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Chorus 116 und Dresdner Barockorchester musizieren für Dresdner und für Flüchtlinge

"Empathie ist notwendig und Mut" Chorus 116 und Dresdner Barockorchester musizieren für Dresdner und für Flüchtlinge

Mit der Aufführung der Kantaten IV-VI des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach schließt der chorus 116 nicht nur die Reihe der Festkonzerte zu seinem Zehnjährigen ab, sondern will, in die Zukunft blickend, auch besonderes soziales Engagement für Toleranz und Weltoffenheit in Dresden zeigen.

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Dirigent Milko Kersten: "Mit interessanten Programmen können wir Musiker Fragen aufwerfen, zum Nachdenken anregen".

Quelle: PR

Dresden. Mit der Aufführung der Kantaten IV-VI des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach schließt der chorus 116 nicht nur die Reihe der Festkonzerte zu seinem Zehnjährigen ab, sondern will, in die Zukunft blickend, auch besonderes soziales Engagement für Toleranz und Weltoffenheit in Dresden zeigen: In Kooperation mit dem Förderverein der Kreuzkirche sind Flüchtlinge eingeladen, dieses gerade im sächsischen Kulturraum so tief verwurzelte Werk zu erleben und damit unser Lebensgefühl ein Stück mehr kennenzulernen. Das Konzert findet am Sonntag in der Annenkirche statt. Mit dem Dirigenten Prof. Milko Kersten sprachen DNN über Anlass und Ziel des besonderen Konzertes.

Frage: Das Ensemble Chorus 116, die Solisten des Abends und das Dresdner Barockorchester wollen mit ihrer Aufführung des Weihnachtsoratoriums ein ganz besonderes Zeichen setzen: Zu dem Konzert am Sonntag in der Annenkirche sind Flüchtlinge herzlich willkommen. Wie ist diese Idee entstanden?

Milko Kersten: Der letzte Satz in der VI. Kantate lautet "bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht". Dies inkludiert alle Menschen friedlichen Willens. Eine Botschaft größtmöglicher Toleranz. Als wir im Frühjahr des letzten Jahres beim Förderverein der Kreuzkirche anfragten, ob wir zum Neujahrskonzert 2016 in der Annenkirche musizieren könnten und die Türen für Flüchtlinge öffnen dürften, war die Zustimmung sofort zu haben. Schon damals war abzusehen, welche Herausforderungen auf unsere Stadt zukommen würden.

An welche Menschen richtet sich die Einladung?

Wir, der Chorus 116 und das Dresdner Barockorchester, laden das Stammpublikum und auch alle, die uns noch nicht kennen, ein, unsere Sicht auf Bach zu erleben. Darüber hinaus bieten wir allen Musikliebhabern die Chance, mit dem Kauf ihrer Karte Flüchtlingen ein musikalisches Erlebnis zu ermöglichen.

Haben Sie sich Partner und Wege gesucht, um dieses Angebot überhaupt den betreffenden Personen bekannt zu machen?

Aus den Reihen des Chores und Orchesters gibt es bereits dauerhafte Kontakte zu Flüchtlingen, darüber hinaus hat der Chorvorstand mit hohem Engagement Verbindung zu Sozialbetreuern für Asylsuchende und deren Koordinatoren bei verschiedenen Trägerinstitutionen aufgenommen und für das Konzert geworben. Auch beim letzten Montagskaffee im Kleinen Haus hat der Vorstandsvorsitzende des Chorus 116 e.V. Christian Pappisch auf diese Möglichkeit hingewiesen.

Wie ist bisher die Resonanz darauf?

Wir bekommen viele positive, wenn auch noch unverbindliche Reaktionen. Als eingetragener Verein sind wir auch nicht in der Lage, alles bis zum Schluss zu organisieren. Wir können nur hoffen, dass unsere Idee aufgeht und angenommen wird. Wir sind ja auch zum Glück überhaupt nicht Einzigen, die so etwas tun, und reihen uns bescheiden ein in die Menge derer, die eine moralische Verpflichtung empfinden, die Insel der eigenen Glückseligkeit teilend zu verlassen. Wir möchten gern den Versuch wagen und empfinden es als allemal besser, etwas Kleines zu tun, als lediglich groß diskutierend im Konjunktiv zu verharren.

Das Weihnachtsoratorium des Leipziger Thomaskantors Bach ist eines der bedeutendsten identifikationsstiftenden Werke des Abendlandes. Viele Flüchtlinge gehören anderen Religionen an, kommen aus islamischen Ländern. Wie wollen Sie diesen die "Botschaft" des Werkes vermitteln?

In unserem Einladungstext haben wir, übrigens u.a. auch in Arabisch, folgendes formuliert: "Es gibt eine Tradition in Deutschland, sich zu Beginn eines jeden neuen Jahres in einer Kirche zu versammeln, um der Musik Johann Sebastian Bachs zu lauschen. Dabei mischen sich gläubige Christen mit Andersgläubigen und Nichtgläubigen. Alle empfinden, dass die Erzählung des Weihnachtsevangeliums wie auch die wunderbare Musik Bachs etwas zu senden haben, was alle miteinander verbinden kann. Es ist eine Botschaft des Friedens und der Toleranz, die in die Welt kommt und die mit jeder Aufführung wieder neu belebt wird. Wenn es Ihnen möglich ist, eine christliche Kirche zu betreten, dann sind Sie herzlich eingeladen, unser Konzert zu besuchen."

Wir haben in den letzten Wochen viel diskutiert, und selbstverständlich gibt es auch innerhalb des Chorus 116 unterschiedliche Auffassungen zur gesellschaftlichen Verantwortung von Laienmusikensembles. Ohne das überbewerten zu wollen, ist für mich ein Agieren als Künstler oder Pädagoge, ob mit Schülern am Schütz-Konservatorium, den Studierenden der Musikhochschule, dem Chorus 116 oder Profis nicht ohne gesellschaftliche Positionierung denkbar. Dies versuche ich konsequent zu leben, und das ist den von mir verantworteten Konzertprogrammen der letzten Jahre sicherlich auch anzumerken gewesen.

Was heißt das für das Weihnachtsoratorium?

Für uns Sachsen ist das eine Musik, die uns ausmacht, die wir in uns tragen. Wer bei uns um Asyl/Hilfe bittet, muss sich mit unserer Kultur bekannt machen und bekommt zum Beispiel in unserem Konzert die Chance zu erleben, wie aufmerksam ein hiesiges Publikum der Interpretation folgen wird. Wie tief die meditative Wirkung verspürt wird. Für manche der Eingeladenen wird die Begegnung mit diesen Tönen vermutlich zunächst befremden, vielleicht auch die Länge des Werkes, des stillen Verharrens eine Herausforderung darstellen. Aber meine Erfahrung zeigt, dass viele sich von der Atmosphäre beeindrucken lassen und unbedingt mit ihren Handys, der einzigen Lebensader zu ihrer Heimat, einen Mitschnitt machen möchten oder Fotos, weil sie im Nachhinein wieder in der Enge zurück davon zehren möchten. Hier bedarf es dann unserer Toleranz - Flüchtlinge benötigen ein paar "Proberunden", um sich in unserem Kulturkreis zu orientieren, die sollten wir gelassen bieten.

Die Dresdner, die zu dem Konzert kommen, finanzieren mit dem Kauf einer Karte auch einen Platz für Flüchtlinge. Wird es darüber hinaus an dem Abend Gelegenheit zu Begegnungen geben?

Nach dem Konzert wird es auch die Gelegenheit zu Begegnungen zwischen den Mitwirkenden und Konzertbesuchern geben. Wir wollen uns selbst überraschen lassen, was geschehen wird.

Was, denken Sie, können und müssen Dresdner Künstler überhaupt tun, um auf die tiefen Widersprüche, die seit Monaten offen zu erleben sind, zu reagieren?

Ich mag nur für mich sprechen. Mit interessanten Programmen können wir Musiker Fragen aufwerfen, zum Nachdenken anregen. Ich meine, wir alle müssen uns mit politischen Zusammenhängen und historischen Geschehnissen aus- einandersetzen, um daraus eine eigene Ethik und Vorstellung von Gerechtigkeit und sozialem Miteinander entwickeln zu können. Auch um bestimmte Entscheidungen unserer Vorfahren und Eltern besser verstehen zu können. "Wenn im dritten Reich mehr Grenzen geöffnet worden wären, hätte man sicher mehr Menschen retten können", lesen wir heute, wollen nun aber riesige Schutzwälle zurück haben gegen die "Anderen", vergessend, dass wir alle, erweitern wir den Blick um zwei, drei Generationen, einen Migrationshintergrund haben.

Die Konflikte dieses Jahrhunderts sind keine unvermeidlichen Katastrophen ...

... und sie werden nicht von Monstern ausgetragen, sondern von Millionen von Menschen, die kurze Zeit zuvor noch Nachbarn, Kollegen oder sogar Freunde waren. Auch Dresden war mal eine Stadt, in der die Bewohner unzähligen jüdischen Mitbürgern tiefes Unrecht angetan haben, vor allem durch aktives Wegschauen. Daraus leitet sich ab, dass alle vernünftigen Menschen wachsam sein müssen, wenn wenige Verführer heute wieder nach einem starken Mann rufen oder den vermeintlichen "Feind" der Gesellschaft oder eine falsche Religion ausgemacht haben. Empathie ist notwendig und der Mut, auch unangenehme Fragen zu stellen - wie z.B. hätten wir mitgemacht?

Wie sähe eine lebenswerte Dresdner Gesellschaft des Jahres 2016 aus?

Die Bewohner und Gäste dieser Stadt lebten 2016 friedlich, menschenwürdig und mit hoffnungsvollen Perspektiven zusammen. Montags würden alle Dresdner Kinder und Jugendlichen auch abends wieder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, weil viele vormals ängstliche Bürger den Eindruck hätten, dass unsere Politiker in Sachsen aufgrund eines weltoffenen Konzeptes handeln, Verantwortliche ihre Vorhaben erklären würden und immer mehr Menschen wieder Lust entwickelten, sich als Demokraten in konkrete Projekte einzumischen. Und nach der Arbeit und ihrem ehrenamtlichen Engagement kämen dann alle in viele wunderbare Konzerte, Vorstellungen, Performances und Ausstellungen

Interview: Kerstin Leiße

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