen Frau mit lustiger Schweinchennase, die sich mitten am Tag – beobachtet vom Spanner gegenüber – einen gepflegten Orgasmus gönnen mag. Plötzlich haut aber ihre Muschi ab, huscht durch die Wohnung und emanizipiert sich rasch von der Besitzerin. Auch wenn das Ganze in einem farbig wie musikalisch rauschhaften Orgasmus mündet, kommt es stilistisch wie inhaltlich eher trivial daher.

Aber die Jury hatte „großen Spaß, dieser einträchtigen Verbindung einer Frau mit ihrem Körper zu folgen“. So gab es dafür den Goldenen Reiter in Sachen internationaler Animation. Und ARTE kaufte den Film sofort per Kurzfilmpreis zur Ausstrahlung – macht in Summe 13 500 Euro, wobei Preisgeld angesichts von Aufwand, vor allem in Form der Produktionszeiten und -kosten generell keine Refinanzierung darstellen kann. Dazu gab es noch eine lobende Erwähnung der Sound-Design-Jury.

Von ganz anderer Wirkung war hingegen der internationale Kurzspielfilm-Reiter, ebenso 7500 Euro schwer: „Painting with History in a Room Filled with People with Funny Names 3“ – eine 25-Minuten-Ode aus Thailand an verrückte, bunte Jugendkulturen in Zeiten der erwachsenen Entartung: ein wilder Mix aus Musik- und Tanzvideo, Natur- und Sozialdoku mit spirituellen Einschüben und Drohnen als Objekt wie Sujet, der sowohl als Touristenlockstoff als auch als Bewerbungsfilm taugt und bei dem drei Sehversuche nicht reichen, den Inhalt einigermaßen hinreichend zu entschlüsseln. „Die Jury ist beeindruckt von der freien und chaotischen Kraft dieses totalen Kunstwerks, das wir dem ‚expanded cinema’ zuschreiben.” So las es Ex-Biedenkopf-Sprecher Michael Sagurna vor, der heute als Präsident des Medienrates der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk den Preis stiftet, aber nicht an den abwesenden Korakrit Arunanondchai übergeben konnte.

Authentizität als fiktionale Währung

Ebenso nicht anwesend, aber per sehr ernster Videobotschaft präsent: Der Brite Daniel Mulloy, der mit „Home” den internationalen Publikumspreis gewann. Dabei erlebt ein Insulaner fast den wahren Exit, weil er mit blonder Frau und zwei Töchtern im Kofferraum den Test der entgegengesetzten Flucht macht und – offenbar für ihn ganz überraschend – mitten im Krieg landet. Der Preis für den Wahnwitztest: pure Todesangst.

Auch der nationale Gegenpart ist kein Kunstfilm, sondern eine sehr spröde, aber herzliche Erzählung von „Gabi“, einer angespannten, unschlanken Fliesenlegerin in einer nordostdeutschen Platte. Es klappt nicht viel in deren Leben, vor allem im Rücken und auf der mentalen Ebene zwickt es. Per Rollenspiel mit ihrem Lehrling, der endlich mit seiner Flamme Schluss machen will, findet sie ein wenig Spaß am Leben und erdet ihre eigene Beziehung neu.

Das dritte Publikumsvoting gab es am Freitagabend bei der so genannten Mitteldeutschen Mediennacht. Dabei gewann mit Erik Lemke ein Lokalmatador, der, seit er 15 ist, kein Filmfest versäumt: Fan, Mitarbeiter und nun Preisträger. Seine Doku „Mich vermisst keiner“ erzählt die Geschichte einer beinamputierten Frau und ihren traurigen Alltag, bei dem alle „Kumpels” früh verlustig gingen und Lemke offenbar der einzige verbliebene Verwandte ist, der ihr nun eine Art Denkmal setzt.

Allen drei Publikumsfavoriten eigen – und daher überrascht der Erfolg durchaus – ist eine lineare, nahezu überraschungsfreie Erzählweise, in der Optimismus nur ganz sanft in der Tiefe der Figuren ruht. Während den klassischen Medien in ihrem Geschwindigkeitswahn das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit rasant flöten gehen, erscheint – quasi als Gegentrend – im Fiktionalen paradoxerweise Authentizität als neue Währung für Erfolg zu gelten.

Das zeigt sich auch beim nationalen Kurzfilmpreisträger „Ela – Szkice na Pożegnanie“ von Oliver Adam Kusio und ebenso beim begehrtesten Triumph: den mit 20 000 Euro dotierten Filmförderpreis der sächsischen Kunstministerin. Dabei geht es in rumänischer Weise um die schwierige „Prima Noapte“, also die erste Nacht von Jungfer Alex, der vom Papa zum 16. eine junge, wirklich sehr nette und beflissene Nutte geschenkt bekommt. Filmemacher Andrei Tănase startete als einer von elf Filmen mit nichtdeutschen Dialogen im Nationalen Wettbewerb und zeigte laut Jury bei der versuchten Vergewaltigung „einfühlsam die Zerbrechlichkeit der männlichen Identität“. Aha.

www.filmfest-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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