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Collagen, Assemblagen und Fotografien von Gisela Kaiser in Dresden

„im lauf der zeit – over time“ Collagen, Assemblagen und Fotografien von Gisela Kaiser in Dresden

In ihren Collagen arbeitet Gisela Kaiser mit einer Vielzahl an Papieren, Zeitungen und anderen Druck-Erzeugnissen, Negativen und Fotografien aus unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen, die sie, in geometrische Formen zerschnitten, einfärbt, übermalt, überdruckt oder überklebt.

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Gisela Kaiser: Die Ahnin, 2007, Collage.

Quelle: Kerstin Quandt

Dresden. Der konkrete, auf den ersten Blick unbedeutend erscheinende Gegenstand ist wichtig, um daran das Allgemeine zu erkennen und doch das Besondere nicht aus den Augen zu verlieren, befand Goethe. Diese Sensibilität für den einzelnen Gegenstand, für die Spezifik von Dingen und ihre Bedeutungen bildet die Basis der Arbeit der in Dresden tätigen Künstlerin Gisela Kaiser. Derzeit ist in der Galerie Drei eine Auswahl ihrer seit den späten 1990er-Jahren entstandenen Collagen, Assemblagen und Fotografien zu sehen. Es sind Inszenierungen von Dingen, doch weniger von Dinglichkeit selbst als von ihren Assoziationen, Aufladungen und ihrer Geschichte.

Die Erinnerung vermag Vergangenes wieder hervorzuholen, wobei wir unbewusst stets selektieren, interpretieren und konstruieren. In diesem Prozess spielen Dinge eine wichtige Rolle – seien es historische beziehungsweise persönlich bedeutsame Objekte aus der Vergangenheit oder auch Kunstwerke, die ja eine Form der Erinnerungsschreibung sind.

In ihren Collagen arbeitet Gisela Kaiser mit einer Vielzahl an Papieren, Zeitungen und anderen Druck-Erzeugnissen, Negativen und Fotografien aus unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen, die sie, in geometrische Formen zerschnitten, einfärbt, übermalt, überdruckt oder überklebt. Sie werden zu ungegenständlich-gegenständlichen Bildgefügen arrangiert und geschichtet, wie Bild gewordene Abstraktionen von Erinnerung. Sie gemahnen an persönliche Erlebnisse, Menschen, auf Reisen gesehene Architekturen, Farben und Formen. Immer wieder tauchen Schriftfragmente auf, die als Symbole und grafische Strukturen eingesetzt sind.

Die Objekte bestehen aus Alltagsgegenständen wie Holz- und Metallteilen, Gefundenem wie Horn, Schmuck, Spielzeug und Kitsch, sowie LED-Elementen, und sind wiederum durch Überklebungen verfremdet. Auf diese Weise entstehen fantasievolle Gebilde wie das schlangenartige „Fitting-Objekt für Walter Herrmann“, als verspielte Reminiszenz an die Firma Herrmann und Söhne, und die surreal anmutende Assemblage „Für Mimmo Paladino“, eine Hommage an den gleichnamigen italienischen Objektkünstler.

Die Werkbestandteile sind Dinge der uns umgebenden Welt. Durch die Herauslösung aus ihrem Entstehungszusammenhang, Überschreibung und Montage in einen neuen Kontext aber gewinnen sie weitere Bedeutungsebenen hinzu. Einerseits werden dadurch ihre geometrische Grundform, Farbigkeit und Stofflichkeit freigelegt und umgedeutet. Andererseits tragen sie durch die direkte Herkunft aus der dinglichen Welt deren Konnotationen in das Werk hinein. Sie sind wie Spuren der realen Welt im Kosmos von Bild oder Objekt. Kaisers Fotoarbeiten erinnern zuweilen an Stillleben. Auch diese versammeln regungslose, häufig aus ihrem ursprünglichen Umfeld gelöste und nach ästhetischen Gesichtspunkten neu angeordnete Dinge, die oft verschlüsselte Botschaften transportieren. In der Blüte der Gattung im 17. Jahrhundert entsprangen sie dem Bedürfnis, eine empirische Bestandsaufnahme der Welt zu liefern, indem sie die spezifische Oberfläche der Dinge ins Bild bannten. Sie sind als sinnlich-analytische Weltaneignungen zu verstehen, in einer Zeit, da man sich zunehmend darüber im Klaren war, dass wir nicht alles sehen können und dass das Sehen der Dinge und ihre Bedeutung mindestens zweierlei sind.

Diese Spannung vermitteln auch Kaisers Arbeiten. Ihre „Kabinettfotos in Glaskästen I – VI“ stellen Verfremdungen von historischen Porträtfotografien dar, die die Künstlerin teilweise übermalt und überklebt, wobei Antlitz und Haltung der abgebildeten Frauen erhalten bleiben. Dennoch können Kaisers Interventionen die Bildaussage völlig verändern, denn aus den Präsentationen passiver Weiblichkeit werden durch die mit Stiften erzeugten farbigen Strukturen und die aufgeklebten Ergänzungen nun Darstellungen selbstbewusster Subjekte, die als Schöpferinnen und Handelnde erscheinen. Heute sind wir uns längst der „Gemachtheit“ und Manipulierbarkeit von Fotografien bewusst.

Kaiser spielt mit diesem Wissen, wenn sie das Gegebene als kreative Verhandlungsmasse für experimentelle Werkprozesse nutzt, um unser per se lückenhaftes Verständnis von Vergangenheit durch erhaltene Bilder und Objekte zu thematisieren.

In den persönlichen Arbeiten „Die Ahnin“ und „Die Macht der Familie“ findet unter Verwendung von Porträtfotos der Urgroßmutter der Künstlerin sowie Ansichten ihres Heimatortes eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte statt. In „Den Bogen spannen – für Sabine“ wird, ausgehend von der Figur der Urgroßmutter, eine bis zur Künstlerin und ihrer Tochter reichende Ahnenreihe präsentiert. Es ist ein die Generationen übergreifender gespannter Bogen – im übertragenen und wortwörtlichen Sinn, denn die Tochter ist selbst Bogenschützin.

Erinnerung dient der Selbstvergewisserung und stiftet Identität. Gisela Kaiser gestaltet aus den Erinnerungs- und Fundstücken Bilder und Objekte, die Neu und Alt, Nähe und Ferne, Fantasie und Wirklichkeit verbinden und dem Betrachter dabei Raum für Mehrdeutigkeit lassen. Es ist an uns, das hier ausgebreitete Besondere als „Bild und Gleichnis des Allgemeinen“ (Goethe) zu begreifen.


bis 18. März in der Galerie Drei, Prießnitzstr. 43, geöffnet Mi bis Fr 15 bis 18 Uhr, Sa 12 bis 14 Uhr

Künstlerinnengespräch: Do, 16. März, 19 Uhr

Von Teresa Ende

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