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Cody aus Dänemark bezwangen Dresden und den Jazzclub Tonne mit ihrem Zauber

Cody aus Dänemark bezwangen Dresden und den Jazzclub Tonne mit ihrem Zauber

Oh ja, die nehmen ihre Sache ernst! So ernst, dass Sänger Kaspar Kaae immer wieder irritiert wirkte, wenn ein Geräusch im Tonne-Keller störte, der Mixer eine Tonlage nicht perfekt eingebunden hatte oder - erst recht - er selbst fehlte, ihm eine Anfangstextzeile entfiel.

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Zahlreiche Instrumente, mit denen sie sparsam umgehen: Cody spielten in der Tonne ihre präzise, klare Musik.

"The one I f... up", nennt er das später - offenbar in vollkommener Fehleinschätzung der Tatsache, dass es sechs der sieben Cody-Mitgliedern soeben gelungen war, eine recht passabel gefüllte Tonne an einem elendig eisig-kalten Abend zu verzaubern.

Vermutlich würde er bei diesen Worten auch zusammenzucken. Denn sie treffen es nicht. Da ist nichts Süßliches an den Songs dieser Formation aus Dänemark, der Zauber hier meint den archaischen, durchaus harten, unerbittlichen. Den bezwingenden, der keinen Ausweg lässt. Genau den legen sie uns auf, diese blutjungen Männer mit ihren säuberlich gestutzten Bärten, die man zuerst gar nicht so recht ernst nehmen will.

Auch ihre Musik ist sauber, durchaus. Präzise gespielt, klar akzentuiert, die Einsätze stimmen, auch und gerade, wenn sie einander gegenläufig gesetzt werden. Das, was dabei herauskommt, ist jedoch eher dazu angetan, nachhaltig zu verunsichern. Wie im grandiosen Opener "Disharmony". Davon, die Geliebte beim Schlafen zu beobachten, singt Kaae da, und vom Streifen durch nächtliche Straßen. Das klingt melancholisch, ohne auch nur den Hauch einer Sekunde sentimental zu werden, im Gegenteil, hier eröffnet sich von Anfang an die Weite der Americana-Prärie. Mit ihrer Dürre und unbarmherziger Hitze. Mit Pflanzen, von denen man nicht weiß, ob man sie essen, rauchen oder besser einen ganz weiten Bogen um sie machen soll.

Sparsam gehen Cody mit ihren zahlreichen Instrumenten um. Prägnant stets die Gitarren - Kaae wechselnd an der akustischen und elektrischen, dazu David Fjelstrup genial an der elektrischen. Frederik Nielsen gibt prägende Keyboard-Töne hinzu, Leif Bruun-Andersen spielt die verstärkte Geige so verhalten-untypisch wie nur möglich - wenn er nicht zwischenzeitlich die Mandoline erklingen lässt, Torleik Mortensen geht noch sparsamer mit dem E-Bass um und Caspar Hegstrup als Drummer zeigt, wie man mit Besen richtig dreschen kann - aber auch so leise Töne erzeugen, dass selbst äußerst gespitzte Ohren nicht alles mitbekommen.

So sieht die Weiterentwicklung von Post-Rock (was kommt nach Post - fragten wir uns das nicht schon bei der Postmoderne und ist nicht die beängstigende Antwort: Häufig nichts mehr...) aus. Sie bezieht einfach alles ein: Singer/Songwritertum sowieso, den Pop, okay, aber problemlos und ohne Berührungsängste auch den Jazz. Nicht umsonst haben Cody bereits für so unterschiedliche Künstler wie The National und Bonnie "Prince" Billy den Boden bereitet.

"Fractures" heißt die aktuelle, die erste "richtige" CD der Band nach zwei EPs, und genau diese Brüche sind Programm. Nicht nur, dass jeder Spiegel zerbrochen wird, "just to show that I was a man" - nur, um zu zeigen, dass ich ein Mann bin -, sondern es geht so häufig um den Schmerz, dass man ihn fühlt. Und dieser Schmerz ist nicht süß, nicht weichgespült. Die Erinnerung an eine vergangene Liebe tut umso mehr weh, wenn man sich erinnert: "Remember when we were world champions" - da marschieren die Qualen geradezu, und auch die Kindheit war alles andere als harmonisch: "Bei "Crystal Water" geht es darum, im klaren Wasser fast ertrunken zu sein.

Ein Zettel "Under the Pillow" kann für Hoffnungen und Erwartungen sorgen - aber die einander gegenläufig gesetzten Keyboard- und Drum-Töne lassen auch hier nichts Gutes ahnen. Wenn nichts mehr geht, gibt es die Flucht in den (Velvet Underground-)Lärm, in die (Calexico-)Weite, gar in die sauberen (Mark Knopfler-)Gitarrenerlösungen. All das ist ein Mittel, ein Weg, der ein Stück weit trägt, hinein ins Unbekannte, Eigentliche. Das liegt im Eigenen, im ganz Eigenen. Und wie schön und schwierig und einzigartig das ist, werden diejenigen, deren Musikverständnis über Robbie Williams nicht hinauskommt, nie begreifen. Arme Gestalten, das!

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.03.2013

Beate Baum

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