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Claudia Bauer inszenierte Oscar Wildes "Salome" am Chemnitzer Schauspielhaus

Claudia Bauer inszenierte Oscar Wildes "Salome" am Chemnitzer Schauspielhaus

Nach Gombrowiczs "Yvonne, Prinzessin von Burgund" hebt das Chemnitzer Schauspiel gleich noch eine weitere verstörende Bühnenrarität in den Spielplan. Auf die meistens schweigende unfreiwillige Verführerin folgt jene, die ihren Begierden in den blumigsten Worten Ausdruck zu verleihen vermag: Oscar Wildes vor allem durch die Strauss-Oper bekannte "Salome".

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Daniela Keckeis (Salome), Bernhard Conrad (Jochanaan) und Susanne Stein (Herodias, v.r.) sowie der Hof und Gäste des Herodes.

Quelle: Dieter Wuschanski

Claudia Bauer hält sich bei ihrer Inszenierung weitgehend an den durch das Neue Testament inspirierten Text und dessen Gegebenheiten, verpflanzt, verfremdet bzw. ergänzt aber Handlung und Aussagen in die Neuzeit.

Weil jedoch die Verhältnisse einer spätantiken nicht einfach auf die heutige Welt zu übertragen sind und auch Wildes schwärmerisch schwüler Text vor allem in den seinerzeitigen Tabubrüchen kaum noch nachvollziehbar ist, kommt es nahezu zwangsläufig zu Brüchen ins Absurde, Groteske, Lächerliche, Widerwärtige, Verächtliche. Sodom und Gomorrha ist eine Banalität am Hofe des Herodes (Wenzel Banneyer), der in einem gestylten Glaspalast residiert und auf seiner Geburtstagsfeier im eleganten Frack erscheint (Ausstattung Patricia Talacko, Bernd Schneider). Und beim Weg an die frische Luft mitsamt Gattin Herodias (Susanne Stein eher als gutbürgerliche Mutter denn Herrscherin) in der Blutlache des toten jungen Syriers (Constantin Lücke) ausgleitet.

Die Besudelung im wörtlichen und übertragenen Sinne ist ein Hauptmotiv in dieser Inszenierung, was aber insgesamt weniger expressiv, manchmal schräg, selten bestürzend, gelegentlich aber auch nur gewollt wirkt. Der schwer verliebte Anführer der Leibwache jedenfalls war beim Anblick der im kurzen Röckchen nach dem Propheten Jochanaan verlangenden Salome gleichsam zur Salzsäule erstarrt und hatte seinen Lebenssaft in einem andauernden, ersichtlich schlauchversorgten, aber dennoch lächerlich dünnen Strahl verströmt. Die von ihm, erst recht aber vom königliche Stiefvater Begehrte kommt sozusagen frisch aus dem Teenagerkokon, aus ihrem mit den Idolen des 20. Jahrhunderts tapezierten Mädchenzimmer, eine Blondine mit schlichtem Monroe-Touch. Im Spiel von Daniela Keckeis bleibt sie rätselhaft, weil sie nie düster oder verworfen, sondern immer begehrenswert erscheint und schließlich mehr als Opfer ihrer ungebändigten, weil unerwiderten Gefühle, denn als brutrünstige femme fatal. Dass ausgerechnet der gefangene Prophet sie entflammt, der hier, nur mit seinem hüftlangen Haar bekleidet, immer wieder wie ein Hippie-Messias über bzw. durch die Szene geistert (Bernhard Conrad), liegt wohl nicht allein an seiner Stimme und den so eigenartig berührenden Verkündigungen, die sich mit den vagen Gefühlen der jungen Frau treffen, sondern hat auch etwas Irrationales. Übrigens scheint er tatsächlich stark von ihr angezogen, fast ihrer Faszination zu erliegen. Da muss er sich noch mit einer anderen Argumentation als der generellen Verfluchung des begehrlichen Weibes zur Wehr setzen: Eine faschistoide Diktatur des eigenen Ich geißelt er, der Salome verfallen sei und gegen die nur Demut helfe.

Tasächlich herrschen an Herodes Hof Sinnentleerung und ein Narzissmus, der sich beim Herrscher gelegentlich mit kühlen Geistesblitzen und liberalen Anwandlungen schmückt. Die Gesellschaft gerät zur marionettenhaften austauschbaren Staffage; mal sind es Juden, die sich ereifern, ob es Engel gebe oder nicht, mal Römer, die zur der Feier erscheinen, die mit einer Tortenschlacht und netten Schießmichtot-Revolverspielen ihre unterhaltsamen Höhepunkte findet. Bis das Kind eigentlich ins Bett muss. Aber dann doch noch tanzen soll. Aber sie tanzt eigentlich gar nicht, sondern nähert sich nur und setzt sich ganz ohne Schleier auf den Schoß ihres Stiefvaters, um das Haupt des Jochanaan in einer Schüssel zu verlangen. Der Lebemann versagt wie vorgesehen, aber wissend, die Mutter triumphiert umgeben von Weibern wie Hyäne, nur Jochanaan begreift nicht sein Schicksal. In schwarzer Montur erscheint er schließlich mit seinem Kopf unter dem Arm als Opfer seiner Ideologie und lässt sich von Salome küssen, so dass sie begreift, dass alles zu spät ist. Herodes' Befehl ("Man töte dieses Weib") stellt keine Ordnung wieder her, zerstört höchstens den letzten Funken Hoffnung.

Man kann die Inszenierung provokant, kurzweilig, widersprüchlich finden, manches ihrer Mittel aufgesetzt oder buchstäblich an den Haaren herbeigezogen, aber sie versinnbildlicht nicht nur eine durchaus reale Dekadenz, von der man sich geekelt oder auch nur gelangweilt abwenden kann, sondern schafft auch immer wieder Momente, in denen der Atem stockt und fast so etwas wie eine neue Ahnung aufkommt, dass jemand Zukunft weissagen und dass der Mensch sich danach richten könnte.

Aufführungen: 26. Mai, 1.und 9. Juni

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.05.2012

Tomas Petzold

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