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Regional Christoph Heins „Ritter der Tafelrunde“ aus kubanischer Perspektive
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19:04 22.05.2018
„Ritter der Tafelrunde“, Inszenierung des kubanischen Teatro del Viento. Quelle: PR
Batzdorf

Ein altes Schloss, eine ehemalige Burg als Schauplatz für Christoph Heins „Ritter der Tafelrunde“. Die alten Herren der Uraufführung vor fast 30 Jahren, feiern sie Urständ in ihren schweren Rüstungen? Weit gefehlt. Am ehesten erinnert die junge Truppe, die in ihren schrägen bis schrillen Kostümen zum Abschluss der Batzdorfer Pfingstfestspiele den Theaterboden entert, wohl noch an das fahrende Volk zu Shakespeares Zeiten, in Wahrheit aber an einen karibischen, genauer kubanischen Karneval. Mit Fleisch lebe wohl liegen wir da gar nicht so falsch. Heins Ideendrama von der vergeblichen Gralssuche führt eigentlich auch das Scheitern jeglicher abstrakten Gesellschaft vor, denn ein Mittel, Elixier oder Idol, das alle Menschen auf Dauer glücklich macht, lässt sich nicht synthetisieren, konstruieren, erdenken, nicht in mystischen oder mythischen Gründen aufspüren und vor allem nicht mit Erfolg verordnen. Jeder kann es nur in sich selbst finden. Und bis dahin braucht es womöglich eine neue Revolution.

Um diese beiden Vermutungen von Christoph Hein kreist oder kreißt die Inszenierung von Freddys Núñez Estenoz, der in malerischer, aber arg zerschlissener Uniform stets mehr oder weniger präsent ist, aber dafür ohne eigentliches Bühnenbild auskommt. Was hier in einer reichlichen Stunde vorbeirauscht oder in einen Rausch versetzt, ist eigentlich eine Collage aus Textfragmenten des Stücks und ebenso praller wie absurder Alltagserfahrung. Das theoretische Gerüst des anachronistischen Ideendramas wird ausgefüllt und überschwemmt von konkreter Gegenwart, hinweggeblasen dafür das taktische, das theoretische, das zweifelnde, zaudernde Palaver… von überschäumendem Temperament und Leidenschaft, Tanz und Gesang. Als deutscher Zuhörer kann man in erster Instanz freilich das Wenigste davon verstehen.

Immerhin so viel: Ja, das ist Trash, aber mit Stil und in Perfektion. Auch in dem Sinne, dass die Latinokultur längst auch „westlich“ infiltriert und unterwandert ist. Ja, da sind die Frauen, Kunneware, Jeschute, Ginevra, die irgendwelche naheliegende Zwistigkeiten austragen. Artur trägt eine Altersmaske, gewissermaßen janusköpfig. Parzival, der Zeitungsmensch, der ständige Grenzgänger zwischen innen und außen, offenbar des-illusioniert, aber doch engagiert, wird gespielt von Vladimir Garcia del Risco, der vor zwei Jahren in der Radebeuler Aufführung als eine Leidensfigur von Lancelot zu erleben war. Nun kommt er noch später, als junges, mit männlichen Genitalien behängtes Mädchen von allzu lebendiger Körpersprache. Das Chaos steigert sich vorübergehend zur Farce. Aber Mordret will nicht zerstören. Das erschließt sich bei diesem so einmaligen Gastspiel freilich nur durch „institutionelle“ Kunstgriffe.

Eine solche Institution ist Tom Quaas, der das Unternehmen überhaupt wesentlich ermöglicht hat. Ein Herr im Frack verliest die Intentionen der Inszenierung, proklamiert die beabsichtigten Wirkungen. Eine solche Unsäglichkeit für deutsche Bühnen will und kann freilich gebrochen sein, indem der Sprecher von den Akteuren dabei ständig bezupft und beturtelt wird, solange ihm das „noch nicht unangenehm“ ist und schließlich die steifen Hüllen fallen bis aufs Tütü und er sich hineinstürzt in die fremde bunte Welt, die freilich auch bestürzend ist. Und die Bestürzung ist gegenseitig, nämlich darüber, dass den Empfängern hier die Antenne fehlt für den eigentlichen Esprit und die vielen kleinen Botschaften, die den Erfolg der Inszenierung auf der Insel ausmachen. Ein klein wenig helfen da die beiden Dolmetscher, an die man sich spontan in tiefster Not wenden kann. Nach der sogenannten Wende „geht hier alles den Bach runter“. Aber so richtig werden die realen Bezüge zum kubanischen Alltag und seinen kleinen und großen Protagonisten natürlich nicht sicht-, geschweige nachvollziehbar. Das einzige, was Brücken baut, ist eine wachsende Sympathie.

Vom Leben, das sehr schnell vorbeigeht, und an dessen Ende sich – nur – der Mensch vor die Frage gestellt sieht, ob es einen Sinn hatte, ist hier wohl weniger die Rede. Hier hat die Zukunft schon begonnen, aber keiner weiß, wie sie aussehen wird, und die wenigsten sind darauf vorbereitet. Das Theater schon, und es weiß die gegebenen Freizügigkeiten für die Kunst, die auf Kuba für jedermann zugänglich ist, auch professionell zu nutzen. Mordret soll nicht zerstören. Nicht auf Geschwindigkeit kommt es an, sondern auf Widerständigkeit, das ist eine Losung, die freilich nicht jeder unterschreiben will. Demokratie ist eine schöne Sache, und sie scheinen schon zu wissen, wovon sie da reden. Aber sie wollen das Land, das unglücklich-glücklich vom Wasser umschlossen und jetzt noch ihres ist, dafür nicht an die Macht des ausländischen Kapitals ausliefern.

Ohne das anschließende Zuschauergespräch, an dem auch der Regisseur der Uraufführung Klaus Dieter Kirst und ein die Truppe begleitender kubanischer Kulturfunktionär teilnahmen, hätten sich freilich deutlich weniger Details und Hintergründe erschlossen. Der große Schlussbeifall hatte vor allem dem unerschrockenen, frechen Engagement, der hinreißenden Musikalität und dem tänzerischen Schwung gegolten und vielleicht auch der schrillen Optik, die freilich nie in die auf deutschen Bühnen etablierte Geschmacklosigkeit abglitt. Der Beifall nach dem Gespräch aber war eine Art Solidarisierung: Es ist möglich, miteinander zu reden.

weitere Aufführungen: heute, 20 Uhr, Societaetstheater Dresden; 25. Mai, 19.30 Uhr, Landesbühnen Sachsen in Radebeul

Von Tomas Petzold

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