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17:54 27.04.2017
Christoph Hein Quelle: A. Kempner
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Dresden

Im umgebauten Kulturpalast Dresden eröffnet an diesem Wochenende auch die neue Zentralbibliothek – mit einer Reihe prominent besetzter Lesungen. Am Sonnabend, 19 Uhr, ist Christoph Hein zu Gast mit seinem jüngsten Buch „Trutz“.

Es ist eine niederschmetternde Bilanz, die sich in diesem Roman vor uns auftut. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Nationalsozialismus und Sozialismus sowjetischer Prägung zerstörten Menschenleben, vernichteten größte Geistesleistungen. Nicht selten spurlos, weil man mit den Akten alle Erinnerungen verschwinden ließ.

So beklemmend wirkt dieses Buch auch, weil wir sehen, wie diese Geschichte sich fortsetzt bis heute: dass die Mächtigen sich historische Tatsachen ihren Interessen gemäß zurechtmodeln.

Zwei Familiengeschichten stehen im Mittelpunkt: Zum einen die von Rainer Trutz und seiner Frau Gudrun. Er, Bauernsohn aus dem Vorpommerschen, der in Berlin Anfang der 1930er Jahre als Journalist arbeitet, sich als Schriftsteller zu etablieren versucht. Sie, Gewerkschafterin, christliche Sozialistin, Anhängerin des evangelischen Theologen Paul Tillich. Beide passen nicht ins ideologische Raster der Extremisten, lehnen den Nationalsozialismus ab, sind aber auch keine Kommunisten. Wie unpolitisch Rainer Trutz ist, wird in den Debatten mit seiner Frau besonders deutlich. In der Zeitung liest er stets nur den Kulturteil, ignoriert die Titelseite. Als Schriftsteller will er nichts anderes, als genau auf die tatsächlichen Verhältnisse zu schauen, sie nicht politischen Anschauungen gemäß zurechtstutzen.

Christoph Hein: „Trutz“ Quelle: Verlag

Das Verführerische von Ideologien wird bereits auf den ersten hundert Seiten erkennbar: Es sind begeisternde Wunschvorstellungen. Lilija Simonaitis, Intellektuelle aus der Sowjetunion in diplomatischem Dienst in Berlin, die Rainer Trutz und seiner Frau zur Flucht nach Moskau verhilft, sagt ihm den hellsichtigen Satz: „Die Träume und Irrtümer der anderen sind nicht größer und nicht verrückter als unsere eigenen.“ Allzu menschlich ist es, dieser Faszination zu erliegen, seine Wahrnehmung von ihr leiten zu lassen.

Rainer Trutz indes wird seine ideologische Abstinenz, sein klarer, nüchterner Blick zum Verhängnis. Er und seine Frau flüchten vor den Nazis. Im Exil in Moskau findet er als „progressiver deutscher Schriftsteller ohne Parteizugehörigkeit“ nicht unter das Dach einer kommunistischen Organisation. Geistige und politische Unabhängigkeit wird zum Ausschlusskriterium unter den viel zu vielen weitgehend unbekannten Emigranten. Er, der Antifaschist, kommt in Workuta auf grausame Weise ums Leben. Das Leben seiner Frau, als Deutsche deportiert, endet hinter dem Ural.

Diese Familiengeschichte verbindet sich in Moskau mit einer zweiten: der des herausragenden Mathematikers und Linguisten Waldemar Gejm, der 1951 in einem Zwangsarbeitslager umkommt. Ähnlich wie Trutz hält er sich von der Ideologie fern, will nichts anderes sein als Wissenschaftler. Er ist eine Kapazität auf dem Gebiet der Mnemonik, der in der Antike entstandenen Lehre von den Techniken des Erinnerns. Dieser Forschungsgegenstand wird in der Praxis zu seinem Schicksal - und dem der Söhne. Gejms Sohn Rem und Maykl, der von Rainer Trutz, eignen sich die Kunst des Erinnerns an. Doch ihr absolutes Gedächtnis reißt sie ins Verhängnis.

Das Spurentilgen begann bereits beim Erfinder der Erinnerungskunst, Simonides von Keos. Die Archive vernichteten seine Arbeiten, wie Waldemar Gejm erzählt: „Das Gedächtnis, das gute und genaue Gedächtnis war nicht immer erwünscht. Wenn es einen Erfinder der Vergesslichkeit gäbe, er wäre hoch angesehen, mit ihm könnte man sich besser verständigen, der gemeine Mann wie die Herrscher. Das war so, das ist so, das bleibt so.“

Mit den Diktaturen, zeigt uns Hein, endet dies keineswegs. Maykl Trutz, den es in die DDR verschlagen hat, bekommt das auch nach der Wiedervereinigung zu spüren. Siegt Macht stets über über die historische Wahrheit? Diese große Frage an Geschichte und Gegenwart zieht sich durch diesen Roman, macht ihn so großartig und brisant.

Mit sparsamen Strichen zeichnet Hein seine Figuren, konzentriert sich aufs Wesentliche. Er erzählt in gewohnt nüchternem Chronisten-Stil. Derart glasklar wie unerbittlich mitgeteilt treffen einen diese Schicksale umso wuchtiger.

Fast getilgte Spuren noch einmal aufnehmen, vielleicht kann das am Ende nur die Literatur. Romane wie dieser können Lücken in der Geschichte schließen – und uns vor dem Vergessen warnen.

Lesungen in der neuen Zentralbibliothek

29. April: 11 Uhr, „Die Känguru-Chroniken“ mit Dirk Neumann

29. April: 13 Uhr, Tanya Stewner: „Liliane Susewind“

29. April: 15 Uhr, Ingo Siegner: „Der kleine Drache Kokosnuss“

29. April: 17 Uhr, Stefan Schwarz: „Oberkante Unterlippe“

29. April: 19 Uhr, Christoph Hein: „Trutz“

30. April: 19 Uhr, Elke Heidenreich: „Alles kein Zufall“

Ort: Zentralbibliothek, Kulturpalast, Schloßstr. 2

Eintritt: frei, aber nur mit Eintrittskarte, die bis 18. März vergeben wurden

Von Tomas Gärtner

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