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Christian Thielemann braucht keine Jubiläen, um Strauss und Wagner zu dirigieren. Das macht er sowieso

Christian Thielemann braucht keine Jubiläen, um Strauss und Wagner zu dirigieren. Das macht er sowieso

Er ist ein Richard-Dirigent. Und zwar einer der besten, die es derzeit gibt. Im vorigen Jahr galt dies Richard Wagner, nun ist Richard Strauss damit gemeint. Aber eigentlich, so sagt Christian Thielemann, dirigiert er Wagner und Strauss doch sowieso und bräuchte gar keine Jubiläen.

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Christian Thielemann

Quelle: Matthias Creutziger

In der Tat gilt der 1959 in Berlin geborene Dirigent seit Beginn seiner Karriere dem Repertoire von Wagner, Strauss und Pfitzner in besonderer Weise verbunden. Alle drei sind aufgrund missbräuchlicher Details in ihrer Vita nicht unumstritten - der Judenhass bei Wagner, die Reichsmusikkammer bei Strauss, das Deutschtum bei Pfitzner -, doch Thielemann wird zu betonen nicht müde, dass er Musiker sei und sich sein Repertoire allein aus musikalischen Grünen wähle. "Ein C-Dur-Akkord ist nicht politisch."

Spätestens seit seinem Amtsantritt als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle 2012 steht Christian Thielemann nun in einer direkten Traditionslinie zu Wagner und Strauss. Beide haben dieses Orchester dirigiert, beide sind durch zahlreiche Uraufführungen mit der Kapelle aufs Engste verbunden. Allein von den 15 Opern, die Strauss komponiert hat, sind neun in Dresden uraufgeführt worden. Der sich daraus ergebenden Verpflichtung wird Thielemann nur allzu gern gerecht. Im Januar leitete er eine grandiose "Elektra" in Dresden, zu den Osterfestspielen Salzburg brachte er mit "seinem" Orchester, wie er die Kapelle gern tituliert, "Arabella" auf musikalisch höchstem Niveau heraus. Zahlreiche Orchesterwerke und sogar Kammermusiken folgten inzwischen, anderes steht noch bevor.

"Das ist doch das größte Glück, mit einem Orchester zu arbeiten, das solche Traditionen hat", schwärmt der Maestro. "Dazu kommt die pure Freude, Richard Strauss hier aus dem Uraufführungsmaterial zu dirigieren." In den historischen Partituren sind teils noch handschriftliche Aufzeichnungen von Strauss und späteren Dirigenten vorhanden. Thielemann empfindet dies als "beflügelnd": "Die Partitur hat eine ganz eigene Atmosphäre, man fühlt sich mehr als verpflichtet allein schon durch diesen Duft."

Im Gespräch wird deutlich, wie sehr der Berliner Thielemann den am 11. Juni vor 150 Jahren in München geborenen Richard Strauss verehrt. Dies sei der einzige Komponist, den er gerne mal persönlich kennengelernt hätte. Eine Begegnung mit Wagner hingegen würde er eher ablehnen, aus Furcht, menschlich enttäuscht zu sein. "Aber eine Runde Skat mit Strauss - liebend gerne!"

Gut möglich, dass in dieser Runde auch Ernst von Schuch seinen Platz fände, denn dieser vor 100 Jahren gestorbene Dirigent hat über vier Jahrzehnte die Geschicke des Dresdner Orchesters - damals noch Hofkapelle - geleitet und dabei eng mit Strauss zusammengewirkt. "Strauss wäre wahrscheinlich ohne Schuch nicht der geworden, der er war," meint Thielemann, "denn er hat dieser Musik zur Geburt verholfen.

Aber worin besteht das Dresdner Vermächtnis von Richard Strauss? Christian Thielemann strengt nochmal den Vergleich zum "anderen" Richard an: "Wagner war ein absoluter Neuerer und wurde dafür ausgiebig gefeiert. Strauss steht zwar in einer gewissen Nachfolge, er war auf seine Art ja auch modern, wurde aber von manchen Zeitgenossen als Bewahrer der Tradition und als Verräter an der Moderne gesehen." Im Gegensatz zum sehr bewegten Leben Wagners, der oft auf der Flucht war, habe Strauss geradezu bürgerlich gelebt. Die Villa in Garmisch, das Orchester in Dresden, das alles sei dem Gründungsvater der Komponistengenossenschaft, aus der die heutige GEMA hervorging, geradezu in den Schoß gefallen. Die angeblich so skandalöse "Salome" würde ihm einem reichlich beschränkten Urteil des deutschen Kaisers Wilhelm II. zufolge "furchtbar schaden". Des Komponisten Kommentar dazu: "Von diesem Schaden konnte ich mir die Garmischer Villa bauen!"

Das schöne Haus ist nach wie vor im Besitz der Familie. Christian Thielemann war mehrfach dort und berichtet vom lebendig gehaltenen Geist des Schöpfers. "Der hat sich nach dem Frühstück an den Schreibtisch gesetzt und komponiert. So ähnlich hat das auch Hans Werner Henze gemacht, von dem ich ja mehr denn je denke, dass er ein legitimer Nachfolger von Richard Strauss war." Beide Meister hätten beispielsweise die Fertigkeit besessen, ihre Werke perfekt zu instrumentieren - und dies erst gegen Ende als Kompliment akzeptiert. Mit Strauss sei die tonale Ära der Musik zu Ende gegangen, resümiert Thielemann und konstatiert: "Die Verbindung von musikalischer Schönheit, Publikumszuspruch und Geschäftstüchtigkeit macht ihm so rasch niemand nach."

Charakteristisch für Strauss' Musik ei eine gewisse Leichtigkeit, so Thielemann. "Da kriegen Sie den Strauss gar nicht zu fassen, Wagner aber doch. Ich finde immer wieder Chormusik und Klavierlieder, die ich nicht kenne, da ist noch viel zu entdecken." Er gesteht, von Strauss nie genug bekommen zu können: "Am liebsten würde ich alles von ihm dirigieren, aber das wird man nicht schaffen." Auf jeden Fall komme der spezielle Klang der Sächsischen Staatskapelle dem Strauss-Klang sehr entgegen: "Das ist nie vordergründig brillant, aber trotzdem brillant. Mich fasziniert, wenn man die Dinge nicht sportiv nimmt, sondern sie mehr erahnt."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.06.2014

Michael Ernst

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