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Regional Collagen von Gudrun Brückel im Kunsthaus Raskolnikow
Nachrichten Kultur Regional Collagen von Gudrun Brückel im Kunsthaus Raskolnikow
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17:42 01.08.2017
Die Grundlage dieser Collage stammt aus einem Biologiebuch, das in einer Feuerschale auf Island verbrannt wurde. Die Künstlerin Gudrun Brückel spielt in d(x)i (2014) mit mathematischen Zeichen in malerischer Form. Quelle: Gudrun Brückel

Eis und Feuer sind die gegensätzlichen Wahrzeichen von Island, der kargen Insel im Atlantik, wo die Dresdner Künstlerin Gudrun Brückel 2015 auf der Jagd nach dem künstlerischen Impuls unterwegs war. Neben fotografischen Entdeckungen, die in den vergangenen zwei Jahren im Nachhinein im heimischen Atelier zu eindrucksvollen Landschaftscollagen verarbeitet wurden, erschließt die Künstlerin die Insel in Skagaströnd (im isländischen Norden) nun auch aus der Nähe mit dem Blick auf das Meeresufer, ihre Tierwelt und ihre geologischen Bedingungen. Wie eine „Wunderkammer“ oder ein „pseudowissenschaftliches Kabinett“ bilden eine Vitrine mit Fundstücken und zwei Situationsfotos das Zentrum einer Ausstellung unter dem Titel „Finderglück“, die jetzt im Kunsthaus Raskolnikow zu sehen ist.

Die Fotos zeigen eine Feuerschale am Meeresufer, in die benachbarte Künstler während einer Sonnenwendfeier Reste von internationalen (japanische, isländische, spanische) Zeitungen, Zeitschriften und ein ausgedientes, spanisches Biologiebuch ins Feuer geworfen hatten um sich aufzuwärmen. Nach langer Zeit unter Schnee und Eis begraben und nun auftauend, konnte Gudrun Brückel wie durch ein „Eisauge“ sehen. Hier begann ein Prozess, ausgehend von einem starken Impuls, der für diese Ausstellung richtungsweisend war.

Gudrun Brückel: Aus der Serie Metazoos 2017, Blatt 7 Quelle: Gudrun Brückel

Einige Tage später, beim erneuten Betrachten der Schale, entdeckte die Künstlerin vom Feuer versengte Seiten und Papierfetzen, die sich ideal für eine künstlerische Präparierung eigneten und gewissermaßen zum Wahrzeichen für das Gastland (“Eisarchiv/Collage auf Aquarellpapier, 2015, Blatt 1-9) mit seinem Eis und den Vulkanen wurden. Die Vitrine enthält neben einer Fotografie vom Meeresufer mit der Feuerschale auch schön geformte, von der Brandung bearbeitete Knochen, die kleinen Statuetten ähneln, getrocknete Algen, einen Unterkiefer von einem Raubfisch, Lavabrocken, einen Vogelschnabel und Künstlerbücher, die ihre Arbeit als Entdeckerin, Fotografin, Objektkünstlerin und Collagistin stellvertretend veranschaulichen sollen.

In der Serie „Metazoos“ (1-9 Collage&Tinte auf Aquarellpapier 2017) spielt sie mit zoomorphen Formen, Zellhaufen, Schwämmen, Würmern und Wasserschläuchen aus ihrem Fragilarium, die in ihrem zarten Kolorismus etwas von der strengen Farbigkeit der Gesamtausstellung abweichen. In „d(x)i“ (2015) spielt sie mit mathematischen Zeichen, die sie in eine malerische Form integriert. Das Material für die Collagen stammt aus jenem besagten Biologiebuch mit Abbildungen von Insekten und Libellen (“Paleopteros“, 2015), dessen Teile sie aus der Feuerschale gefischt hatte.

Einen weiteren Höhepunkt bilden die Serien mit imaginären Landschaften, allesamt Unikat-Collagen aus bedrucktem transluzenten Seidenpapier auf Aquarellpapier. Die Motive stammen aus ihren vor Ort geschaffenen Künstlerbüchern. Boote, Schiffe, Häuser und Berge bilden das bildliche Reservoir dieser Panoramen, die immer wieder neu geordnet und anders zusammengesetzt sind. Der Titel einer Serie „Landschaft durchstreifen“ assoziiert auch die streifenförmigen Seidenpapiere, die Brückel übereinander geklebt hat. Die Farben Schwarz und Grün dominieren in nuancierten Valeurs zusammen mit seltsamen Aufhellungen durch eine großen Quarzstein in den Collagen „Landschaft mit Leuchtstein I-VI“, alle 2017). Man spürt, dass die Künstlerin vom Charme der Landschaft gefesselt war und lustvoll mit ihren Formen spielt. Häuserkubus und Gebirge, Steinstrand und Fischerboote sind zu einer dunkel und geheimnisvoll hervorscheinenden Pseudolandschaft verwoben, die vielfach geschichtet und verdichtet ist. Es mag sich beim Betrachter Fernweh einstellen, den Spuren der Künstlerin zu folgen.

Gudrun Brückel: „Transformation Quelle: Gudrun Brückel

Eigentlich aber sind es Reisen nach innen, in einen fernen Weltenraum der Phantasie, den es so aktuell und real nicht gibt. Gudrun Brückel erschafft fiktive und virtuelle Räume, die analoge und digitale Momente der Fotografie nach der Wirklichkeit enthalten mögen, aber erst durch ihre Neuordnung zu Kunst werden. Damit stößt sie zum Wesen des seltsamen Eilandes vor.

Ihre von Feuer gezackten Fundpapiere machen die Vulkanlandschaft und die zerklüftete Küstenlinie wie eine Landkarte nachvollziehbar. Für den, der zu Hause bleibt, eröffnet sich hier eine Möglichkeit für eine fiktive, phantasievolle Reise in die Ferne oder bietet die Ausstellung eine Anregung, sich demnächst selbst vor Ort ein Bild zu machen.

Bis 19. August. Kunsthaus Raskolnikow e.V. Böhmische Straße 34. Kontakt: 0351/ 804 57 08; geöffnet: Mi-Fr 15-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr. Büro: Di-Do 10-15 Uhr.

www.galerie-raskolnikow.de

Von Heinz Weißflog

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