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"Dantons Tod" am Dresdner Staatsschauspiel wirkt routiniert gespielt, lässt aber seltsam unberührt

"Dantons Tod" am Dresdner Staatsschauspiel wirkt routiniert gespielt, lässt aber seltsam unberührt

Ob man nun Amphitheater, Showtreppe oder Pathologie-Hörsaal sehen will - der Einstieg in diesen Dresdner "Danton" sitzt dank des Bühnenbildes von Sabine Kohlstedt erst einmal.

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André Kaczmarczyk (l.) als Georg Danton und Matthias Reichwald als Robespierre.

Quelle: Matthias Horn

Als der Held sogleich feixend den Weißkitteln vom Tisch entgegenspringt, ahnt man: Aha, die Revolution, und nicht nur die französische, auf dem Seziertisch, aber bitte nicht so todernst und verbissen! Im ersten Teil des von Georg Büchner aus tiefer Enttäuschung über die scheinbare Unveränderbarkeit der Welt geschriebenen Dramas geht dieser Ansatz noch einigermaßen stimmig auf. Aus den textlastigen Reflexionen des genialen, früh verstorbenen Vormärz-Dichters macht Regisseurin Friederike Heller ein verallgemeinerbares Revolutionstheater. Der Seziertisch wandelt sich zum Bufet, an und auf dem die Salonrevolutionäre schmausen und die Damen genießen. Man schmückt sich mit revolutionsroten Bändern und Rüschen, während aus den Lautsprechern das Rasseln der Guillotine auch ins Gemüt der Zuschauer schneidet. Zumindest bei der elitären Revolutionärskaste setzten Umstürze schließlich immer auch hedonistische Selbstbefreiungsorgien in Gang.

Das auf sieben Akteure geschrumpfte Personarium im Mittelklasse-Outfit debattiert zugleich sophistisch über die Rolle des gewöhnlichen Volkes und über das abstrakte Gesetz, dem es sich zu unterwerfen hätte, so es nicht selber das Gesetz verkörpert. In der Auseinandersetzung zwischen den "Indulgenten", den Nachgiebigen, und den Jakobinern hat diese Inszenierung ihre szenischen Höhepunkte. Pegida lässt mit "Wir sind das Volk"-Rufen grüßen. "Wir wollen, dass kein Gesetz sei", rufen sie, es war alles schon einmal da. Die Berufsrevolutionäre könnten auf einmal "die da oben" sein, die doch im Namen des Volkes zu sprechen behaupten. Doch "das Volk hasst die Genießenden", wie es später im Stück heißt. Robbespierre löst den Widerspruch mit seinen Theoremen über eine abstrakte staatliche Tugend auf, in deren Namen selbstverständlich gemordet werden darf.

Das fesselt in dem Dreistundenstück doch einigermaßen, wird mit Hilfe der Showtreppe in den großen Bühnenraum übersetzt, auch wenn zu den Exkursen viel herumgestanden und zugehört wird. Dann aber bricht die Eigendynamik des Umsturzes in ihrer ganzen Brutalität auch in diese Kaste ein. Danton, zunächst selber einer der Väter des Terreur, sieht "keinen Grund, der uns länger zum Töten zwänge". Lieber ließe er sich selber guillotinieren als so fortzufahren, und so ist es 1794 auch gekommen, obschon er sich für unangreifbar und unverzichtbar hielt. Zugleich befällt ihn ein Weltekel, zieht er sich auf seine innere Überlegenheit zurück.

Spätestens nach der Pause wächst damit aber auch die innere Distanz zum Bühnengeschehen. Als traue man einem wenig belastbaren Publikum ernsthafte Diskurse nicht mehr zu, verlegt Friederike Heller den Nietzsche vorwegnehmenden langen Beweis der Nichtexistenz Gottes ins Kitschig-Kosmische. Thomas Eisen als Payne hat hier einen hübschen Auftritt im Karnevalskostüm eines Demiurgen vor Sternenhimmel und inmitten leuchtender Sternenbälle. Die Arena ist gespalten, das Revolutionstribunal richtet sich gegen seinen Mitbegründer und weitere 13 Angeklagte. Je ernster es für Danton wird, desto mehr erinnert das Theater an die fünf Sterbephasen nach Kübler-Ross, selbstverständlich mit Cabaret-Einlagen nett gebrochen. Man will ja auch ein bisschen Spaß haben am Samstagabend. Spiel mir das Lied vom Tod.

Ob solcher Moden bleibt ein gespaltener Eindruck. Zu diesen zählt auch der verbreitete Trend, im mangelnden Vertrauen auf die Kraft von Wort und Gestus das Sprechtheater mit Liedern aufzuziegeln. Bei Peter Thiessen und Sebastian Vogel sind diese von mäßiger Eindringlichkeit, während die Klangillustrationen aus der Schlagwerk- und Elektronikecke durchaus bereichern können. Die Regisseurin bekennt sich im Programmheft-Interview ausdrücklich zu ihrer Prägung durch die Achtundsechziger. Und doch entsteht bei ihr wie bei vergleichbaren anderen Versuchen der Eindruck, als könne diese Bühnengeneration mit Revolutionsstoffen generell nicht mehr viel anfangen. Man sieht im Dresdner Schauspielhaus ein gut gespieltes Revolutionstheater, aber man kommt nie dem roten Bereich nahe, bei dem die Grenzen zu einem Nicht-mehr-nur-Spiel fließen. Es geht nicht wirklich um etwas.

Die Spieler agieren professionell, aber sind kaum Erscheinungen, die aus sich heraus als starke Persönlichkeiten wirken. Vielleicht ist André Kaczmarcyk als Danton ein viel zu smarter Jüngling, als dass er dem eher wuchtigen und durch eine Kindheitsverletzung gezeichneten Vorbild ähneln könnte. Über den sinnenfrohen Genießer hinaus sucht man in ihm auch den vom Leben zunehmend gelangweilten Zyniker vergebens. In seiner Apologie bleibt ihm nur noch das Schreien statt überlegener Souveränität gegenüber seinen Henkern. In Matthias Reichwald begegnet uns ein ganz anderer Robbespierre als überliefert. Weniger ein Blutmessias als ein Philosoph der totalitären Ideenherrschaft, weniger der selber blutleere besessene Asket als ein sanftmütiger Zweifler. Wenn er in seinem an einen Strampelanzug erinnernden Einteiler Klavier spielt, kann man ihn einfach nicht für gefährlich halten. So wenig wie Thomas Schumacher als Richter Herman, der einst ein Freisler-Typ gewesen sein muss.

Die vielleicht glaubwürdigste, weil von schlichter ehrlicher Überzeugung geprägte Rolle gibt Thomas Braungardt als Dantons Freund Desmoulins. Ähnliches gilt für Yohanna Schwertfeger als Dantons Frau Julie, die ungekünstelt menschlich-warme Momente gestaltet. Saint-Just soll zwar ein Schönling gewesen sein, es leuchtet dennoch nicht ganz ein, warum er weiblich besetzt wurde. Zumal Cathleen Baumann diesen Eiferer nicht in ein adäquates weibliches Modell transportieren kann, Typ Terroristin etwa oder auch nur hysterisches Weib. Einige Doppelbesetzungen der Nebenrollen erschließen sich zudem weniger geschichtskundigen Zuschauer kaum.

Es fällt schwer, diesen Akzentuierungen und besonders den Lockerungsübungen zwischendurch eine neue Sichtweise auf den Stoff wie auf kinderfressende Revolutionen allgemein abzugewinnen. Zumindest der Rahmen stimmt dann wieder. Aus dem frivolen Gelage zu Beginn wird ein ordinäres Henkersmahl. Das anfangs präparierte Geflügel ist mittlerweile in der Theaterkantine ruchbar durchgegart worden. "Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott", verkündet der Nihilist und Atheist Danton. Ein bisschen klang es wie das Programm dieser ganzen Inszenierung.

nächste Aufführungen: 6. und 31.5.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.05.2015

Michael Bartsch

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